Da Herr Leuwen, der berühmte Bankier, die vorzüglichsten Diners gab und dabei weder moralisch, noch langweilig oder ehrgeizig, sondern nur wunderlich und eigenartig war, hatte er viele Freunde. Seine Freunde waren jedoch infolge eines schweren Irrtums nicht so ausgewählt, daß durch sie die Achtung, die er genoß und seine Bedeutung in der Gesellschaft hätten vermehrt werden können. Es waren hauptsächlich Männer von Geist und Genießer, von der Art, die sich vielleicht vormittags ernstlich mit ihrem Vermögen beschäftigen, sich aber abends über alles in der Welt lustig machen, in die Oper gehen und die vor allem nicht an der Herkunft der Macht herumnörgeln, denn dazu müßte man sich ja erzürnen, müßte tadeln und sich Kummer machen.
Doktor Dupoirier hatte ihm gesagt, Herr Leuwen sei ein überaus geistvoller Lebemann, der von der teuflischen Sucht beherrscht sei, welche die schlimmste Feindin des Thrones und des Altars ist: von der Spottsucht!
Er ist ein vergnügungssüchtiger Mensch, ein Lebemann, der sich seit zwanzig Jahren über alles lustig macht, was irgendwie achtenswert ist… Er ist der Talleyrand der Börse. Seine Spötteleien sind seit dem Juliaufstand in jener Gesellschaft Trumpf. Und “jene Gesellschaft” kommt der guten Gesellschaft mit jedem Tag näher und näher. In seinem Salon kommt alles zusammen, was es nur an Männern von Geist unter Geschäftsleuten gibt.
Herr Leuwen war ein großer, starker Mann; er hatte einen blühenden Teint, lebhafte Augen und schönes, lockiges graues Haar. Sein Rock und seine Weste waren Modelle jener schlichten Eleganz, die einem älteren Herrn ziemt. In seiner ganzen Persönlichkeit lag etwas Gefestigtes. Bei seinen schwarzen Augen und den plötzlichen Veränderungen seines Gesichtsausdruckes hätte man ihn eher für einen Maler oder genialen Menschen (die es nicht mehr gibt) gehalten, als für einen berühmten Bankier. Er zeigte sich in vielen Salons, hatte aber einen Abscheu vor salbungsvollen Menschen, und verbrachte sein Leben mit Diplomaten, geistreichen Leuten und mit dem ehrenwerten Korps der Tänzerinnen des Opernballetts.
-Er machte sich sehr wenig aus der sogenannten “guten Gesellschaft”. Die Hemmungslosigkeit und der Scharlatanismus, ohne die man keine Erfolge hat, waren ihm sehr lästig. Er fürchtete, wie wir bereits erwähnten, in der Welt nur zweierlei: Langweilige Leute und feuchtes Wetter. Um diesen beiden Unannehmlichkeiten zu entgehen, traf er Vorkehrungen, die jeden anderen Menschen lächerlich gemacht hätten: wenn er auf dem Boulevard spazieren ging, reichte ihm sein Lakai einen Mantel, sobald er die Chaussee d’Antin überqueren mußte. Er wechselte seinen Rock mindestens fünf- bis sechsmal am Tag, je nach dem Wind, der eben aufkam, und er hatte zu diesem Zweck in allen Vierteln von Paris Wohnungen gemietet. Er sagte, außer seiner Frau, die ihn anbetete, niemand die Wahrheit, aber ihr sagte er sie restlos.-Das Gemüt dieses Mannes, dessen boshafte Witzeleien so sehr gefürchtet waren, kannte nur Heiterkeit.
Quelle: Stendhal: Lucien Leuwen. Berlin, 1951.