Musidora
- Posted by mgr on July 5th, 2007 filed in WEIBLICHE DANDYS
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Heliogabal und Séguin haben nicht mit tieferer Wollust das Gold besudelt und vergeudet, als das zerbrechliche Geschöpf mit Namen Musidora. Musidora war die anmutigste Frau von Paris, will sagen der ganzen Welt, denn im Grunde gibt es ja nichts als Paris. Jeden Abend legte ihr Diener ihre Katze in eine Wiege von himmelblauer Seide und morgens trug er sie zu seiner Herrin; sie trug ein Halsband von echten Perlen.
Musidora war maßgebend in Sachen der Eleganz. Hyacinthe, die getreue Kammerzofe, half ihr in eine elegante himmelblaue Amazone. Ein Castor-Hut, ein grüner Schleier, die Reitgerte von Verdier, enganliegende Reitstiefel, alles war vollendet. Die Spaziergänger und Passanten bewunderten die Kühnheit der jungen Frau. Aber Musidora war eine ausgezeichnete Reiterin. Hinter ihr flatterte der lange Schleier und gab ihr ein unwirkliches, ätherisches Aussehen.
Wer sprach denn von einer hochfahrenden, stolzen, launenhaften, verdorbenen Musidora? Die so giftig ist wie ein Skorpion; und so böse, daß man unwillkürlich unter ihrem Kleid nach einem Pferdefuß sucht! Eine Musidora ohne Herz, ohne Erbarmen, ohne Reue; die selbst die Liebhaber ihrer Wahl betrog. Ein Gold und Silber schlingender Vampyr; der die Erbschaften alter Familien trank wie ein Glas Sodawasser, vor dem Essen, als Aperitif! Deren grelles, scharfes Lachen nichts verschonte; eine abscheuliche Buhlerin, die aus den Orgien der Antike auferstanden zu sein schien, doch ohne die Glut, die eine Messaline entschuldigt!
Dandies trieben ihre Gäule an, um das Gesicht der unbekannten Herzogin zu sehen, die mit einem so kostbaren Gespann fuhr; und mehr als einer war nahe daran, vor staunender Bewunderung auf den Rücken zu fallen. Musidora, der zu jeder andern Zeit ein solches Interesse geschmeichelt haben würde, bemerkte es heute nicht einmal, sie hatte aufgehört kokett zu sein! Eine Verwandlung war mit ihr vorgegangen, von der früheren Musidora war nichts übrig geblieben als ihre Schönheit und ihr Name. Aber auch ihre Schönheit hatte sich wesentlich verändert: dominierte bis hierher der Ausdruck kühler, geistiger Überlegenheit, so flammte sie jetzt in leidenschaftlicher Glut.
Quelle: Théophile Gautier: “Fortunio”. In: Ders.: Romane und Erzählungen. Wiesbaden: Fourier, 2003.
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