Maxence Gilet und die Ritter vom Müßiggang

Issoudun ist eine der ältesten Städte Frankreichs. In einer Stadt ohne jegliche geschäftliche Rührigkeit, ohne Kunstsinn, ohne wissenschaftliche Bewegung, in einer Stadt, in der ein jeder in den vier Wänden seines eigenen Heims verbleibt, da mußte der Fall eintreten - und der Fall trat auch wirklich ein - daß im Jahre 1816 nach Beendigung des Krieges und unter der Restauration zahlreiche junge Leute sich in der Lage befanden, keine Karriere einschlagen zu können und sich demzufolge damit zufrieden geben mußten, eine Ehe oder die Erbschaft ihrer Eltern abzuwarten. Diese jungen Leuten langweilten sich in ihrem Heim und fanden in der Stadt keinerlei Zerstreuung. Und da die Jugend nun einmal in Gemäßheit einer althergebrachten Regel sich die Hörner abstoßen muß, so trieben diese jungen Herrn auf Kosten der Stadt selbst ihren Ulk.

Bei Tageslicht hätten sie schlechterdings ihre Tätigkeit nicht entfalten können; sie wären erkannt worden; wäre das Maß ihrer Verbrechen übergelaufen, so hätten sie bei dem ersten etwas allzu tollkühnen Vergehen die Bekanntschaft des Schöffengerichtes machen müssen; demzufolge erwählten sie in kluger Voraussicht die Nacht zum Zeitpunkt ihrer bösen Streiche. Solchermaßen leuchtete also hier in diesem letzten Überbleibsel zahlreicher entschwundener Kulturepochen etwas wie ein erneutes Aufflackern des Sinnes für Scherz und Kurzweil auf, der die Sitten früherer Zeiten kennzeichnet.

Die jungen Leute amüsierten sich, wie sich ehedem Karl der Neunte mit seinen Höflingen amüsiert hat, wie Heinrich der Fünfte es mit seinen Gefährten trieb und wie man sich überhaupt in der guten alten Zeit in vielen Provinzstädten amüsierte.
Zudem verlieh ihnen das Bündnis jene kleinen Freuden und Erregungen, die sich aus den Mysterien einer fortbestehenden Verschwörung herleitet. Sie nannten sich die R i t t e r v o m M ü ß i g g a n g.

Im Januar 1817 erwarb sich der Orden vom Müßiggang einen Großmeister und zeichnete sich demzufolge durch Taten aus, die bis zum Jahre 1823 eine Art Schreckensherrschaft in Issoudun verbreiteten. Ihr Haupt war ein gewisser Maxence Gilet, kurzweg Max genannt, den sein Vorleben sowohl als auch seine Jugend und seine Körperkräfte zu dieser Rolle vorherbestimmt zu haben schienen.

Der kleine Dämon fand bei Leibesübungen niemals seinesgleichen; er war ein Meister in allen Spielen und hätte es im Laufen mit einem Hasen aufgenommen. Mit einem Scharfblick ausgestattet, der eines Lederstrumpfes würdig gewesen wäre, ging er mit leidenschaftlicher Begeisterung der Jagd nach. Anstatt zu lernen, verbrachte er seine Zeit damit, nach der Scheibe zu schießen.

Ein junger Mensch von Maxences Veranlagung mußte sich auszeichnen; und er zeichnete sich auch in drei Feldzügen zu wiederholten Malen so günstig aus, daß er zum Hauptmann befördert wurde. Max blieb von 1810 bis 1814 in der Gefangenschaft. Um sich seine freie Willensbestimmung zu erhalten und sich gegen die Verderbtheit zu verteidigen, die in diesen elenden Gefängnissen, die eines zivilisierten Volkes unwürdig waren, ihr Wesen trieb, tötete der junge schöne Hauptmann im Duell - dort schlug man sich auf einem Raum von sechs Fuß im Umfang - sieben Peiniger und Tyrannen, von denen er das Gefängnisschiff zur großen Freude der Opfer befreite. Infolge der großen Schicklichkeit, die er sich in der Handhabung der Waffen erwarb, dank seiner Körperkraft und seiner Geschmeidigkeit war Max auf seinem Gefangenenschiff der Herr.

Da Gilet bereits Großmeister des Ordens vom Müßiggang war, so hatte er sich Lebensgewohnheiten angeeignet, die ihm die Achtung der ersten Familien der Stadt entzogen, ohne daß man sie ihm sonst irgendwo erwiesen hätte; er war gewalttätig und von aller Welt gefürchtet, selbst unter den früheren Offizieren der Armee, die wie er dem neuen König zu dienen sich weigerten und gleichfalls im Berry ihren Kohl zu bauen gedachten.

Er war der jugendlichste, der eleganteste, der best gekleidete Mann in ganz Issoudun, dabei gab er sehr viel Geld aus und er besaß ein Reitpferd - eine Tatsache die in Issoudun ebenso viel Staunen erregte, wie das Pferd Byrons in Venedig.

Wir werden jetzt sehen wie der arme Maxence, der keinerlei Gelder besaß, in die Lage versetzt wurde, in der kleinen Stadt den Fashionablen zu spielen.

Sein Mut, seine Geistesgegenwart, seine Entschlossenheit gefiel der großen Masse, insofern ihr ja seine innere Verderbtheit, die ja nicht einmal die Bürgersleute in vollem Umfange ahnten, unbekannt blieb.

Max war so gekleidet, wie es bei jungen eleganten Leuten damals üblich war; er bezog seine Kleider aus Paris. Ein sehr weites himmelblaues Tuchbeinkleid ließ seinen Fuß aufs Beste zur Geltung kommen, insofern nur die Spitze seiner mit Sporen versehenen Stiefel sichtbar wurde. Seine Taille war in eine weiße Weste mit Goldknöpfen eingeklemmt, die sich auf der Rückseite schnüren ließ und daher gleichzeitig als Gürtel diente. Diese bis zum Halse zugeknöpfte Weste ließ seine breite Brust deutlich hervortreten; und sein hoher schwarzer Atlaskragen zwang ihn, den Kopf in martialischer Weise empor zu halten. Er trug einen schwarzen Frack, von sehr gutem Schnitt. Eine zierliche Goldkette hing von seiner Westentasche herab, in der die flache Uhr kaum sichtbar wurde.

’Der Bengel ist gar nicht übel,’ dachte sich Joseph, während er als Maler das lebhafte Gesicht, das kraftvolle Aussehen und die geistreichen grauen Augen bewunderte, die Max von seinem Vater, dem Edelmanne, geerbt hatte.

Quelle: Honoré de Balzac: Die Krebsfischerin. Berlin: Globus Verlag. Übersetzt von Alfred Brieger.


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