Dandysme

Historisches, Kulturelles und Literarisches zum Dandy

Lucien Leuwen

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Lucien Leuwen war aus der Polytechnischen Hochschule verjagt worden. Er hatte sich aber seit zwei Jahren über das Unglück hinweggetröstet, nicht mehr zwölf Stunden am Tage arbeiten zu müssen. Er vertrieb sich die Zeit ganz gut bei seinem Vater, einem Genießer und reichen Bankier, der in Paris ein sehr behagliches Haus hatte.
In dem Salon von Frau Leuwen, der einer der begehrtesten von ganz Paris war, fand man, Lucien sei eine elegante Erscheinung voll Einfachheit und habe etwas sehr Vornehmes in seinen Manieren. Darüber hinaus gingen aber die Lobsprüche nicht, man sah in ihm keinen Mann von Geist. Seine Leidenschaft für die Arbeit, die beinahe militärische Erziehung und der ungezwungene Umgangston an der Polytechnischen Hochschule hatten alle Ziererei gänzlich von ihm ferngehalten; das verlieh ihm eine persönliche Note, gab ihm aber in den Augen seiner Umwelt den Anschein, weder ein geistreicher noch ein glänzender Gesellschafter zu sein.

Die Freunde seiner Mutter fanden, daß sein Gesicht nicht den der Mode entsprechenden finsteren und schwärmerischen Ausdruck zeigte, den man vor allem als Republikaner haben mußte. Und schließlich sah er eher harmlos und fahrig aus, was für einen reichen jungen Mann in diesem steifen und heuchlerischen Zeitalter unverzeihlich war.

Nur ein Anzeichen deutete bei Lucien vielleicht auf einen außergewöhnlichen Geist hin: er verabscheute alles Gemeine, und dieser Begriff umfaßte bei ihm sehr viel.
Obwohl er jung, reich und anscheinend glücklich war, gab er sich dem Vergnügen nicht leidenschaftlich hin; man hätte ihn für einen jungen Protestanten halten können. Es kam bei ihm äußerst selten vor, daß er sich vergaß: er fühlte sich zu sehr viel Klugheit verpflichtet.
-Der Salon seiner Mutter, in dem man sich über alles lustig machte, hatte ihn gelehrt, die Heuchelei zu verspotten und sie ziemlich sicher zu durchschauen.
Ein paar zu aufrichtige Worte hatten der unbedingten Bevorzugung, mit der man ihn überall auszuzeichnen begann, bereits Abbruch getan. Sobald er nun so eifrig drauflos log, wie die Grille zirpt, wuchs seine Beliebtheit wie noch nie, aber mit seiner Natürlichkeit verflog auch seine Freude, und als traurige Begleiterscheinung der Klugheit stellte sich die Langeweile ein.

Frau von Chasteller fand, er sei mit vollendeter Eleganz gekleidet, habe aber gar nichts Stutzerhaftes an sich.

Binnen weniger Tage vollzog sich in ihm eine vollständige Wandlung. In der Gesellschaft war man über seine Fröhlichkeit und seinen Geist entzückt.-»Er hat schlechte Grundsätze, er ist unmoralisch, aber er ist wirklich ein ausgezeichneter Gesellschafter,« sagte man bei Frau von Puy-Laurens.-Er spielte beständig eine Rolle, und zwar immer die possenhafteste, die ihm einfiel; er bediente sich ausgesucht lächerlicher Ausdrücke.
-Und das war gerade zu der Zeit, als seine Pferde, sein Tilbury, seine livrierten Trabanten ihm zum Gegenstand des Neides der Leutnants seines Regiments und aller jungen Leute von Nancy und Umgegend machten, die ihm, weil er ihnen reich, mutig, ziemlich gutaussehend vorkam, zweifellos für den glücklichsten Menschen hielten, dem sie je begegnet waren. Seine melancholische Miene, wenn er allein durch die Straßen ging, seine Zerstreutheiten, seine scheinbar bösartigen Gebärden der Ungeduld, galten als höchste und vornehmste Blasiertheit. Die ganz Schlauen sahen darin eine ausgeklügelte Nachahmung von Lord Byron, von dem zu der Zeit noch viel gesprochen wurde.-Die nächtlichen Exzesse im Kaffeehaus erschütterten sein Ansehen ein wenig.

Quelle: Stendhal: Lucien Leuwen. Berlin, 1951.

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