August Saint-Clair

August Saint-Clair war in der guten Gesellschaft nicht gern gesehen; hauptsächlich deshalb, weil er nur denjenigen Leuten gefallen wollte, die ihm selbst gefielen. Diese suchte er auf und floh die andern. Im übrigen war er zerstreut und bequem.-Zu einem großen Herrn, einem bedeutenden Mann und selbst zu einer Weltdame sprach er mit derselben Sicherheit wie zu seinesgleichen. Die Marquise erklärte entschieden, daß Saint-Clair ein Ausbund von Frechheit und Geckenhaftigkeit wäre.
In der Gesellschaft gewann er den Ruf eines unempfindlichen und sich um nichts kümmernden Menschen.

Saint-Clair glaubte nicht recht an Freundschaft und man merkte das. Man fand ihn im Verkehr mit den jungen Leuten der Gesellschaft kalt und zurückhaltend.

Immerhin war Saint-Clair ein Mann, mit dem sich leicht reden ließ. Seine Fehler schadeten nur ihm selbst. Er war verbindlich, oft liebenswürdig, selten langweilig. Er war viel gereist, hatte viel gelesen und sprach von seinen Reisen und seiner Lektüre nur auf Wunsch. Im übrigen war er groß und gut gebaut; sein Gesichtsausdruck war edel und geistvoll, fast immer zu ernst; aber sein Lächeln war voll und anmutig.
Saint-Clair war sehr aufmerksam zu allen Damen und suchte ihre Unterhaltung mehr als diejenige mit Männern. Liebte er? Das war schwer zu entscheiden.

Quelle: Prosper Mérimée: Die etruskische Vase. In: Ders. Novellen. Wiesbaden, 1979.

Melanie Grundmann

Dr. Melanie Grundmann ist Kulturwissenschaftlerin und beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem Phänomen des Dandys. Sie hat mehrere Bücher, Aufsätze, Artikel und Vorträge zum Dandyismus und angrenzenden Themen verfasst.

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