St. Evremond spielte eine der glänzendsten Rollen in der Gesellschaft der geistreichen Epikureer, deren Schule bald einen so großen Einguß auf die französische Litteratur erhielt. Aber er wußte seine Zunge und seine Feder nicht so gut zu beherrschen, wie Chaulieu und Andere, die zu derselben Schule gehörten. Ein Mal hatte er schon in der Bastille die Folgen seiner Keckheit empfinden müssen, ohne dadurch vorsichtiger geworden zu seyn. Als ihm zum zweiten Male dieselbe Strafe zuerkannt war, flüchtete er sich über Holland nach England, wo unter der Regierung Carl’s II. eine Philosophie, wie die, zu welcher sich St. Evremond bekannte, bei Hofe und in den guten Gesellschaften der Hauptstadt sehr zur Empfehlung reichte.
St. Evremond, der auf keine stoische Tugend Anspruch machte, war ein Mann von Ehre. Sein Betragen machte ihn nicht weniger beliebt, als sein naiver Witz und sein heller Verstand. Sein Vaterland sah er nicht wieder; aber er lebte in England so glücklich, als ein Verbannter leben konnte. Auch in seinem hohen Alter verließ ihn seine gesellige Heiterkeit nicht. Er starb im Jahre 1713, dem neunzigsten seines Alters. Sein Denkmal in der Westminster Abtei, wo er begraben liegt, beweist, wie man ihn auch in England nach seinem Tode ehrte. Noch immer werden seine Schriften fleißig gelesen; und sie verdienen es. St. Evrewond’s Style ist der natürllche Abdruck seines Geistes; klar, ungezwungen bis zur angenehmen Nachlässigkeit, zuweilen so witzig und naiv, wie der Styl des Montagne, mit dem er überhaupt die meiste Ähnlichkeit hat. Absichtlich hat sich St. Evremond wohl nicht nach Montagne gebildet. Beider Denk- und Sinnesart stimmte so überein, daß auch die rhetorische Form ihrer Gedanken ungefähr dieselbe werden mußte. Zur Erwähnung des Inhalts der Schriften des St. Evremond ist hier nicht der Ort. Auf den Geschmack seiner Nation hat dieser interessante Autor weniger gewirkt, als auf die Entwickelung der Art von Philosophie, zu welcher sich der französische Geist immer bestimmter neigte, obgleich Malebranche und Fenelon eine ganz andere Philosophie lehrten. St. Evremond gehört unstreitig zu den Vorarbeitern Voltaire’s. Seine poetischen Versuche beweisen übrigens nur, daß er kein Dichter war. Seine kritischen Bemerkungen über die Werke mehrerer Dichter, besonders über die dramatische Litteratur der Franzosen, Engländer, Spanier und Italiener, sind oberflächlich aber hell gedacht, und mit derselben pikanten Anspruchlosigkeit ausgedrückt, mit welcher St. Evremond überhaupt räsonnirte und schrieb.
Zitiert aus: Friedrich Bouterwek: Geschichte der Poesie und Beredsamkeit seit dem Ende des dreizehnten Jahrhunderts. Bd. 6. Göttingen, Röwer, 1807.