Gräfin du Tremblay de Stasseville

Die Gräfin verlor ihr Geld mit jener aristokratischen Gleichgültigkeit, die all ihr Tun bestimmte. Die Gräfin du Tremblay de Stasseville zählte etwa vierzig Jahre; sie war von sehr schwacher Gesundheit, bleich und zart, aber von einer Blässe und Zartheit, wie ich sie nur bei ihr gesehen habe. Ihre ein wenig zu schmale Bourbonennase, ihr hellbraunes Haar, ihre sehr schmalen Lippen verrieten eine jener rassigen Frauen, deren Stolz leicht Grausamkeit wird. Ihre gelbliche Blässe war krankhaft.

Aber gerade diese Blässe, diese fahlen, schmalen, kaum angedeuteten Lippen der Gräfin du Tremblay de Stasseville, die bebten wie die Sehne eines Bogens, ließen den erfahrenen Beobachter erkennen, daß in dieser Frau wilde Leidenschaften und starker Wille schlummerten.
Die Gesellschaft in der Provinz sah das alles nicht. In der Starrheit dieser schmalen und mörderischen Lippen sah sie nur die stählerne Sehne, auf der dauernd der gefiederte Pfeil des Epigramms tanzte. Zwei blaugraue Augen (die Gräfin hatte Grün mit Gold gesprenkelt in ihrem Blick wie in ihrem Wappen) krönten wie zwei Fixsterne dieses Gesicht, ohne es aber zu erwärmen. Die zwei gelbgestreifte, von blonden und fahlen Brauen auf gewölbter Stirn eingefaßten Smaragde waren so kalt, als hätte man sie gerade aus dem Bauch und Laich des Fisches des Polykrates herausgeholt. Nur der Geist, ein funkelnder Geist, der scharf war wie eine Damaszenerklinge, entzündete zuweilen in diesem gläsernen Blick die Blitze jenes sich drehenden Schwertes, von dem die Bibel berichtet. Die Frauen haßten diesen Geist der Gräfin du Tremblay, als wenn er Schönheit gewesen wäre. Und wirklich, er war ihre Schönheit!

Ihr Vermögen war beträchtlich. (…) Das Untadelige der Frau de Stasseville aber hatte immer etwas Unverschämtes. Selbst Tugend wirkt unverschämt, und das war vielleicht der einzige Grund, weshalb sie so großen Wert auf ihre Tugend legte. Jedenfalls war sie tugendhaft: ihr Ruf trotzte jeglicher Verleumdung.

Ihr Geist war selbst im Scherz so klar, scharf und positiv, daß eine Laune von vornherein ausgeschlossen war. Wenn er heiter war (was nur selten vorkam), klang er hart wie Castagnetten aus Ebenholz oder schrill wie ein Schellenbaum, so daß man sich gar nicht vorstellen konnte, daß sich in diesem messerscharfen Hirn etwas befände, das auch nur an Phantasie erinnerte, das man für eine jener verträumten Neugierden hätte halten können, die den Menschen dazu drängen, seinen Wohnort zu verlassen und sich dorthin begeben, wo er noch nicht war.

Wie Lord Byron hätte sie die Welt mit einer Bibliothek und einer Volière in ihrem Wagen durchziehen können, aber dazu verspürte sie nicht die geringste Lust. Sie war indifferent. Sie war eine stagnierende Natur, eine Art weiblichen Dandys, wie die Engländerinnen gesagt hätten. Außerhalb des Epigramms existierte sie nur im Zustand einer eleganten Larve.

Ihre Tage lösten sich von ihr, rissen sich nicht gewaltsam von ihr ab. Mit dem grünen und spöttischen Nixenblick, den sie für alles hatte, sah sie sie versinken. Sie schien ihren Ruf, eine geistreiche Frau zu sein, Lügen zu strafen, denn nie nuancierte sie ihr Verhalten durch eine jener persönlichen Noten, die man Exzentrizität nennt.

Die Beweggründe, aus denen heraus sie handelte, Beweggründe aus Vernunft, Instinkt, Überlegung, Temperament und Geschmack, alle diese inneren Fackeln, die Licht auf das werfen, was wir tun, erhellten in keiner Weise ihr Tun. Nichts aus dem Innern strahlte in das Äußere dieser Frau.

Wenn sie auch die faszinierenden Schuppen und die dreigespaltene Zunge einer Schlange hatte, so besaß sie doch auch deren Klugheit.
Wenn sie einen ihrer Scherze geäußert, einen dieser funkelnden Pfeile abgeschossen hatte, die so fein waren wie die vergifteten Gräten, deren sich die Wilden bedienen, dann zeigte sich die Spitze ihrer Schlangenzunge zwischen ihren pfeifenden Lippen, und man fühlte, daß bei einer großen Gelegenheit, z.B. dem letzten Augenblick des Schicksals, diese zugleich zerbrechliche und starke Frau imstande gewesen wäre, das Verfahren der Neger zu erraten, ihren Entschluß bis zum Äußersten durchzuführen und ihre so geschmeidige Zunge zu verschlucken, um sich auf diese Weise den Tod zu geben.

Solche Frauen lieben das Geheimnis seiner Tiefe wegen leidenschaftlich, sie umgeben sich mit ihm, lieben es bis zur Lüge, denn die Lüge ist doppeltes Geheimnis, dichterer Schleier, Finsternis um jeden Preis.

Ihre Scherze glichen einer Kugel, die die einzige Waffe ist, die tötet, ohne leidenschaftlich erregt zu werden, wohingegen der Degen die Leidenschaft der Hand teilt.

Zitiert aus: Barbey d’Aurevilly, J.-A.: “Die Hintergründe einer Whist-Partie.” In: Ders.: Die Teuflischen. München: Kurt Desch, 1948.

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