Andere über Petschorin:
Er war ein Prachtkerl, versichere ich Ihnen; bloß ein bißchen eigenartig. [...] Ja, er war sehr eigenartig und muß wohlhabend gewesen sein. Was für kostbare Sachen er hatte! [...]
Er war von mittlerer Größe; seine schlanke, geschmeidige Gestalt und seine breiten Schultern zeugten von einer kräftigen Natur, die allen Beschwerlichkeiten eines Wanderlebens und eines ständigen Klimawechsels gewachsen war und die weder das zügellose Leben in der Hauptstadt noch die Herzensstürme besiegt hatten; da nur die beiden untersten Knöpfe seines staubigen Samtrocks geschlossen waren, konnte man die blendendweiße Wäsche sehen, die die Gewohnheiten eines ordentlichen Menschen erkennen ließ; seine beschmutzten Handschuhe schienen eigens für die kleine Aristokratenhand genäht, und als er den einen Handschuh abstreifte, staunte ich über die mageren weißen Finger. Sein Gang war nachlässig und träge; doch bemerkte ich, daß er nicht mit den Armen schlenkerte – ein sicheres Zeichen für eine gewisse Verschlossenheit des Charakters. [...]
Auf den ersten Blick hätte ich ihn nicht für älter als dreiundzwanzig Jahre gehalten, obwohl ich ihm später ohne weiteres dreißig zubilligte. In seinem Lächeln lag etwas Kindliches. Seine Haut war zart wie die einer Frau; das blonde Haar, das sich von Natur aus lockte, umrahmte malerisch seine bleiche, edle Stirn, auf der man nur nach langem Beobachten Spuren von sich kreuzenden Falten entdecken konnte, wahrscheinlich traten sie in Augenblicken des Zorns oder der seelischen Erregung noch stärker hervor. Trotz der hellen Haarfarbe waren sein Schnurrbart und seine Brauen schwarz – ein Zeichen von Rasse beim Menschen, [...] um das Porträt zu vollenden, möchte ich noch hinzufügen, daß er eine etwas aufgestülpte Nase, blendendweiße Zähne und braune Augen hatte; zu den Augen muß ich noch ein paar Worte sagen.
Erstens lachten sie nie, wenn er lachte! [...] Sie leuchteten unter seinen langen Wimpern hervor in phosphoreszierendem Glanz, wenn man sich so ausdrücken darf. Das war nicht der Widerschein seelischer Glut, auch nicht spielender Phantasie; das war ein Glanz, ähnlich dem des blanken Stahls – blendend, aber kalt; sein Blick verweilte nirgends lange, doch war er durchdringend und schwer, er hinterließ das unangenehme Gefühl, er stelle eine unbescheidene Frage; er hätte dreist gewirkt, wäre er nicht so gleichgültig ruhig gewesen.
Petschorin über sich selbst:
In meiner frühesten Jugend, von dem Augenblick an, da ich die elterliche Obhut verließ, gab ich mich wild allen Genüssen hin, die man für Geld haben kann, und diese Genüsse wurden mir selbstverständlich zuwider. Dann stürzte ich mich in die große Welt, aber bald ödete mich auch die Gesellschaft an; ich verliebte mich in vornehme Schönheiten und wurde wiedergeliebt, doch deren Liebe stachelte nur meine Phantasie und meine Eigenliebe an; das Herz blieb leer… Ich begann zu lesen, zu studieren – auch der Wissenschaften wurde ich überdrüssig; ich sah, daß weder Ruhm noch Glück von ihnen abhängen, weil die glücklichsten Menschen die Unwissenden sind, und Ruhm, Erfolg – um sie zu gewinnen, muß man nichts als geschickt sein! Da überkam mich Langeweile… Ich wurde bald darauf in den Kaukasus versetzt, das war die glücklichste Zeit meines Lebens. Ich hoffe, mir würde die Langeweile unter dem Kugelregen der Tschetschenzen vergehen. Vergebens. [...]
Meine Seele ist von der Welt verdorben, meine Phantasie unruhig, mein Herz unersättlich; alles ist mir zu gering, an die Traurigkeit gewöhne ich mich ebenso leicht wie an den Genuß, und mein Leben wird von Tag zu Tag öder; mir bleibt nur ein Mittel: reisen. [...]
Ich eigne mich nicht für die Freundschaft. Von zwei Freunden ist einer stets der Sklave des anderen, wenngleich sich keiner von beiden das eingesteht. Sklave kann ich nicht sein, und gebieten ist in diesem Falle eine ermüdende Tätigkeit, weil man dabei zugleich täuschen muß; überdies habe ich Diener und Geld! [...]
Man hat mir in der Tat gesagt, ich sähe in Tscherkessentracht einem Kabardiner ähnlicher als viele Kabardiner selbst. Und wahrhaftig, was diese edle Kampftracht betrifft, bin ich ein vollendeter Dandy: Keine Borte zuviel, kostbare Waffen in schlichter Ausführung, das Fell an der Mütze nicht zu lang und nicht zu kurz; Gamaschen und Stiefel nach Möglichkeit wie angemessen; weißer Beschmet und dunkelbraune Tscherkeska. Ich habe lange studiert, wie sich die Gebirgsbewohner im Sattel halten; nichts kann meiner Eitelkeit mehr schmeicheln, als wenn man meine Kunst, nach kaukasischer Art zu reiten, anerkennt. Ich halte vier Pferde, eins für mich, drei für Freunde, damit ich mich nicht langweile, wenn ich über die Felder galoppiere; sie benutzen meiner Pferde mit Vergnügen und reiten nie mit mir zusammen aus.[...]
Ich mache mich über alles auf der Welt lustig, besonders über die Gefühlte – und das erschreckt sie. [...] Ich selbst bringe es nicht mehr fertig, unter dem Einfluß von Leidenschaft zu rasen; meinen Ehrgeiz haben die Verhältnisse erstickt, er ist aber in anderer Gestalt wiedererstanden, denn Ehrgeiz ist nichts anderes als Machthunger, und es bedeutet mir höchstes Vergnügen, alles, was mich umgibt, meinem Willen unterzuordnen; das Gefühl der Liebe, Ergebenheit und Furcht zu erwecken – ist das nicht erstes Anzeichen und höchster Triump der Macht? Für einen anderen Menschen Ursache zu Leiden und Freuden zu werden, ohne wirklich dazu berechtigt zu sein – ist dies nicht die süßeste Speise für unseren Stolz? Und was ist denn Glück? Befriedigter Stolz. Wenn ich mich für besser und mächtiger als alle auf der Welt halten könnte, würde ich mich glücklich schätzen; wenn mich alle liebten, würde ich unerschöpfliche Quellen der Liebe in mir entdecken. Das Böse gebiert Böses; das erste Leiden gibt einen Begriff von dem Vergnügen, einen anderen zu quälen; die Idee des Bösen kann nicht in den Kopf eines Menschen dringen, ohne daß er sie auf die Wirklichkeit anzuwenden wünscht. [...]
Alle lasen in meinem Gesicht Anzeichen von schlechten Eigenschaften, die nicht vorhanden waren; aber man setzte sie voraus, und so entstanden sie. Ich war bescheiden – man erklärte, ich sei hinterhältig, und so wurde ich verschlossen. Ich besaß einen feinen Sinn für Gut und Böse, niemand liebkoste mich, alle kränkten mich, ich wurde nachtragend; ich war mürrisch, andere Kinder waren fröhlich und geschwätzig; ich fühlte mich ihnen überlegen – man schätzte mich weniger. Ich wurde neidisch. Ich war bereit, die ganze Welt zu umarmen – niemand verstand mich, und so lernte ich hassen. Meine farblose Jugend verging im Ringen mit mir selbst und mit der Welt; aus Angst vor dem Hohn verbarg ich meine besten Gefühle auf dem Grunde meines Herzens; und dort sind sie gestorben. Ich sagte die Wahrheit, man glaubte mir nicht – ich fing an zu betrügen; nachdem ich die vornehmen Salons und die Triebfedern der menschlichen Gesellschaft zur Genüge kennengelernt hatte, vervollkommnete ich mich in der Kunst zu leben und sah, wie die anderen ohne diese Kunst glücklich waren und kostenlos jene Vorteile genossen, nach denen ich unermüdlich strebte. Da wurde in meiner Brust die Verzweiflung geboren, nicht jene Verzweiflung, die man mit dem Pistolenlauf heilt, sondern die kalte, kraftlose Verzweiflung, die sich hinter Liebenswürdigkeit und einem gutmütigen Lächeln versteckt. Ich wurde ein moralischer Krüppel; die eine Hälfte meiner Seele existierte nicht mehr, sie war verdorrt, verdunstet, gestorben. Ich schnitt sie ab und warf sie weg – die andere aber regte sich und lebte jedermann zu Gefallen, und niemand merkte es, weil niemand etwas von der Existenz der gestorbenen Hälfte wußte. [...]
Ich liebe meine Feinde, wenn auch nicht im Sinne der Christen. Sie belustigen mich und bringen mein Blut in Wallung. Immer auf der Hut sein, jeden Blick, die Bedeutung jedes Wortes erfassen, Absichten erraten, Verschwörungen ausheben, so tun, als sei man überlistet, und plötzlich mit einem einzigen Stoß das ganze riesige und mühsam errichtete Gebäude aus Listen und Intrigen einreißen – das ist es, was ich Leben nenne! [...]
Ich bin edler Gefühlsregungen unfähig geworden; ich habe Angst, ich könnte mich vor mir selber lächerlich machen. Ein anderer hätte der Prinzeß son cœur et sa fortune zu Füßen gelegt!Über mich aber hat das Wort heiraten eine dämonische Gewalt. Ich mag eine Frau noch so leidenschaftlich lieben, sobald sie mich auch nur fühlen läßt, daß ich sie heiraten soll – dann Liebe ade! Mein Herz verwandelt sich in einen Stein, und nichts kann es wieder erwärmen. Ich bin zu allen Opfern bereit, außer zu diesem einen; zwanzigmal setze ich mein Leben, sogar meine Ehre aufs Spiel … aber meine Freiheit verkaufe ich nicht. [...]
Wenn ich sterben soll, dann sterbe ich – es wäre kein großer Verlust für die Welt; auch ich selbst finde alles schon todlangweilig. [...] sicherlich war ich zu Hohem bestimmt, denn ich spüre in meiner Seele unermeßliche Kräfte; aber ich habe diese Bestimmung nicht erraten, habe mich von den Verlockungen hoher und undankbarer Leidenschaften hinreißen lassen; ihren Schmelzofen verließ ich hart und kalt wie Eisen, ich habe für immer die Glut edler Bestrebungen verloren, die schönste Blüte des Lebens. Wie oft habe ich seit jener Zeit schon in den Händen des Schicksals die Rolle des Henkerbeils gespielt! Wie das Richtschwert fiel ich auf das Haupt der bezeichneten Opfer nieder, oft ohne Zorn und immer ohne Erbarmen. [...]
Aus dem Sturm des Lebens habe ich für mich nur einige Ideen gerettet – und nicht ein einziges Gefühl. Ich lebe schon lange nicht mehr mit dem Herzen, sondern nur noch mit dem Kopf. Ich wäge und untersuche meine eigenen Leidenschaften und Handlungen mit strenger Wißbegierde, aber ohne Anteilnahme. In mir leben zwei Menschen – der eine lebt im vollem Sinne des Wortes, der andere denkt und verurteilt ihn.
Quelle: Michail Lermontow: Ein Held unserer Zeit. Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Verlag, 2003.
Januar 3, 2011 um 12:05 pm Uhr
Außer Petschorin wären in der russichen Literatur noch weitere Dandys zu nennen: außer natürlich Puschkins Evgenij Onegin ist hier besonders Ivan Ivanovi´c Panaev (1812-1862) zu nennen, in dessen Romanen (Onagr, Akteon, L’vy v provincii [Die Löwen in der Provinz], Opyt o chly´s´cach [Versuch über Stutzer] und Erzählungen (Ko´selek, Belaja gorja´cka u.v.a.) er immer wieder geradezu obsessiv auf das russische Dandy- und Stutzertum zu sprechen kommt. Einige dieser Werke sind online über die Seite http://az.lib.ru/p/panaew_i_i/ zugänglich. Übersetzungen gibt es meines Wissens nicht. Eine beispielhafte Stelle aus “Ko´selek” (Die Geldbörse) setze ich in eigener Übersetzung einmal hierher. Der dort geschilderte Stutzer spielt im Vewrlauf der weiteren Handlung keine Rolle mehr. Die Szene spielt um 1840 in St. Petersburg.
Iwan Alexandrowitsch blickte in den Himmel, auf die Newa und auf die steinernen Einfriedungen ihrer Ufer. „Da dachte ich, ich hätte mich an Petersburg gewöhnt“, sagte er zu sich, „und doch kann ich immer noch nicht gleichgültig an der Newa vorübergehen…“
„An dieses Bild kann man sich nicht gewöhnen. Wirklich: je länger man schaut, desto länger möchte man noch weiter schauen“ sagte eine zarte Stimme neben ihm.
Das war die Antwort auf seine eigenen Gedanken. Er fuhr zusammen und wandte sich zur Seite. Vor ihm stand eine Dame im schwarzen Schal mit einem gelben Strohhut, der mit einer leuchtend roten Blüte geschmückt war. Er sah ihr ins Gesicht: sie war einfach wunderschön.
Ihre Worte waren an einen hochgewachsenen Menschen gerichtet, der einen Umhang trug, von dem lange Quasten baumelten und unter dem ein ganz eigenartig geschnittener Frack, eine Krawatte mit einer riesigen Schleife und eine bunte Weste mit blauen Atlasaufschlägen sichtbar waren. Über seiner Weste hing eine massivgoldene Kette, an der ein goldenes, mit verschiedenfarbigen Edelsteinen besetztes Lorgnon befestigt war. Er kniff lange die Augen zusammen, fuhr sich umständlich über die Schläfen, ließ das Lorgnon mehrmals hin- und herschwingen, legte es dann mit nicht alltäglicher Kunstfertigkeit und staunenswürdiger Anmut ans Auge, blickte aufs Wasser und quetschte, indem er sich der Dame zuwandte, schließlich zwischen den Zähnen hervor: „Wahrhaftig: ein unvergleichlicher Anblick!“
Die Dame gefiel Iwan Alexandrowitsch sehr und er ließ die Augen nicht von ihr.
Nachdem sie ein Weilchen dagestanden hatten, setzte die Dame den Spaziergang mit ihrem Kavalier fort, der, wie der Leser schon bemerkt haben dürfte, zu der Sorte von Gecken gehörte, denen man, sobald man ihrer nur ansichtig wird, unwillkürlich entgegenrufen möchte: „Verschont uns.“
Hinter ihnen ging ein Lakai in einer blauen Livree mit gelbem Kragen und einem goldbetressten dreieckigen Hut, der wahrscheinlich schon seinem Vorgänger gehört hatte, denn er passte nicht recht und verdeckte beinahe seine Augen. Von Zeit zu Zeit zog er Nüsse aus der Tasche, biss sie auf und hinterließ auf diese Weise eine Spur von Nussschalen.
„Das ist sicher keine gewöhnliche Dame,“ dachte Iwan Alexandrowitsch, indem er ihr folgte. „Was für einen bedeutenden Schritt sie hat! Wie schön sie gekleidet ist, wie geschmackvoll. Und dann dieses Füßchen. Wie ein Spielzeug. Und diese Schuhe. Wundervoll.“
Iwan Alexandrowitsch begann zugestandenermaßen neidisch auf ihren Kavalier zu werden. Und wie hätte man auch nicht neidisch werden sollen.
Neiderfüllt vor sich hinträumend und von wachsender Liebe zu der Unbekannten erfüllt, fand er sich unversehens in Kolomna wieder. Die Dame, ihr Kavalier und der Lakai, der inzwischen den ganzen Nussvorrat verzehrt hatte, während er ruhig dahingeschritten war, hielten nun bald an der Freitreppe zu einem nicht sehr großen steinernen Haus an. Äußerst kunstreich, gerade so als tanze er eine Mazurka, sprang der Kavalier in weiten Sätzen als erster die Freitreppe empor und griff mit unnachahmlicher Gewandtheit nach dem Glockengriff – durch diese Bewegung geriet die Kette seines Lorgnons ins Schlingern. Das Glas des Lorgnons prallte gegen den kupfernen Türgriff und zerplatzte in tausend Stücke. Für diesen ganzen theatralischen Auftritt wurde der Kavalier mit dem Ausruf „Ach“ und einem lieblichen Lächeln seiner Begleiterin belohnt.
Die Tür öffnete sich und schloss sich wieder. Alle drei verschwanden.
Iwan Alexandrowitsch blieb unbeweglich bei der Tür stehen.