Dandysme

Historisches, Kulturelles und Literarisches zum Dandy

Feinheit des Geistes rührt von Niedertracht

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1845 begründete Jules Amédée Barbey d’Aurevilly mit seiner Studie “Du dandysme et du George Brummell” die Dandy-Forschung. Sein eigener Dandysmus zeigt sich in seinem erzählerischen Werk wie auch in seinen Aphorismen, die nun erstmalig von Gernot Krämer ins Deutsche übertragen wurden.

Barbey d’Aurevillys Skepsis angesichts der Fortschrittsgläubigkeit seiner Zeitgenossen wird hier besonders deutlich. Der Dandy ist reaktionär, weil ihn dieÜberzeugung leitet, nur wenige Auserwählte sollten über die Zukunft der Welt und die Geschicke des profanum vulgus entscheiden. Barbey d’Aurevilly glaubte die Demokratie werde »für entsetzliche Zerstörung sorgen«. »Das Malerische verschwindet allerorten.« Für ihn gab es nur »große Geister, große Charaktere, große Männer«, doch die wurden immer seltener.

Das Bewusstsein der dandystischenÜberlegenheit lehrt die Verachtung für die Welt: »Wenn ich einer landläufigen Meinung begegne, lasse ich sie laufen.« Auch und vor allem in seinen Gedanken grenzt sich der Dandy von der Masse ab, um seine Exklusivität zu unterstreichen. Die Profanisierung der Welt spiegele sich allerorten: in der Geschwindigkeit, im parasitären Journalismus, im Verschwinden der Höflichkeit, die das Schlechte früher wenigstens noch zu überdecken und die Dummen auf Abstand zu halten vermochte wie auch im Niedergang der adligen Tanz-, Fecht- und Reitkünste zugunsten den Errungenschaften des amerikanischen Zeitalters: Gymnastik, Pferderennen und Boxen. Dazu geselle sich beklagenswerterweise die Gleichberechtigung der Frau, die ihre Weiblichkeit in dem Maß verliere, in dem sie sich dem Manne angleiche. Was bleibe: »vermännlichte Weibchen, doch Frauen? Nein.« Die Dekadenz, die der Dandy in der Welt erblickt, spiegeln sich in diesen Aphorismen.

Abgerundet wird die Sammlung durch zwei Nachrufe auf Barbey d’Aurevilly. Anatole France evoziert die Erscheinung des Dandys: »Dieser Herr mit der Hutkrempe aus leuchtend rotem Samt, der seine Taille in einen Gehrock mit gebauschten Schößen zwängte und beim Gehen mit der Reitpeitsche an die goldenen Tressen seiner engen Hosen schlug.« Er erinnert an Barbey d’Aurevillys gesuchte Höflichkeit und seine großartigen Umgangsformen, die ihn zu einem wirklich liebenswerten Menschen machten. Er war exzentrisch, doch nie gemein. Paul Bourget erinnert an die bestimmenden Charakterzüge des Schriftstellers: seine extreme Empfindsamkeit, die er hinter den aggressivsten Paradoxa versteckte, seinen Sinn fürs Romantische und seine geniale Unterhaltungsgabe, von der die Aphorismen dieses Buches Zeugnis geben.

Juley Barbey d’Aurevilly: Feinheit des Geistes rührt von Niedertracht. Mit Essays von Anatole France und Paul Bourget. Berlin: Matthes & Seitz, 2008.

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