Was die Kleidung der Engländer betrift, so ist solche sowohl bey Manns- als Frauenpersonen eigentlich nur einfach, unterdessen giebt es aber auch in London eben so gut Stutzer als in Frankreich und Deutschland, und manche suchen durch die lächerlichsten Karrikaturen Aufsehen zu erregen. So sahe ich zum Beyspiel einige Engländer mit fleischfarbnen Unterkleidern und eben solchen Strümpfen im St. Jamespark auf- und niedergehen. Der Anzug war mit Vorsatz so knap gemacht, um desto täuschender die natürliche Farbe des Körpers vorzustellen. Der Zweck wurde auch erreicht, denn von ferne glaubte ich in der That, es wären Bedlams Bürger aus ihren Gemächern entsprungen, hätten nur Schuhe und Kleider angelegt und den übrigen Körper unbedeckt gelassen. Es würde sehr unbillig seyn, wenn man solche Stutzer-Ideen der Nation zum Verbrechen anrechnen, oder wohl gar deren Charakter daraus beurtheilen wollte; denn welches Land ist von Narren befreyt! Und daß England schon in ältern Zetten sehr reichlich damit versorgt gewesen, ist aus vielen Schriftstellern bekannt: denn ohne engllsche Narrheit zum Beyspiel, hätte Swift keinen Stoff gehabt, so treffkiche Satyren zu schreiben. Das hätte ich aber nie geglaubt, daß es unter den ernsthasten Engländern so viele Stutzer gäbe; Sie können daher leicht denken, wie gros meine Verwunderung war, Männer zu sehen, die statt der Stöcke, kleine dicke Knüppel in der Hand hielten, und die, weil sie grade nicht länger als eine halbe Elle waren, zum Gehen gar nicht konnten gebraucht werden. Von den meisten wurden diese Stöcke eben so, wie die Fächer von den Damen, in der Hand gehalten. Ueberhaupt ist die Uebertreibung bis zur Karrikatur, der englischen Nation eigenthümlich. So wie in allen ihren Handlungen, so auch in der Kleidung. Gestickte oder galonirte Kleider erinnere ich mich nicht anders, als an des Königs Geburtstage in St. James gesehen zu haben. Auf schöne Kleider sieht eigentlich der Engländer weniger als auf seine Wäsche. Die gemeinsten Leute tragen so feine Hemden als die reichsten Lords, und der Unterschied der übrigen Kleidungsstücke ist auch nicht so merklich wie in Deutschland, wo nach der Feinheit der Kleidung auch gemeiniglich der Stand oder die Einkünfte des Besitzers beurtheilet werden.
Ein sonderbarer Nahrungszweig in London ist das Kleider-Vermieden, und zwar aus folgende Art: Man erhält jährlich einen neuen Anzug, bestehend in Rock, Weste und Beinkleidern. Ist das Jahr zu Ende, so giebt man den Anzug zurück, und zahlt dafür 4 Pfund Sterling. Man erhält dann wieder eine neue Bekleidung, wählt sich die Farbe des Tuchs nach eignem Geschmack, und es giebt viele junge Leute, die sich dieser Methode aus Oekonomie bedienen, um ihre Ausgaben für Kleidungsstücke jährlich nur auf 4 Pfund zu beschränken. Sie werden dieses für einen übel angelegten ökonomischen Plan halten, aber er lst es in der That nicht, besonders wenn man bedenkt, daß es in England nicht gewöhnlich ist. die Kleider kehren zu lassn, wozu sollen daher einem jungen Menschen seine Kleidungsstücke dienen, die er in einem jahre abgetraqen hätte? Er würde ohnedieß genöthigt seyn, solche für sehr geringen Preiß an Kleiderhändler wieder zu verkaufen. Es versteht sich übrigens von selbst, daß bey der Zurückgabe nicht darauf gesehen
werde, wie diese Kleidungsstücke conditionirt sind, und der Verleiher muß mit der richtigen Ablieferung des Kleider Kapitals nebst den 4 Pfund Zinßen vollkommen zufrieden seyn.
Zitiert aus: Friedrich Wilhelm von Schütz: Briefe über London. Hamburg, 1792.