Désiré, der in Nemours, wie ein königlicher Prinz in der Hauptstadt seines Vaters, eine unendlich überlegene Rolle spielte, hatte in Paris alle Einfälle, die er in seinem Nestchen nicht durchführen konnte, übertreffen wollen und jedes Jahr mehr als zwölftausend Francs draufgehen lassen. Als Entgelt für diese Summe hatte er aber Ideen gewonnen, auf die er in Nemours niemals gekommen wäre; er hatte den Provinzmenschen abgestreift, die Macht des Geldes begriffen und im Richterstande ein Mittel, vorwärtszukommen, erkannt.
Désiré, zugleich der Tyrann und Spaßvogel von Nemours, versetzte die Stadt durch sein Erscheinen immer in Aufregung. Beliebt bei der Jugend, der gegenüber er sich freigebig erwies, stachelte er sie durch seine Anwesenheit an; doch seine Vergnügungen waren so gefürchtet, daß mehr als eine Familie sich freute, wenn er in Paris seinen Rechtsstudien oblag. Désiré, ein schmaler, junger Mann, schwächlich und blond wie seine Mutter, deren blaue Augen und bleiche Gesichtsfarbe er geerbt hatte, lächelte von dem Kutschenschlage aus der Menge zu und stieg leichtfüßig herab, um seine Mutter zu umarmen.
Der Student trug feine Schuhe, ein weißes Beinkleid aus englischem Stoff mit lackierten Lederstrippen, eine ihn gut kleidende, teure, kostbar befestigte Krawatte, eine hübsche, nach besonderem Muster gearbeitete Weste, in der Tasche dieser Weste eine flache Taschenuhr, von der eine Kette herabhing, endlich einen kurzenÜberrock aus blauem Tuch und einen grauen Hut; doch der Emporkömmling ließ sich an den goldenen Knöpfen der Weste und an dem Ring erkennen, den er über dem Handschuh aus violettem Ziegenlieder trug. Er hatte einen Spazierstock mit einem ziselierten Goldknopf.
Quelle: Honoré de Balzac: Ursule Mirouet. Leipzig und Weimar: 1982.