Dandysme

Historisches, Kulturelles und Literarisches zum Dandy

Marmor de Kerkoel

Man erwartete einen Engländer, einen Mr. Hartford, zur Spielpartie des großen Marquis. Er war ein Spieler im großen Stil, ein Mann, dessen Leben (im übrigen eine wahre Phantasmagorie) erst wirklich und bedeutsam wurde, wenn er die Karten in der Hand hielt, endlich ein Mann, der beständig behauptete, das größte Glück sei, im Spiel zu gewinnen, und das zweitgrößte, im Spiel zu verlieren; ein köstliches Axiom, das er dem Sheridan entwendet hatte, was man ihm aber verzieh um der Art willen, in der er es anzuwenden verstand.Übrigens hieß es, daß Mr. Hartford, abgesehen von jenem Laster des Spiels all jene pharisäischen und protestantischen Eigenschaften besitze, welche die Engländer unter dem bequemen Wort ‘Ehrbarkeit’ zusammenfassen. Man hielt ihn für einen vollkommenen Gentleman.
-Endlich meldete ein Diener den Mr. Hartford. Er erschien, tadellos wie gewöhnlich, mit blendend weißer Wäsche, Ringe an allen Fingern, wie wir es seither an Mr. Bulwer gesehen, ein indisches Foulardtuch in der Hand und auf den Lippen (denn er kam vom Speisen) eine duftende Pastille, um den Hauch von den Nachklängen der Sardellenessenz, der ‘Harveysauce’ und des Porto zu befreien.
-Aber er war nicht allein; er begrüßte den Marquis, indem er ihm als Schild gegen jeden Vorwurf einen Freund, einen Mr. Marmor de Kerkoel aus Schottland, vorstellte, der ihm wie eine Bombe während des Essens ins Haus geplatzt und der beste Whistspieler der drei vereinigten Königreiche war.

In seinem Eifer, anzufangen, legte Mr. Karkoel seine Handschuhe nicht ab, die durch ihre vollendete Form an die berühmten Handschuhe von Bryan Brummell erinnerten, welche bekanntlich drei spezielle Arbeiter fabrizierten: zwei die Hand und einer den Daumen.

Dieser Marmor de Kerkoel, meine Damen, war der Gestalt nach ein Mann von etwa achtundzwanzig Jahren; aber die tropische Sonne, unbekannte Strapazen, oder vielleicht auch Leidenschaften, hatten seinem Antlitz die Maske eines Fünfunddreißigjährigen aufgeprägt. Er war nicht schön, aber er war ausdrucksvoll. Sein Haar war schwarz, glatt und sehr kurz gehalten, und er fuhr oft mit der Hand über die Schläfen und strich es nach rückwärts. In dieser Bewegung lag etwas merkwürdig und unheimlich Beredtes. Es war, als wollte er Gewissensbisse verscheuchen. Es fiel zuerst auf, und wie alle bedeutsamen Dinge, fiel es immer wieder auf.

In seiner regelmäßigen, aber niederen Stirn lag Kühnheit. Seine rasierte Oberlippe (man trug damals nicht wie heute Schnurrbärte) war von einer Unbeweglichkeit, welche Lavater zur Verzweiflung gebracht hätte. Wen er lächelte, so lächelte sein Blick nicht mit, und er zeigte schimmernde Perlenzähne, wie diese Engländer, diese Söhne des Meeres, sie manchmal besitzen, um sie dann nach Art der Chinesen in den Fluten ihres abscheulichen Tees zu schwärzen oder zu verderben. Sein Gesicht war länglich, hohlwangig, von Natur olivenfarbig, aber warm überhaucht von der sengenden Wirkung der Sonnenstrahlen, die, nach ihrem heftigen Brennen zu schließen, nicht wohl die der stumpfen Sonne des nebligen England gewesen sein konnte. Eine lange und gerade Nase, die aber über den Schwung der Stirne hinausragte, trennte zwei schwarze Macbeth-Augen, die noch mehr düster als schwarz und nahe zusammengerückt waren, was, wie man sagt, das Zeichen eines extravaganten Charakters oder irgendeiner geistigen Krankhaftigkeit ist. Seine Kleidung war auserlesen. Wie er so nachlässig am Spieltisch saß, erschien er größer, als er eigentlich war, infolge eines kleinen Proportionsfehlers im Oberkörper, denn er war klein; aber von dem angedeuteten kleinen Fehler abgesehen, war er sehr gut gebaut und von einer schlummernden geschmeidigen Kraft, wie die des Tigers in seinem samtenen Fell.

Mr. Karkoel hatte die Handschuhe abgelegt; er hatte aus den duftenden gemsledernden Etuis ein Paar weiße, wohlgeformte Hände gezogen, die angetan waren, den Kultus einer Modedame, wenn sie sie besessen, zu bilden, und er verteilte die Karten, wie man beim Whist gibt, das heißt jede einzeln, aber mit einer Kreisbewegung von so unheimlicher Gewandtheit, daß man es bewundern mußte die wie Fingergeläufigkeit des Liszt.
-Die Kunst im Spiel kam bei Marmor de Kerkoel dem wunderbaren Geben gleich. Er zeigte eineÜberlegenheit, die den alten Marquis vor Vergnügen berauschte, denn er steigerte die Kunst des einstigen Partners von Fox und erhob sie bis zu der seinigen.
Ich habe es schon gesagt: außer dem Spiel schien für Karkoel nichts zu existieren. Er sprach wenig. Wenn er etwas zu verbergen hatte, so deckte er es vortrefflich durch seine schweigsamen Gewohnheiten. (…) Aber außer jenen Hieroglyphen der Mienen und der Gesten, die nur die Beobachter zu deuten verstehen und die wie die Sprache der Hieroglyphen nur sehr wenige Worte umfassen, war Marmor de Kerkoel nicht zu entziffern, ebenso unerforschlich in seiner Art wie die Gräfin du Tremblay in der ihren. Er war ein stummer Cleveland. Alle jungen Aristokraten der Stadt wurden verzehrt von dem Verlangen, ihn dazu zu bringen, die ungedruckten Memoiren seiner Jugend zwischen zwei amerikanischen Zigaretten zu erzählen. Aber sie waren jedesmal gescheitert. Dieser Seelöwe der Hebriden, den die Sonne von Lahore gebräunt hatte, fing sich nicht in den Mausfallen, welche der Eitelkeit in den Salons gestellt werden, jenen Pfauenfallen, in denen die französische Selbstgefälligkeit all ihre Federn läßt, um den Preis, sie zu entfalten.

Der Einfluß Marmor de Kerkoels, gegen den sich die vernünftigen Frauen heimlich auflehnten, nahm durchaus nicht ab, er nahm im Gegenteil immer zu. Man begreift das. Er ging weniger von ihm und seiner ganz persönlichen Art und Weise aus, als davon, daß er eine lebendige Leidenschaft vorgefunden hatte, die seine Gegenwart, dadurch, daß er sie teilte, anstachelte. Wie wäre dieser Karkoel nicht mächtig gewesen? Er besaß das, was die Macht der Regierungen ausmacht, und dachte überdies nicht daran, zu herrschen. Er erlangte deshalb auch jene Herrschaft, die an Behexung grenzt. Man riß sich ihn aus der Hand. Solange er in dieser Stadt verblieb, fand er immer die gleiche Aufnahme, und diese Aufnahme war ein fieberhaftes Suchen seiner Gesellschaft.

Quelle: Jules Amédée Barbey d’Aurevilly: “Eine Whistpartie mit verdeckten Karten” In: Die Teuflischen.

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