Dandysme

Historisches, Kulturelles und Literarisches zum Dandy

Morrissey

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Morrissey ist der Beweis, dass es noch immer Dandys geben kann. Morrissey provoziert, »prangert Militarismus und kulturellen Niedergang an. Der Humor noch immer beißend, das Urteil messerscharf«, so das Hamburger Abendblatt anlässlich der letzten Konzertreihe. Und beobachtet: »Der eigenwillige Mikrofon-Lassotanz, eine Ausgeburt an Eleganz und Würde.« Früher ließ sich der Oscar Wilde Verehrer, »der passionierte Zyniker und professionelle Dandy«[1] gar mit Narzissen einregnen. Darauf verzichtet Morrissey heutzutage, doch er bleibt ein »Sentenzen schleudernder Dandy«[2] mit reaktionärem Zukunftsekel und der Proklamation des Verzichts auf Fortplanzung.

optische Eindrücke: [Bild 1] [Bild 2] [Bild 3] [Bild 4]

Und auch in Morrisseys Songtexten finden sich dandyeske Eigenschaften bestätigt. »There is no such thing in life as normal« bekräftigt den Originalitätswillen des Dandys, »I see the world and it makes me puke« unterstreicht den Lebensekel, der besonders bei den Décadents verstärkt Ausdruck bekam. »To me you are a work of art« ist wohl das größte Kompliment, das ein Ästhet geben kann, wird aber in der nächsten Zeile zugleich ironisch umgebrochen: »And I would give you my heart / That’s if I had one«, wodurch der Dandy alle Erwartungshaltungen zerstört. Ebenfalls sehr dandystisch ist die Kritik an den USA, die schon bei Stendhal zu beobachten war. Morrissey drückt sich in seinen Songtexten so aus: »America your head’s too big, / Because America, Your belly’s too big / And I love you, I just wish you’d stay where you is / In America«. Amerika erschien dem Dandy schon immer als Symbol der kulturlosen, geistig verflachten Existenz. Doch eigentlich ist die ganze westliche Welt im Untergang begriffen, was die Vorliebe des Dandys für den Orient erklärt und für vergangene Kulturen, besonders die Antike. Morrissey singt: »No it’s just more lock jawed pop stars / Thicker than pig shit, / Nothing to convey / They’re so scared to show intelligence / It might smear their lovely career / This world, I am afraid, / Is designed for crashing bores / I am not one«. Die Verflachung der Kultur wurde von den Dandys schon immer angepragert und Morrissey reiht sich nahtlos in diese Tradition ein. Er ist ein Popstar, der kein Popstar ist – ein weiteres, so typisches Paradox. Kompromisse geht er nicht ein, Konzerte werden schon mal abgesagt und wenn man Mark Simpson in seiner Biography Saint Morrissey glaubt, war es Morrissey, der Pop gerettet hat, indem er Intellekt und Literatur hineinbrachte. Die Kritik und Verachtung, die Morrissey der Gesellschaft entgegen schleudert, die offenkundige Misanthropie führte natürlich rasch zu einer Hassliebe zwischen ihm und dem Rest der Welt, die sich in seiner Beziehung zum NME am Offenkundigsten ausdrückte. Morrissey hält der Welt nicht nur den Spiegel ins Gesicht, er amüsiert sich auch noch dabei und sein messerscharfer Wit bringt noch den geduldigsten Interviewer zur Verzweiflung.

Was bei Morrissey sehr stark auffällt, ist das Leiden an der Welt, kein eigentlich Dandy-typisches Merkmal, da es sich erst im Ästhetizismus des späten 19. Jahrhunderts ausprägte. Da aber der Décadent und Ästhet eine verfeinerte Form des klassischen Dandys darstellt, ist es doch Charakteristikum eines bestimmten Dandy-Typus. Morrisseys Songs thematisieren oft weniger die unerfüllte Liebe als vielmehr die – auch typisch dandyeske Form – der Asexualität. Der Dandy ist unnahbar, kühl, doch paradoxerweise sehnt sich Morrissey nach Liebe, was in Texten wie diesen kulminiert: »And why did you give me so much love in a loveless world, / When there is no one I can turn to / To unlock this love?« und anderen wie diesen wieder ad absurdum geführt wird: »The woman of my dreams, / She, She never came along / The woman of my dreams, / Well, There never was one«.

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