Dandysme

Historisches, Kulturelles und Literarisches zum Dandy

Der Graf von Aubigné

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Dieser Graf war, was man in Paris einen sehr liebenswürdigen jungen Mann nennt. Seine einzige Beschäftigung bestand darin, lustig ein Vermögen von achtzigtausend Francs Jahreszinsen durchzubringen, das ihm der tapfere, in den Kriegen Napoleons so berühmte General d’Aubigné hinterlassen hatte.-
Der Graf erschien Lamiel als ein glänzender und sehr unterhaltsamer junger Mann. Dennoch sagte er nicht ein Wort, das nicht vorher einstudiert gewesen wäre; doch er machte dadurch nur um so größeren Eindruck. Die ganze Gewalt seiner Beredsamkeit war im Vorhinein ausgeklügelt und darauf berechnet, durch brillante Gegensätze zu überraschen; bezaubernde Sorglosigkeiten wechselten ganz unvorhergesehen mit den rührendsten Gedanken ab.-
D’Aubigné war eine Kopie jener jungen Grandseigneurs, deren letzte Repräsentanten unter Karl X. an Altersschwäche starben – Greise, die von lächerlichen Ansprüchen strotzten und grausame Maximen von sich gaben, die anzuwenden sie zum Glück nicht die Macht hatten. D’Aubigné war kein sorgloser und heiterer junger Adliger, sondern – wie ein liebenswürdiger Grandseigneur einmal gesagt hatte – ein sorgloser und heiterer junger Mann schlechthin.

Madame Le Grand sprach zu ihm: »Wollen Sie wirklich behaupten, daß Sie etwas anderes mehr lieben als ein schönes Pferd oder einen gut geschneiderten Anzug von moderner Farbe, der Ihnen ein stattliches Aussehen gibt – am Morgen beim Spaziergang im Bois de Boulogne oder am Abend in Ihrer Loge in der Oper oder hinter den Kulissen?«

Da die Frauen heutzutage nicht mehr viel zu sagen haben, verdankte der Graf von Aubigné, der auch kaum dazu geschaffen war, ihnen zu gefallen, seinen glänzenden Ruf zwei Duellen und besonders seinen kleinen, düster blickenden Augen, die unerschütterliche Kühnheit verrieten. Seine ein wenig kalmückenhaften, aber edlen Gesichtszüge wirkten nur durch ihre Kälte, ihre bestrickende Liebenswürdigkeit und ihren scheinbaren Ausdruck von Schwermut oder vielmehr körperlichem Schmerz nicht gewöhnlich. Da sie von Natur ausdruckslos waren, drückten sie immer nur das aus, was sie ausdrücken sollten, und sie verbargen bewundernswert und vollkommen die Verbitterung, die diese frostige, aber leidenschaftlich selbstsüchtige Seele so oft erfüllte.-
Der Graf kam mit seinem bedächtigen, düsteren, immer auf das Publikum spekulierenden Ernst und mit dem Gesichtsausdruck eines Wolfes, der am Rande einer Landstraße einem vorübertrottenden Hammel auflauert, in einer Gesellschaft von etwa zwanzig Personen am besten zur Geltung. Beim Sprechen verfiel er in Effekthascherei und sprang von einem Gedanken zum anderen über, um möglichst elegant zu wirken, doch die Leute von feinem Geschmack ekelte sein Geschwätz nur an.
-Man wird vielleicht fragen, auf welcher moralischen Grundlage der sonderbare Charakter des Grafen beruhte. Auf der Anmaßung, der verhängnisvollen Anmaßung, mehr scheinen zu wollen, als man ist, einer der Hauptursachen für die Trübseligkeit des neunzehnten Jahrhunderts! Der Graf verging vor Angst bei dem Gedanken, man könne ihn nicht für einen richtigen Grafen halten.

Quelle: Stendhal: Lamiel. Berlin, 1983.

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