Dandysme

Historisches, Kulturelles und Literarisches zum Dandy

Ein Stutzer in Paris

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Wer ist der sonderbare Mensch? fragte Madame L. ihren Mann.

Es ist, antwortete Ottomar, der Sohn eines reichen Parvenü, der vor kurzen von Reisen zurückgekommen. Er hat den Tick, in allen seinen Handlungen von seinen Mitbürgern abzuweichen. Er hat von der geschmeidigen zuvorkommenden Höflichkeit der Franzosen gehört, und ist auf eine lächerliche Weise unhöflich, um zu beweisen, daß er Charakter habe und nicht ein Sklave der Gebräuche seiner Nation sey. Er schreibt und liest auf den Promenaden, statt sich in seinem Zimmer zu beschäftigen. Er glaubt, er mache Aufsehn, und hält sich für einen Mann von Wichtigkeit. Er hat die Geschichte der Abderiten von Ihrem unsterblichen Wieland gelesen, er schwört nun darauf, Paris sey Abdera, und hält sich für dessen Demokrit. Er glaubt sich wegen seiner Vorzüge gehaßt und beneidet. Er irrt sich, er wird zwar mitunter bemerkt, aber er wird ausgelacht und vergessen.

Sehn Sie den jungen Mann dort an der Seite jener artigen Dame? Dies ist seine Schwester, die Braut eines reichen Handelsmanns in der Provinz. Ihr Bruder, ein Jüngling von den glänzendsten Eigenschaften, hat einen Fehler, der das Unglück seines Lebens machen wird. Sein Glück ist noch nicht gemacht, und er ist schon großmüthig, und das muß man sich hier auf Erden nicht einfallen lassen, eh man nicht selbst einen festen Standpunkt hat. Herr *** sagt zwar, wenn man ihm diese Vorstellungen macht: Wer nicht giebt und nicht gern Gutes thut, der ist nicht würdig Gutes zu empfangen; er bedenkt aber nicht, daß man, um auszuspenden, erst sammeln muß; denn wer mitten im Sammeln ausspendet, der wird nie Schätze erlangen; nie im Stande seyn, für die Menschheit etwas wahrhaft Großes zu thun. Eine zur unrechten Zeit angebrachte Großmuth ist nichts anders, als eine Thorheit. Herr *** aber ist von dieser Wahrheit nicht überzeugt. Er kann den Bitten eines Bedrängten nicht widerstehen; er würde nicht unterlassen etwas zu thun, was andern Vergnügen macht, wenn es ihn auch in Sorgen stürzen, sollte: er möchte gern alles um sich her vergnügt und glücklich sehen, und vergißt darüber ganz sich selbst; er bedenkt nicht, daß er keine 20,000, Livres Renten hat, und auf die Art, mit welcher er mit dem Gelde umgeht, sie nie erlangen werde. . . . Ich tadle ihn oft, aber ich muß ihn lieben, denn seine Thorheit ist der Beweis eines edlen Herzens, und heilsamer als die des Stutzers, den Sie dort sehen. . . . Dieser Herr hatte vor dem Jahre 25 000 Livres jährlicher Einkünfte, die jetzt sehr zusammengeschmolzen sind. Diese kleine Veränderung in seinen Glücksumständen hat er dem guten Geschmacke zu danken. Er ward sehr jung zum Besitzer eines Vermögens, welches er für unerschöpflich hielt. Er wollte nun nach Ton leben und nach Geschmack eingerlchtet seyn. Er verstand die Kunst, sich schön einzurichten, und sein Geld auf eine glänzende Weise auszugeben, sehr wohl; allein da er nicht rechnen konnte, so ward sein Vermögen das Opfer seines Geschmackes. Dieser Theil seiner Geschichte ist die Geschichte von tausend andern; allein ein Zug seines Charakters unterscheidet ihn von den übrigen Verschwendern. Er ist nämlich so eigennützig, so selbstsüchtig als leichtsinnig in seinen Ausgaben. Er sucht niedrige Vortheile mitzunehmen, und hat nie seinen Verwandten und Bekannten (denn Freunde hat er nicht; der Egoist hat keinen Freund) einen thätigen Dienst geleistet, nie dem Dürftigen die kleinste Gabe gereicht. Desto mehr haben ihm seine Küchenzettel, seine Meubles, Essenzen, Weine, Kleider, Chiffons, Pferde und Mädchen gekostet…

Sagen Sie mir doch, fragte ich Ottomar, warum Sie dem Herrn dort den Namen eines Stutzers geben; ich dächte, es gäbe keine Stutzer mehr; die Herren heutiger Zelt sind, ja von jenen faden, süßlichen Wesen, die man vor dreißig Jahren Stutzer nannte, himmelweit verschieden.

Ottomar lächelte; die Stutzer sterben nicht aus, sagte er mir. Wenn sich die Form auch ändert, der Stoff bleibt immer derselbe. Man trägt jetzt, statt der damaligen hohen Toupée’s, kleine Ringellöckchen und Ohrgehenke; aus dem Milchbart ist ein Backenbart geworden; aus den Pomaden, griechisches Oel; die gespannten, gestickten Röcke mit langen Taillen sind durch die mit kurzen Taillen, weiten Rückenfalten und hohen Kragen ersetzt; statt im Tanzpas zu gehn, hält man einen Herkulesschritt. Man ist aus einem Extrem in das andre gefallen, und lch bemerke besonders eine wesentliche Veränderung. Vor Zeiten war ein Stutzer ein Wesen voll Eigenliebe und Eigendünkel, aber er war sanft und gefällig; jetzt aber sind die Herren dieser Klasse so dreist, bequem und unartig, als sie aufgeblasen sind. Die Gunst der Damen ist noch immer ihr vorzüglichstes Augenmerk; allein sie suchen sie nicht mehr zu erlangen, sie wollen sie ertrotzen und erspotten. Dabei möchten sie mit Philosophie, Freigeisterel und Litteratur prangen, und vielen steckt in den Pseudo-Tituskopfen das Ideal eines Römers; man trifft daher in einem Stutzer das lächerlichste Gemisch von Verstand und Unsinn, Spott und Höflichkeit, Prahlsucht und Vernachläßigung seiner selbst an…

Sehn Sie den dicken Herrn dort neben jener schönen Frau? Es ist Herr Z neben seiner Elevin. , Seiner Elevin? Nun ja, er hat ihr nicht sowohl das Englische, als die Kunst zu lieben gelehrt. Y love you war das erste, was sie ihm im Englischen zu sagen wußte. Sie ist jetzt seine Frau, und man könnte viel von ihr sagen, wenn es ein Mann wagen könnte, das Bild eines Weibes nach dem Leben zu entwerfen. Idealisiren mögen Männer, Dichter, Romanen- und Komödienschreiber so viel sie
nur wollen; im Gemälde nimmt sich alles hübsch aus, was ein geschickter Mahler entwirft; sollte aber einmal der gütige Schöpfer ein Weib nach einer Romanenheldin bilden, so möchte es wohl nicht erbaulich ausfallen, und derjenige, welcher ein Frauenzimmer so genau zu kennen glaubte, daß er getrost ihr Bild nach dem Leben zu entwerfen wagt, ist ein Schwärmer. Die Weiber haben gewisse Eigenheiten, gewisse Gefühle, welche den dümmsten ihrer Mitschwestern schwerer entgehen, als dem klügsten Manne; die Männer hingegen sind leichter zu beurtheilen; sie haben weniger Gründe, ihre Gefühle und die Triebfedern ihrer Handlungen zu verbergen, als die Weiber, deshalb wird eine denkende Frau selten irren, wenn sie nach reifer Ueberlegung eln Urtheil über einen Mann faßt.

Herr Z. hat sehr viel Verstand, und gründliche Kenntniß; er spricht verschiedene Sprachen und ist musikalisch; man wird aber selten das Vergnügen haben , ein langes vernünftiges Gespräch mit ihm führen zu können, denn er macht es sich zur Lust, der ernstesten Sache im Gespräch einen zweideutigen Linn zu geben. Er macht unaufhörlich Wortspiele, und weiß aus der Rede des andern so meisterhaft Zweideutigkeiten zu machen; er weiß dabei so ernsthaft zu bleiben, daß man es nicht einmal bemerkt, und, von ihm selbst falsch geleitet, Zweideutigkeiten sagt, ohne es zu ahnen; wenn man sich nun auf einmal hundert Meilen weit von seinem Thema entfernt sieht, und erstaunt und verlegen dasteht, so triumphirt Herr Z. Dadurch verliert sein Verstand alles Gründliche und Angenehme, welches er für die Gesellschaft haben könnte.

Quoted from: “Empfindungen und Erfahrungen einer Deutschen in Paris.” In: Eunomia. Eine Zeitschrift des neunzehnten Jahrhunderts von einer Gesellschaft von Gelehrten. August 1802.

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