Dandysme

Historisches, Kulturelles und Literarisches zum Dandy

Der Metrosexuelle

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Seit circa 1994 geistert der Begriff des Metrosexuellen umher, eine Art moderner Dandy, wenn man den Begriff oberflächlich auffasst. Es ist übrigens Mark Simpson, dem wir diesen Neologismus verdanken und der selbst als moderner Dandy angeführt werden muss.

Eines ist klar: der moderne Dandy ist metrosexuell, aber nicht jeder Metrosexuelle ist ein Dandy. Der Dandy fordert geistigen Genuss, dem Metrosexuellen reicht meist der sinnliche. Als Prototyp des Metrosexuellen galt lange David Beckham. Ein Buch zum Thema “The Metrosexual Guide to Style. A Handbook for the modern man” machte deutlich: der Metrosexuelle verkörpert die moderne Form des Dandys.

Was aber bedeutet metrosexuell oder anders gefragt: Wer ist metrosexuell? Der Begriff wird zunächst einmal – wie der des Dandys – nur auf Männer angewandt. Diese sind mode- und körperbewusst, leben in urbanen Zentren, sind Trend- und Jetsetter, sind nicht zwingend homosexuell auch wenn sie so erscheinen, haben Sinn für Ästhetik und einen ausgeprägten Hang zur Selbstinszenierung. Der metrosexuelle Lebensstil ist durchaus kostspielig, dementsprechend sind die echten Metrosexuellen häufig Ikonen der Popkultur: Neben David Beckham gelten Justin Timberlake, David Bowie, Neil Hannon und Morrissey als metrosexuell. Besonders die letzten drei werden auch immer wieder als Dandys bezeichnet, was die These weiter festigt.

Die charakteristischen Merkmale des Dandys treten im Metrosexuellen in modernisierter Form auf. Der erste und vielleicht einzig wahre Dandy, weil konsequent im Nichts-Tun, war George Bryan Brummell (1778-1840). Als Freund und stilistischer Berater von George IV, später Prince of Wales, konnte er dem exquisiten Lebensstil eines Dandys frönen, ohne auf Arbeit zurückgreifen zu müssen. Das Dandytum fand seine Ausprägung hauptsächlich in England und Frankreich. Seine erste Blüte hatte es zu Beginn des 18. Jahrhunderts mit Brummell, um 1890 gab es im Rahmen der ästhetizistischen Bewegung eine Erneuerung des Dandytums, welches nun in exaltierter Form in Erscheinung trat.

Der Ursprung des Dandytums liegt in einer oppositionellen, stark negierenden Haltung einer sich wandelnden Gesellschaft gegenüber. Dandys halten an aristokratischen Werten fest, in einer Zeit, in der die Aristokratie stirbt. An ihre Stelle tritt die moderne Gesellschaft im Zuge der Industrialisierung und Modernisierung. Ziel des Dandys ist es, seine, durch die aufkommende Massengesellschaft bedrohte Individualität zu erhalten.

Dandys legten großen Wert auf ihre äußere Erscheinung. Es gilt eine auffällige Unauffälligkeit: edle Stoffe und Schnitte, dezente Farben, wirkungsvolle Accessoires. Die Dandys der 1890er pflegten eine eher exzentrische Erscheinung mit schrillen Farben und wirren Accessoires wie der berühmten Blume im Anzug Oscar Wildes. Der Lebensstil ist elegant und kostspielig: die Einrichtung der Wohnung, Speisen und Getränke, Bibliothek, Gefährt, das Vergnügen in Clubs und Salons, Glücksspiel. Das Verhalten des Dandys ist eher dezent (Ausnahmen bestätigen die Regel): Er versteht sich perfekt auf die gesellschaftliche Gesprächskultur, spricht aber nur, um zu wirken und zu verblüffen. Dementsprechend ist seine Rede charakterisiert durch Ironie, Sarkasmus, Paradoxa und Satire. Ein Dandy wird sich weder sprechend noch sonst irgendwie offenbaren. Er hält immer eine Maske aufrecht, spielt eine Rolle und versteckt sein wahres Ich. Seine Erscheinung ist dezent und stoizistisch. Er verachtet die anderen und zeigt dies auch. Er zelebriert einen Kult der Kälte, läßt sich von nichts beeinflussen. In seiner Opposition gegen eine Gesellschaft, die zunehmend auf Zwecke und Nutzen ausgerichtet ist, versucht er, sich allem Zweckhaften zu entziehen. Dementsprechend tut der Dandy idealerweise nichts. Da der Lebensstil jedoch finanziert werden muss, sind viele Dandys ihren ästhetischen Neigungen entsprechend tätig: als Dichter oder Maler, manchmal auch als Politiker, basierend auf seinem oppositionellen Charakter.

Wo finden sich diese Merkmale nun im Metrosexuellen? Es fällt auf, dass es zwei Ausprägungen des metrosexuellen Lifestyles gibt: Den am Spaß und Genuss orientierten, zu dessen Vertretern David Beckham und Justin Timberlake zählen, und schließlich den kulturkritisch motivierten, der dem Typus des Dandy näher kommt und zu dessen Vertretern David Bowie und Morrissey zählen. Was sie einigt ist der urbane Lebensstil. Galten London und Paris als Zentren des Dandytums, so wächst die Zahl der Metropolen der Metrosexuellen um New York, Berlin, Wien, Madrid, Los Angeles, etc. Erst der moderne Flugverkehr ermöglicht das Jet-Set-Leben.

Damit einher geht das Aufspüren neuer Trends. Metrosexuelle sind Trendsetter. Schon die Dandys erfanden neue Kleidungsstücke, die Metrosexuellen erweitern dies um Frisuren, Make-up und Accessoires. Die Motivation ist jedoch eine andere. Metrosexuelle kämpfen nicht um Aufrechterhaltung ihrer Individualität. Vielmehr nutzen sie die Möglichkeiten, die die Gesellschaft ihnen gibt, um einem Lebensstil zu frönen, der von Genuss und Spaß dominiert ist. Dieser Lebensstil ist teuer, denn was zählt sind Statussymbole, Designerlabel und Marken. Dementsprechend ist der Metrosexuellen – ähnlich wie der Dandy – ästhetisch veranlagt und häufig als Künstler und, der kulturellen Verflachung entsprechend, als Pop-Idole tätig.

Einige tragen den oppositionellen Charakter der Dandys jedoch in veränderter Form zutage. Statt gegen das neu Entstehende zu revoltieren, bekämpfen und kritisieren sie das fragwürdig gewordene Existente. Während der Dandy die negativen Folgen einer Massen- und Konsumgesellschaft vorausahnte, erlebt der kritisch Metrosexuelle diese tagtäglich. Er nutzt seine Kunst, sei es Musik, Schriftstellerei oder Audiovisuelles, um Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur kritisch zu beäugen. Immer dabei: der ironisch, manchmal sarkastische Kommentar.

Nehmen wir David Bowie: Er ist vielleicht der Prototyp des modernen Dandys, der dandyeske Metrosexuelle. Alles begann in den 70ern. Bowie war verhasst wegen seiner Provokation. Er bezeichnete sich selbst als homosexuell und bisexuell, damals ein großes Tabu. Bowie nutzte die Medien geschickt für seine Schockeffekte. Seine Bühnenoutfits waren mehr als androgyne Verkleidungen: Bowie schlüpfte in verschiedene Rollen und Posen, er erfand Charaktere wie Ziggy Stardust, Aladdin Sane und The Thin White Duke. Diese Selbstinszenierung und das gleichzeitige Verhüllen der eigenen Person, das Tragen einer Maske, ist ein zentrales Element des Dandytums. Ebenso die Betonung der Individualität: Bowie wollte nie zum Anführer einer Bewegung erhoben werden, auch wenn ihn viele als solchen sahen. Er sah sich lieber als elitär.

Die Provokation Bowies zeigte sich auch auf musikalischer Ebene. Er galt als Visionär und war einer der ersten Musiker, die mit elektronischer Musik experimentierten. Die Bereitschaft, von traditionellen Wegen abzuweichen und neue Experimente zu wagen, die von konservativen Köpfen als unmoralisch und subversiv angesehen werden, ist ebenfalls hochgradig dandyesk. Rebellion war der Antrieb. Bowie sprach in Interviews von seiner Resignation über den Weg, den die Gesellschaft eingeschlagen hat. Der Zukunftspessimismus ist allen Dandys gemein. Kritik an der Gesellschaft übt Bowies in seinen Videos (vgl. Lets Dance, China Girl). Ganz Dandy, beschränkt sich Bowie nicht nur auf Musik. Er vereinte von Anfang an Theater mit Musik. Nur so kann die Selbstinszenierung perfektioniert werden. Bowie arbeitet jedoch auch als Journalist und Maler. Und das Geschick im Aufspüren neuer Trends zeigt sich darin, dass er das Internet bereits Mitte der 90er Jahre intensiv zur Verbreitung seiner Kunst und zur Kommunikation mit seinen Fans nutzte.

Als Prototyp des neuen Dandytums beeinflusst David Bowie würdige Nachfolger wie bespielsweise Morrissey. Auch er versteckt sich geschickt hinter einer Maske der Arroganz, Unnahbarkeit und Ironie. Das Kunstobjekt Morrissey verbirgt die Person dahinter. Seit den Anfängen seiner Karriere mit den Smiths versteht sich Morrissey als asexuell. Er bezeichnete sich selbst lange als zölibatös, was im Zusammenhang mit der homoerotischen Ausstrahlung seiner Kunst die Ambiguität des Dandytums ausmachte. Was den Inhalt seiner Kunst betrifft, so stößt man auch hier auf skandalöse und tabuisierte Themen. Morrisseys Texte und Interviews sind oft ironisch oder schockierend. Texte über Vegetarismus und Rollstuhlfahrer begegnet man im Popbusiness eher selten. Morrissey scheut sich auch nicht politisch Stellung zu beziehen, vgl. The Queen is Dead. (Thatcher) Dadurch entsteht eine latente Subversivität, die provoziert. Anfang der 90iger wurde Morrissey von der britischen Presse als Sympathisant neonazistischer Tendenzen verhämt. Dahinter steckt das Dilemma des Dandytums: Das hermetische Abschirmen der Person (Steven Patrick Morrissey / David Jones) hinter der Maske des Kunstwerks (Morrissey / David Bowie) führt zu Neugier. Das gilt für die heutige Boulevardpresse ebenso wie für die im 19. Jahrhundert gerade aufkommende Yellow Press. Wo dem Publikum nicht gezeigt wird, was es sehen will, entsteht der Moment des Verdachts. Dies führt zu extremen Verhaltensweisen: Verachtung, Lüge, Missachtung und im Extremfall zu einem Ausschluss aus der Gesellschaft. Die radikale Einstellung der britischen Presse ist ja bekannt. Morrissey wurde gewissermaßen von den britischen Printmedien verstoßen, was seinen Erfolg in den USA keineswegs verringerte, im Gegenteil.

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