Man hatte soeben einer weiteren Flasche Champagner den Hals gebrochen; ich überlasse es dem Leser die Zahl zu bestimmen. Genüge es ihm zu erfahren, daß der Zeitpunkt eingetreten war, der ziemlich bald bei einem Junggesellenfrühstück eintritt, in welchem alle auf einmal reden wollen und die standfesten Trinker für die wenig Vertragenden besorgt zu werden anfangen.
»Ich wünschte,« sagte Alphons von Thémines, der nie eine Gelegenheit vorbeigehen ließ von England zu reden, »ich wünschte, daß es ebenso wie in London in Paris Sitte wäre, daß jeder einen Toast auf seine Geliebte ausbrächte. Auf diese Weise würden wir genau erfahren, für wen unser Freund Saint-Clair schmachtet«; indem er dies sagte, füllte er sich und seinen Nachbarn die Gläser. Etwas in Verlegenheit gebracht, schickte Saint-Clair sich an zu antworten, aber Jules Lambert kam ihm zuvor.
»Ich billige ganz diesen Brauch,« sagte er, »und ich nehme in an«; er erhob sein Glas: »Auf alle Putzmacherinnen von Paris! Ausgenommen die Dreißigjährigen, die Einäugigen, die Hinkenden usw.« »Hoch, hoch!« riefen die jungen Englandschwärmer.-Saint-Clair erhob sich mit dem Glas in der Hand.-»Meine Herren,« sagte er, »ich habe kein so weites Herz, wie unser Freund Jules, aber ein beständigeres. Nun ist aber meine Beständigkeit um so verdienstlicher, als ich seit langer Zeit von der Dame meines Herzens getrennt bin. Indessen bin ich sicher, daß Sie meine Wahl billigen, wenn Sie nicht etwa schon meine Nebenbuhler sind. Auf das Wohl von Judith Pasta, meine Herren! möchten wir bald die erste Tragödin Europas wiedersehen!«-Thémines wollte an der Rede etwas aussetzen, aber die Beifallsrufe unterbrachen ihn. Saint-Clair glaubte, daß man ihn, nachdem er diesen Stoß abgewehrt hatte, für diesen Tag unbehelligt lassen würde.
Das Gespräch wandte sich zuerst dem Theater zu. Die Zensur brachte die Rede auf die Politik. Von Lord Wellington kam man auf die englischen Pferde und von da mit einer leichtverständlichen Gedankenverbindung auf die Frauen; denn für junge Leute sind die beiden begehrenswertesten Dinge zunächst ein schönes Pferd und dann eine hübsche Geliebte.-Darauf sprach man über die Mittel und Wege, um in den Besitz derselben zu gelangen. Frauen sind ebenso käuflich wie Pferde; doch von solchen wollen wir nicht reden.
Quelle: Prosper Mérimée: Die etruskische Vase. In: Ders. Novellen. Wiesbaden, 1979.