Dandysme

Historisches, Kulturelles und Literarisches zum Dandy

Der Chevalier de Mesnilgrand

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Der Eskadronchef Mesnilgrand war eine Natur von der bedrohlichsten Zügellosigkeit. Er war durch und durch Aristokrat. Er war es nicht nur der Geburt, dem Stand, dem Range nach; er war es von Natur.-
Es gibt immer fahrende Ritter auf der Welt. Sie kämpfen nicht mehr mit der Lanze für das Recht, aber sie bekämpfen die Lächerlichkeiten durch den Spott, und Mesnilgrand war einer von jenen Rittern.
-Er hatte die Gabe des Sarkasmus. Aber es war nicht die einzige Gabe, die der Gott der Kraft ihm verliehen hatte. Obwohl in seinem animalischen Haushalt, wie bei fast allen Männern der Tat, der Charakter an erster Stelle stand und der Geist erst an zweiter, so war letzterer doch durchaus eine Macht für ihn und gegen die anderen.-Neben den Leidenschaften, die ihn belebten, war ihm eine ungewöhnliche Beredsamkeit gegeben. Man mußte ihn nur sehen, wie sich bei der geringsten Diskussion der Vulkan in seiner Brust hob, wie er blaß und immer blässer wurde, die Stirn von zornigen Faltenkämmen durchfurcht – wie das Meer im Sturm -, indes die Augen, zwei flammende Kugeln, gleichsam aus den Höhlen sprangen, wie um die, zu denen er sprach, zu durchbohren! Man mußte ihn sehen, wie er bebte, keuchte, rasch und heftig atmete, wie seine Stimme immer eindringlicher wurde, je mehr sie sich steigernd brach, wie der Hohn ihm den Schaum auf die Lippen trieb, die noch lange nachzitterten, nachdem er gesprochen hatte, prächtiger in seiner Erschöpfung, die diesen Anfällen folgte, als Talma in “Orest”, noch herrlicher hingemordet und doch nicht tot, nicht umgebracht durch seinen Zorn, sondern immer bereit, ihn am nächsten Tag, in der nächsten Stunde, der nächsten Minute wiederaufzunehmen, ein Phönix der Wut, der immer wieder aus der Asche erstand!

Lord Byron begann um jene Zeit sehr modern zu werden, und wenn Mesnilgrand ruhig und gebändigt war, hatte er etwas von den Byronschen Helden an sich. Er war nicht von jener regelmäßigen Schönheit, die kaltherzigen jungen Mädchen gefällt. Er war ausgesprochen häßlich; aber sein bleiches, verwüstetes Gesicht unter den jung gebliebenen hellbraunen Haaren, seine Stirn, vorzeitig gefurcht wie die des Lara oder des Korsaren, seine platte Leopardennase, seine grünlichen Augen, die leicht mit Blut durchschossen waren wie die von sehr feurigen Rassepferden, gaben ihm einen Ausdruck, der selbst die größten Spotterinnen der Stadt *** beunruhigte. Groß, stark, gut gewachsen, obwohl er sich ein wenig vorgebeugt hielt, als wäre das Leben, das er schleppte, eine zu schwere Rüstung, hatte der Herr von Mesnilgrand in seinen modernen Kleidern jenes so selten gewordene Ansehen, das sich in manchen stattlichen Ahnenbildern findet.

àœberdies krönte Mesnilgrand all jene Vorzüge durch einen in den Augen junger Mädchen unübertrefflichen Vorzug: er war immer vollendet angezogen. War es eine letzte Koketterie dieses einstigen Lebemannes, der nun ein toter Mann war, die jenes abgetane, begrabene Leben überlebte, wie die untergehende Sonne einen letzten rosigen Strahl an den Saum der Wolken entsendet, hinter denen sie untergeht?
Jedenfalls konnte kein junger Mann in Paris oder London an Eleganz diesen Menschenfeind übertreffen der nicht mehr der Welt angehörte, der, während der drei Monate, die er in *** zubrachte, nur wenige und den Rest des Jahres gar keine Besuche machte.

Wer ihn einmal gesehen hatte, vergaß ihn nie wieder. Er imponierte, wie alle Leute, die nichts mehr vom Leben verlangen; wer nichts mehr vom Leben verlangt, der steht über ihm; und dann ist es das Leben, das sich für ihn erniedrigt!

Was ihn betrifft, so muß man sagen, daß er – herrschergleich – von allen anderen abstach. Diese Offiziere, die einstigen “Beaux” der Kaiserzeit, in der es so viele “Beaux” gab, waren gewiß schön und sogar elegant; aber ihre Schönheit war ungewöhnlich, naturhaft, rein – oder unrein – physischer Natur, und ihre Eleganz soldatisch. Obwohl sie in Zivil waren, hatten sie doch die steife, militärische Haltung beibehalten, als steckten sie noch in der Uniform, die sie zeitlebens getragen hatten. Sie waren, um es mit einer ihrer Bezeichnungen zu nennen, etwas zu “verschnürt”. Aber Mesnilgrand war – so hätten die Frauen gesagt – großartig angezogen. Da es noch Vormittag war, trug er einen entzückenden schwarzen Gehrock und als Krawatte (wie man es damals trug) einen gelblichweißen Foulard, der mit fast unsichtbaren, handgestickten goldenen Sternen besät war. Da er zu Hause war, hatte er keine Stiefel angezogen. Sein nerviger und feiner Fuß, der die Bettler, die an den Straßenecken saßen, veranlaßte, ihn “Mein Prinz!” anzureden, wenn er an ihnen vorüberkam, steckte in durchbrochenen seidenen Strümpfen und jenen tiefausgeschnittenen Schuhen mit hohen Absätzen, die Chateaubriand bevorzugte, der bestbeschuhte Mann des damaligen Europa nach dem Großfürsten Konstantin. Sein offener, von Staub gefertigter Gehrock zeigte eine Hose von schwarzem Prünelle, mit bläulichen Reflexen, und ein einfaches Gilet aus echtem schwarzem Kaschmir, ohne goldene Kette; denn Mesnilgrand trug an diesem Tag keinerlei Schmuck, mit Ausnahme einer kostbaren antiken Kamee, den Kopf Alexanders darstellend, die vorne auf der Brust die üppigen Falten seiner Krawatte – die, schlicht und ohne Knoten, fast wie ein militärischer Ringkragen aussah – zusammenhielt. Man brauchte ihn bloß anzuschauen in dieser Toilette von so untrüglichem Geschmack, um zu fühlen, daß der Künstler über den Soldaten gekommen war und ihn verwandelt hatte und daß der Mann, der sie trug, nicht von der gleichen Gattung war wie die anderen Anwesenden, obwohl er mit vielen von ihnen auf du und du stand. Der angestammte Aristokrat, der Offizier, der schon mit “den Epauletten” geboren war, wie sie in ihrer militärischen Ausdrucksweise sagten, verriet sich und hob sich deutlich ab von dieser kräftigen Folie schneidiger Soldaten, die ungemein tapfer, aber gewöhnlich und einer führenden Rolle unfähig waren.

Quelle: Jules Amédée Barbey d’Aurevilly: “Bei einem Atheisten-Diner” In: Die Teuflischen.

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