Dandysme

Historisches, Kulturelles und Literarisches zum Dandy

Julien Sorel

| Keine Kommentare

Julien antwortete allen mit düsterer Miene, die Distanz hielt.-Im Salon las Madame de Rênal in seinen Augen eine gewisse geistigeÜberlegenheit allen gegenüber, die zu ihr kamen, mochte er sich auch noch so zurückhaltend benehmen.-
Unter seinen Kameraden galt er als ein Freigeist. In ihren Augen war er eines unerhörten Lasters überführt, er urteilte selbständig, anstatt blind der Autorität und dem Beispiel zu folgen.
In London lernte er endlich die hohe Schule des Dandytums kennen. Er hatte sich an einige junge russische Edelleute angeschlossen, die ihn einweihten.

»Sie sind prädestiniert, mein lieber Sorel,« sagten sie, »Sie haben von Natur aus die kalte Miene, die sich vom gegenwärtigen Eindruck meilenweit distanziert, die anzunehmen wir uns so sehr bemühen.«

»Sie haben Ihr Jahrhundert nicht verstanden«, sagte ihm Fürst Korasow, »tun Sie immer das Gegenteil von dem, was man von Ihnen erwartet. Das ist, auf Ehre, die einzige Religion der Epoche. Seien Sie weder närrisch noch geziert, denn dann würde man von Ihnen Narrheiten und Zierereien erwarten, und die Vorschrift würde nicht mehr eingehalten.«

Julien bedeckte sich eines Tages im Salon des Herzogs Fitz-Folke mit Ruhm, der ihn sowie den Fürsten Korasow zum Diner eingeladen hatte. Man wartete eine Stunde lang. Die Art, wie Julien sich inmitten von zwanzig Personen, die warteten, benahm, wird heute noch unter den jungen Geschäftssekretären in London angeführt. Seine Miene war unbezahlbar.

Julien war jetzt ein Dandy und verstand die Kunst, in Paris zu leben. In der Zeit, da er sich von Mathilde verschmäht glaubte, war Julien einer der bestgekleideten Pariser geworden. Doch hatte er noch immer einen Vorzug vor den Leuten dieser Art; wenn seine Toilette fertig war, dachte er nicht mehr daran.
-Julien war berauscht vom Ehrgeiz und nicht von Eitelkeit; immerhin widmete er einen großen Teil seiner Aufmerksamkeit seiner äußeren Erscheinung. Seine Pferde, seine Uniformen, die Livreen seiner Leute waren mit einer Sorgfalt gehalten, daß es der peinlichen Korrektheit eines vornehmen Engländers Ehre gemacht hätte.

Quelle: Stendhal: Rot und Schwarz. Berlin, 1973.

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.

*