Octave machte den Eindruck, allzu früh schon Menschenhasser zu sein.-Diese Seele wußte aber ganz genau, welches ihre Rechte auf Unabhängigkeit und Freiheit waren, und ihre edlen Eigenschaften verbanden sich sonderbarerweise mit einer unergründlichen, für sein Alter unglaublichen Vorstellungsgabe.-Seine Vernunft war schärfer, als man glauben könnte, seine Schönheit bemerkenswert, die Strenge seines Benehmens eindrucksvoll, sein Charakter erhaben. Die Lebendigkeit des Geistes und die Anregung, die ihm manchmal fehlten, waren durch die bitterste Spottlust ersetzt.-Octave hatte einen sehr guten Geschmack.-Octave ging häufiger in Gesellschaft, zeigte sich auf jedem Ball und war den jungen Leuten gegenüber sehr herablassend und – soweit das in seiner Art lag – anmaßend. Doch daraus ergaben sich keine Folgen. Zu seinem größten Erstaunen (er war erst zwanzig Jahre alt) bemerkte er im Gegenteil, daß man ihn nur um so mehr achtete.-Dieser Jüngling, der sich selbst über alles Falsche erhaben glaubte, konnte sich beim Gedanken an die falsche Meinung, die sich andere bald über ihn machen würden, einer schadenfreudigen Regung nicht enthalten.
-Er wurde zu einem der begehrtesten Besucher, um den man sich riß, der tonangebend war. Dem unerschütterlichen Gleichmut, mit dem er allen Dingen gegenübertrat, verdankte er eine unbestreitbareÜberlegenheit über alle seine Rivalen. Er bewegte sich vollkommen anspruchslos inmitten all der Leute, die vor lauter Anmaßung beinahe platzten. Bevor er noch irgendetwas geleistet hatte, war er mit seinem Eintritt in die Gesellschaft als ein Wesen besonderer Art klassifiziert worden. Dabei ließ man ihm nicht nur das verächtliche Schweigen, in das er sich in Gegenwart von Leuten, die er für unfähig hielt, eine höhere Empfindungsart zu verstehen, plötzlich hüllte, als eine seiner reizvollen Eigenarten durchgehen.
Fräulein von Zohiloff warf ihm seine Exzesse im Spielclub vor: »Sie sind dort nicht nur von Frauen umgeben, deren bloßer Anblick schon ein Makel ist, sondern Sie unterhalten sich mit ihnen und führen das große Wort in ihren Gesprächen. Man ist sogar so weit gegangen, zu behaupten, daß Sie an diesen Orten durch Witzeleien glänzen, deren Geschmacklosigkeit jeden Begriff übersteigt.«
Sein Tatendrang und der Wunsch, Neues zu sehen, hatten ihn dazu verführt, die schlechte Gesellschaft aufzusuchen, die manchmal weniger langweilig ist als die gute. Sobald er sich glücklich fühlte, trieb ihn ein Instinkt dazu, unter Menschen zu gehen: er wollte sie beherrschen.
Quelle: Stendhal: Armance. Berlin, 1953.