Dandysme

Historisches, Kulturelles und Literarisches zum Dandy

Der Vicomte de Brassard

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Der Vicomte de Brassard war das, was die Welt »einen alten Beau« nennt. Man darf sich hier unter der Bezeichnung »Beau« nicht etwas Frivoles, Schmales, Beschränktes denken, wie man es gewöhnlich darunter versteht, denn das würde eine ganz falsche Vorstellung von meinem Vicomte geben, bei dem Geist, Miene, Gesten, kurz alles machtvoll, frei, üppig und von patrizischer Gelassenheit waren, wie es dem prächtigsten Dandy zukam, der mir je vorgekommen, mir, der ich Brummel verrückt werden und d’Orsay sterben sah!-
Er war in der Tat ein Dandy, der Vicomte de Brassard! Wäre er es weniger gewesen, dann hätte er es gewiß zum Marschall gebracht. Er war seit seiner frühesten Jugend einer der glänzendsten Offiziere des Ersten Kaiserreichs gewesen. Seine Regimentskameraden erzählten oft, daß er den Mut und die Schneidigkeit eines Murat mit der eines Marmont verband. Damit – und mit seinem sehr klugen und kühlen Kopf, den er besaß, sobald die Trommeln nicht wirbelten – hätte er in kürzester Zeit die höchsten Sprossen der militärischen Stufenleiter erklimmen können, wäre er nur kein Dandy gewesen!

Die gleichgültige Geringschätzung der Disziplin trug der Vicomte überall mit. Außer im Felde, wo der Offizier in ihm ganz und gar erwachte, hatte er sich nie den militärischen Gesetzen unterworfen. Unzählige Male hatte er sich bei Gefahr langer Arreststrafen flüchtig aus seiner Garnison entfernt, um in einer Nachbarstadt seinem Vergnügen nachzugehen und erst an den Paradetagen, von irgendeinem treu ergebenen Soldaten verständigt, dorthin zurückzukehren. Wenn auch die Vorgesetzten nicht viel auf einen Offizier gaben, dessen Natur sich jeder Art von Herkommen und Disziplin widersetzte, so wurde er dafür von seinen Untergebenen vergöttert. Die Kompanie, die er führte, stach durch ihre elegante Haltung alle anderen Kompanien der an sich schon so eleganten Garderegimenter aus.

Als die Julirevolution jene zu Herren eines Reichs machte, das sie sich nicht zu erhalten wußten, fand sie den Hauptmann bettlägerig infolge einer Fußverletzung, die er sich – gleichsam als habe er Attacke geritten – auf dem letzten Ball der Herzogin von Berry zugezogen. – Aber beim ersten Trommelwirbel hatte er sich gleichwohl erhoben und an die Spitze seiner Kompanie gestellt, und da er wegen seiner Verletzung keine Stiefel anziehen konnte, so ging er in den Kampf, wie er auf den Ball gegangen wäre, mit Seidenstrümpfen und Lackschuhen, und so trat er an die Spitze seiner Grenadiere auf der Place de la Bastille, als ihm der Auftrag zuteil geworden war, das Boulevard seiner ganzen Länge nach zu säubern.

Der Hauptmann de Brassard ordnete seine Leute in zwei Züge, die er längs der Häuser und möglichst nah an ihnen aufstellen ließ, damit jeder Zug nur den Flintenschüssen von gegenüber ausgesetzt sei, – und er selbst, mehr Dandy denn je, marschierte mitten auf der Straße. Von Tausenden von Gewehren, von Pistolen und Revolvern umsäumt, war er doch von der Bastille bis zur Rue Richelieu nicht getroffen worden, trotz seiner breiten Brust, auf die er sich vielleicht ein bißchen zuviel zugute tat, denn der Hauptmann de Brassard stolzierte im Feuer wie eine schöne Frau im Ballsaal, die ihre Brüste zur Geltung bringen möchte.

In allem ein Dandy, war er es auch im Trinken… er zechte wie ein Pole. Er hatte sich ein prächtiges Glas aus böhmischem Kristall anfertigen lassen, das, Gott straf’ mich!, eine ganze Flasche Bourdeaux faßte, und er trank es auf einen Zug leer!-Ich sah ihn häufig bei seinen Gastmählern, die von den soliden Leuten als »Orgien« bezeichnet wurden, und nie, auch nach den stürmischsten Gelagen, überschritt er jenen Grad von Rausch, den er mit leicht soldatischer Grazie als »ein wenig beschwipst« bezeichnete, wozu er die militärische Geste des Ansteckens einer Kokarde an die Mütze vollführte.

Neben jener untergehenden Sonne einer mächtigen, einst so strahlenden Eleganz wären jene kleinen modischen Mondsicheln, die nun am Horizont aufgehen, gar blaß und armselig erschienen! Schön in der Art des Kaisers Nikolaus, an den er in der Figur erinnerte, während sein Profil nicht so klassisch und seine Züge nicht so vollkommen schön waren, trug er einen kurz gehaltenen Bart, der gleich den Haaren – durch ein undurchdringliches Geheimnis des Organismus oder der Toilettenkunst – schwarz geblieben war. Dieser Bart bedeckte hoch hinauf die Wangen, die von lebhafter, männlicher Färbung waren. Unter einer vornehmen, edlen Stirn – gewölbt, faltenlos und weiß wie der Arm einer Frau -, die durch die Pelzmütze der Grenadieruniform, welche gleich dem Helm die Haare wegfrißt, noch etwas höher, breiter und stolzer geworden war, verbargen sich beinahe – so tief lagen sie unter den Bögen der Brauen – ein paar funkelnde Augen, die von sehr dunklem Blau, aber sehr lebhaft in ihrer Vertiefung waren und daraus hervorleuchteten wie geschliffene Saphire! Diese Augen gaben sich nicht die Mühe zu forschen: sie durchdrangen.-
(…) Jene Langsamkeit, die jedoch keineswegs unbeholfen war, gab allem, was er sagte, ein ganz besonderes Gepräge, selbst seinen Scherzworten, denn er liebte es, zu scherzen und sogar etwas gewagt zu scherzen. Er war, was man eine freche Zunge nennt. Hätte man seinen Ton nicht als den besten der Gesellschaft anerkannt, dann hätte man ihn oft für einen recht schlechten Ton halten müssen.

Ich erkannte, daß der glänzende Vicomte de Brassard, nicht die Erbenblüte des Dandytums, sondern dessen stolzeste rote Mohnblüte, der famose Zecher, der seinen Claret auf englische Manier trank, wie so mancher andere, weit tiefer war, als es den Anschein hatte.

Quelle: Jules Amédée Barbey d’Aurevilly: “Der rote Vorhang” In: Die Teuflischen.

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