Der Verlag Edition Atelier hat im Rahmen seiner Reihe “Wiener Literaturen” Richard von Schaukal 1907 erschienenes Büchlein “Leben und Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser, eines Dandy und Dilettanten” in optisch ansprechender Manier neu aufgelegt. Das Buch, das eigentlich keines sein darf, denn Andreas von Balthesser war (seine Schriften erscheinen hier quasi posthum nach dem Duell-Tod des fiktiven Autors, herausgegeben von Richard von Schaukal) ein Schriftsteller wider Willen, der Handbücher verabscheute, wozu sein posthumes Werk doch geriert, nämlich zu einem über Stil, Geschmack & Umgangsformen. Freilich spiegelt dies nur die Paradoxie, die den Dandy ausmacht und die sich in diesem Buch auf weiteren Ebenen ausweist. Neben Fragen der Lebenskunst behandelt Herr von Balthesser in seinen Schriften die Themen Kleidung, Kunstbetrachtung, Schriftstellerei, Konversation, Aristokratie u.ä. Wenngleich er es als geschmacklos verurteilt, wenn Menschen ihre Meinung öffentlich kundtun und er den Dandy gerade wegen seines dezenten und taktvollen Auftretens rühmt, erweist sich das Büchlein doch als große Verurteilung der Geschmacklosigkeiten der modernen Gesellschaft. Als Dandy ist Andreas von Balthesser ein Konservativer und Anhänger der stilvollen, aristokratischen Umgangsformen. Man spürt die Krise der Jahrhundertwende in Schaukals Schrift, wie sie auch im Werk von Hugo von Hofmannsthal (der als Vorlage für den Balthesser diente) und anderen Wiener Autoren jener Zeit virulent war. Eine sich beschleunigende Zeit brach an, gegen welche die Autoren anschrieben. Schaukal setzt in seinem Balthesser auf den Dandy als Figur der Entschleunigung und Zweckfreiheit in einer Zeit des bürgerlichen Nützlichkeitsdenkens. So liest sich beispielsweise das Tagewerk des Dandys:
»Und eigentlich sollte man, wenn man gut und lange geschlafen und sich darauf, nach einem lauwarmen Bad in einer glänzend weißen Wanne, mit der liebenswürdigen Sorgfalt angekleidet hat, die eines der zehn Gebote der Selbstachtung ist, wohlgepflegten Kindern zusehen, die Reifen schlagen, oder im Garten die Bäume betrachten, die Blüten treiben, oder am gleitenden Wasser liegen auf einer weichen englischen Decke und sein Spiegelbild in den Wellen haschen wie weiland Narziß.«
Der Dandy wird bei Schaukal vorrangig intellektuell definiert, die Kleidung ist lediglich das sichtbarste Symbol seiner Überlegenheit. Darin folgt er Barbey d’Aurevillys Auseinandersetzung mit dem Dandy in dessen 1845 erschienen Studie “Vom Dandytum und von George Brummell” (die von Schaukal ins Deutsche übertragen wurde), doch auch der Einfluss Stendhals ist deutlich, beispielsweise in der elitären Leserkonzeption der ‘happy few’ und der Verachtung der heuchlerischen Höflichkeiten im gesellschaftlichen Umgang. Schaukals Dandy ist unzugänglich, glatt, unfassbar. Insofern kann er als Symbol der Sprachkrise um 1900 gelesen werden, die ihren wohl beredsten Ausdruck 1902 in Hofmannsthals Chandos-Brief fand und die auch in Schaukals Buch an verschiedenen Stellen deutlich wird. Der Dandy erscheint dann als Signifikant, dessen Signifikat überhaupt nicht mehr zu greifen ist, sich beständig entzieht. Damit steht die Problematik jedoch im umgekehrten Verhältnis zu Hofmannsthals Brief, worin die Signifikanten jegliche Bedeutung verlieren, was schon darauf verweist, dass der Balthesser vorrangig ironisch zu lesen ist.
Schaukals Dandy ist darum bemüht, sich ausschließlich in aristokratischen Kreisen zu bewegen, da einzig dort noch ein gepflegter Umgangston kultiviert wird. Bürgerliche und künstlerische Kreise werden als stillos abgetan und gemieden. Gerade der geadelte Bürger – zu dem Schaukal im Übrigen 1918 selbst erhoben wird – gilt Andreas von Balthesser als »tpyische[n] Vertreter des neunzehnten Jahrhunderts – des Jahrhunderts der Lüge«. Anderen Autoren, insbesondere den so genannten Kaffeehausliteraten, geht er lieber aus dem Weg und stilisiert sich vorsichtshalber zum Dilettanten, der von allen Zwängen befreit ist, die eine Professionalisierung mit sich brächte.
Letztlich evoziert Schaukals Balthesser eine vergangene Zeit, verkehrt in Kreisen und predigt Umgangsformen, die unweigerlich dem Untergang geweiht sind, wie er immer wieder selbst betont. Schon der Tod im Duell, ein anachronistisches Moment, selbst im Wien des überschrittenen fin de siècle, verweist deutlich auf die Überlebtheit dieses Lebensentwurfes. In England und Frankreich hatte das Dandytum zu jener Zeit bereits zwei Hochphasen hinter sich, die nächste sollte erst in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg wieder anbrechen.
Berücksichtigt man die Modellvorlage Hofmannsthal, kann das Buch als Kritik an dessen Ästhetizismus gelesen werden – einer so eindeutigen Interpretation verweigert sich das von zahlreichen Ironisierungen geprägte Werk freilich, wie allein das Spiel zwischen den verschiedenen Autor-, Erzähler- und Herausgeberinstanzen suggeriert.
Während sich der Dandysmus inhaltlich eher epigonenhaft als originär ausweist (die Konzeption fußt stark auf Barbey d’Aurevilly), gelingt es Schaukal auf formaler Ebene jedoch einen überzeugenden literarischen Dandysme auszuprägen. Keiner literarischen Gattung zuzuordnen, wechselt der Balthesser zwischen Aperçus, Essays, Briefen, Axiomen, Gesprächen und Vorträgen. Hinzu kommen Aussagen, die dem eigenen Handeln widersprechen, Herabsetzungen des Gegenübers, die Konstruktion einer elitären Position, von der aus alles Niedere mit Spott beworfen wird. Der literarische Dandy wird von Balthesser, der das Schriftstellertum verabscheut, als einzige Möglichkeit gesehen, der »üble[n| Ausdünstung dieses Milieus« zu begegnen. In seiner Undurchdringbarkeit bietet er Schutz gegen die anmaßenden, profanen Vertreter des allgemeinen Literaturbetriebs. Die im äußeren Stil des Dandys kultivierte Kunst der Unauffälligkeit wird hier freilich vollständig konterkariert.
Der Anhang des Buches wirkt leider mehr willkürlich als durchdacht. Barbey d’Aurevillys von Richard Schaukal ins Deutsche übersetzte Studie über das Dandytum und George Brummell wird nur in Auszügen zitiert. Warum hier beispielsweise nur die ersten vier, aber nicht mehr das fünfte Kapitel, in dem es ebenfalls um den Dandysmus und weniger um Brummell geht, zitiert werden – oder gar Schaukals Einleitung – bleibt unklar. Die daran anschließende Dandy-Galerie bestehend aus Brummell, Alfred d’Orsay, Robert de Montesquiou, Boni de Castellane, Max Beerbohm und Sebastian Horsley lässt kein eindeutiges Auswahlkriterium erkennen. Eine chronologische Vorgehensweise, die weitere Vertreter aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, sowie dem Anfang und der Mitte 20. Jahrhunderts einschließt, erschiene stringenter. Allein Sebastian Horsley ist beispielsweise ohne Oscar Wilde undenkbar. Auch Stephan Hilpolds Beitrag über Farbe in der Männermode fügt sich nicht so ein, als dass der Anhang mit Schaukals Text und den biografischen Informationen ein rundes Ganzes ergäbe.
Richard von Schaukal: Leben und Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser, eines Dandy und Dilettanten. WIENER LITERATUREN, Bd. 4. Herausgegeben von Alexander Kluy, mit einem Mode-Essay von Stephan Hilpold und einer Dandy-Galerie, ca. 144 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, 18,95 Euro, ISBN 978-3-902498-77-9










