Dandysme

Historisches, Kulturelles und Literarisches zum Dandy

Amédée de Soulas

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Seit zehn Jahren hat uns die Sprachwissenschaft zwei kleine Geschenke aus England gebracht. Dem ‘Incroyable’, dem ‘Merveilleux’, dem ‘élegant’, diesen drei Erben der ‘Petits-Maitres’, deren Etymologie ziemlich unanständig ist, folgte der ‘Dandy’, schließlich der ‘Lion’.

Und seitdem in Paris der Stutzer seine Mähne spazieren trägt, seinen Bart und Schnurrbart, seine Gilets und das Lorgnon das nicht mehr mit der Hand gehalten, sondern zwischen Wange und Brauenbogen eingeklemmt wird, seitdem haben in einigen Departementshauptstädten Unterleutnants mit ihren eleganten Stegen gegen die Nachlässigkeit ihrer Mitbürger protestiert. Besançon hatte also 1834 das Vergnügen, einen Stutzer in der Person des Herrn Amédée Sylvain Jacques de Soulas zu besitzen, der sich aus der Zeit der spanischen Okkupation Souleyas schrieb.

Seine Rechnung in Paris für Parfümerien, Krawatten, Schmuck, glasierte Töpfe, Anzüge stellte sich, ebenfalls im Jahr, auf zwölfhundert Franken. Rechnet man den Lohn für Groom oder Reitknecht, für das Drum und Dran und die Miete mit sechshundert Franken hinzu, so kommt man auf insgesamt dreitausend. Nun besaß aber der junge Herr de Soulas aus seinem väterlichen Erbe nicht mehr als viertausend Franken Rente. Der junge Herr de Soulas galt als Verschwender, als ein Mann, der auch über den Strang hieb, während der arme Bursche sich doch gerade mit List und Tücke durch das Jahr mogelte. Scheint einem nun dieser wenig begüterte junge Mann einigermaßen leicht zum Stutzer geworden, so erfahre man, daß Amédée de Soulas dreimal in der Schweiz war, zu Wagen und in kleinen Tagereisen; zweimal in Paris und einmal von Paris auch in England. Er wurde für einen wohlunterrichteten, weitgereisten Mann gehalten. Säuberte er gerade seine Handschuhe, so gab der Diener Babylas den Besuchern zum Bescheid: “Der gnädige Herr arbeitet.” Man hatte auch schon versucht, den jungen Herrn Amédée de Soulas durch die Behauptung: “Ist das aber ein Fortschrittler!” in Mißkredit zu bringen. Amédée besaß das Talent, mit dem Ernst eines Besançoners die gerade kursierenden Gemeinplätze an den Mann zu bringen, weshalb er für einen der hellsten Köpfe des Adels galt. Auf dem Leibe trug er den modischen Schmuck, im Schädel die Tagemeinung der Presse. 1834 war Amédée fünfundzwanzig Jahre alt, mittelgroß, brünett; hatte einen schön gewölbten Thorax, entsprechende Schultern, leicht rundliche Schenkel; die Füße waren schon etwas fett, die Hände weiß und fleischig; er trug einen Bart ums Kinn, und sein Schnurrbart war mindestens so schön wie der der Offiziere; in seinem gutmütigen, dicken, rotbäckigen Gesicht saßen eine platte Nase und braune, gänzlich belanglose Augen; überhaupt nichts Spanisches. Mit Riesenschritten näherte er sich einer für seinen Ehrgeiz gefährlichen Fülle. Seine Nägel waren gepflegt, sein Bart war frisiert, und die geringsten Einzelheiten seines Anzugs zeigten eine englische Akkuratesse. Amédée de Soulas wurde deshalb auch für den schönsten Mann von Besançon gehalten. Ein Coiffeur, der ihn täglich zur genau festgesetzten Minute frisieren mußte, verkündete allenthalben das Lob dieses unanfechtbaren arbiter elegantiarum. Amédée schlief in den Tag hinein, machte dann Toilette und ritt gegen Mittag auf eine seiner Meiereien, wo er Pistole schoß. (…) Gegen drei Uhr etwa kehrte er wieder heim, als Reiter bewundert von den Grisetten und den Leuten, die in den Fenstern lagen. Bis vier Uhr tat er, als ob er irgendetwas arbeitete; darauf kleidete er sich an, um in der Stadt zu dinieren, und verbrachte den Abend beim Whist in einem der aristokratischen Salons von Besançon; etwa um elf Uhr ging er nach Hause und ins Bett.

1834 war Amédée in Besançon der einzige Mann, der Stege an den Beinkleidern trug. Schon das ließ den jungen Herrn de Soulas als Stutzer erscheinen. Amédée wollte eines Tages in der Lage sein, eine vorteilhafte Ehe einzugehen, indem er nachwies, daß sein Besitz hypothekenfrei sei und er obendrein noch Ersparnisse habe. Er wollte die Stadt von sich reden machen und ihr schönster Elegant sein, um erst einmal das Interesse des Fräuleins Rosalie de Watteville und darauf ihre Hand zu erobern. 1830, als der junge Herr de Soulas seine Dandylaufbahn begann, war Rosalie vierzehn Jahre alt.
Vor Rosalie mimte unser Cato den Verschwender: er billigte unbedingt eine elegante Lebensführung und skizzierte ihr die glänzende Rolle einer Modedame in Paris, wohin er als Deputierter gehen würde. Derartige geschickte Manöver hatten vollen Erfolg. 1834 hießen die Mütter von vierzig adeligen Familien, die den Kern der hohen Besançoner Aristokratie bildeten, Herrn Amédée de Soulas den reizendsten jungen Mann der Stadt; kein Mensch wagte seine Stellung als Hahn im Korbe anzufechten, und ganz Besançon sah in ihm schon den künftigen Gatten Rosalies de Watteville.

Quelle: Honoré de Balzac: Albert Savarus. Diogenes, 1998.

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