Ein sonderbarer Gebrauch der Kleidermacher zu London

Ein junger, reicher Alien (Fremder), seit einiger Zeit in London wohnhaft, wo er, durch seinen Aufwand und seine gesellschaftlichen Beziehungen, ein ziemlich anständiges Haus machte, lies, um möglichst in Allem den Gebräuchen und der äussern Haltung der Bevölkerung sich beizugesellen, in deren Mitte er sich aufhielt, alle zu seinem Anzuge erforderlichen Gegenstände von britischen Handwerkern verfertigen.

So hatte er unter andern auch seinen Kleider-Künstler, den ersten in London, der selbst den berühmten Stultz überragte, von dem die eigentliche Blüte der Aristokratie gekleidet wurde, der das Vorrecht hatte, die meisten jungen Lords und Haupt-Dandies in seine Schnürleibs-Westen einzukerkern, und dessen launischer Modegesetzgeber-Scheere wenigstens die Hälfte des Oberhauses sich unterwarf.

Der in Rede stehende Kleidermacher, Namens Blikes, ist sehr reich. Er hat, einige englische Meilen von London, eine prächtige Villa, mit duftenden Gewächshäusern und einem herrlichen Park. Seine zahlreichen Werkstätten sind, wie ein Ministerium, in mehre Divisionen, Sektionen und Unter-Abtheilungen geschieden. Er spricht nie von seinen Gesellen, oder seinen Arbeitern, sondern nur von seinen Angestellten, und wenn er bei jemand Maß zu nehmen hat, fährt er in einer zierlichen, mit zwei schönen Pferden bespannten, Kalesche vor.

Ein Jahr verstrich, das zweite auch, ohne daß Blikes unserm Fremden seine Rechnung zuschickte, die sich dem oberflächlichen Anschlage des letzten zufolge, auf etwa zweihundert Pf. Sterling (2400 fl.), wo nicht auf mehr, belaufen mußte. Gewohnt, seine Ausgaben mit seinen Einnahmen im Gleichgewicht zu halten, und durch rückständige Schulden sich nicht künftige Verlegenheiten vorzubereiten, hatte er den Kleidermacher mehrmals benachrichtigt, daß er ihn zu bezahlen wünsche. Bald begnügte sich der letzte mit einer Verbeugung, die man sich ausdeuten konnte, wie man wollte, bald entgegnete er ablehnend:

“Sie belieben zu scherzen, mein Herr, es kann davon nicht die Rede sein.”

Endlich, als N*** wiederholt in ihn drang, nahm er die Sache ernsthaft, und fragte mit etwas befremdeter Betonung:

“Wären Sie mit meiner Arbeit nicht mehr zufrieden, weil Sie durchaus mich bezahlen wollen? Ich habe doch mein Möglichstes gethan, Sie zufrieden zu stellen. Sie verlangen Ihre Rechnung? Von mir erhalten Sie dieselbe nie.”

Nach diesen Worten entfernte er sich eiligst, mit der Versicherung, daß seinem Kunden Alles zu Geböte stehe, was in seinen Magazinen vorhanden sei, und er die Ehre haben werde, noch vor Ende der Woche ihm seine neuen Kleider zu überschicken.

“Was soll das bedeuten?” sagte N*** verwundert zu sich selbst. “Haben denn die Engländer geschworen, in allen Dingen auf eine ganz andere eigenthümliche Weise sich zu benehmen, als die übrigen gesitteten Völker, oder hat es die huldreiche Königin Viktoria, bei Gelegenheit ihrer Thronbesteigung, übernommen, die Schneider-Rechnungen aller Fremden zu bezahlen, welche ihre drei Viertel-Dutzend Königreiche besuchen?”…

Nach einiger Zeit erhielt er den Besuch eines von Kopf zu Fuß schwarzgekleideten Mannes, der sich ihm als Rechtsanwalt zu erkennen gab.

“Mein Herr,” sagte er zu N***, “ich habe die Ehre Sie zu benachrichtigen, daß Ihr Kleidermacher Blikes Bankerott gemacht, weshalb seine Gläubiger die ihm zustehenden Gelder durch mich einziehen lassen. Belieben Sie einen Blick zu werfen auf meine Bevollmächtigung. Hier ist Ihre Rechnung.”

— Wie , rief der andere erschrocken und betrübt, Hr. Blikes hat seine Zahlungen eingestellt? Ich hielt ihn für reich, und seiner schönen Equipage, seiner prächtigen Villa, wie seinem ganzen Aufwande nach zu schließen, mußte er es wirklich sein. Und demungeachtet… bankerott….

Der Rechtsanwalt zuckte mit den Achseln. N*** fand die Rechnung übereinstimmend mit dem, was er selbst aufgeschrieben, die Preise verhältnißmäßig billig, sogar noch unter seinem Voranschlage. Er zahlte ohne Anstand die Gesammt-Summe, worüber ihm der Einkassirer eine Quittung ertheilte.

Eine halbe Stunde nachher, fuhr der Kleidermacher mit seiner Kalesche und seinem gewohnten Luxus, bei dem Fremden vor, lies sich anmelden, und trat eben so heiter, eben so blühend, wie vorher, ins Kabinet.

“Ich nehme lebhaften Antheil an Ihrem Unfall,” sagte N*** zu ihm. “Hoffentlich werden Sie wohl auf eine für Sie entsprechende Weise die Sache beilegen.”

—Welche Sache? fragte der andere.

“Ich habe heut Morgen erfahren’”…

—Ja so, ja so; ich weiß… Sprechen wir nicht davon… Eine Kleinigkeit. Sehen Sie da, die neuesten Westen. Stoffe; etwas Schöneres hat es noch nicht gegeben. Ich zeige Ihnen die Sachen noch vor Lord Seymour, unserm ersten Dandy. Vielleicht wird er mir deshalb schmollen… Doch was thuts?…

N*** konnte vor Erstaunen sich nicht zurechtfinden. Ein geistreicher Publizist, den er von Zeit zu Zeit besuchte, lösete ihm das Räthsel.

“Unsere Aristokratie,” sagte er, “hat ihren ganz besonderen Stolz, ihre eigenthümlichen Ansichten und Begriffe, über ihr Verfahren gegen andere. So findet sie z. B. daß man die ihr gebührende Achtung verletzt, wenn man sie direkt um das anspricht, was sie schuldig ist. Ueberreicht ein Handwerker seine Rechnung, so verliert er einen Kunden. Man bezahlt ihn. Aber man läßt nicht mehr bei ihm arbeiten.

“Die Sache ist kitzlich. Was thut nun ein welterfahrner Kleider- oder Schuhmacher? Er macht bankerott und überläßt es seinen Gläubigern, die ihm schuldigen Summen einzuziehen. Der Modemann, der sich sehr beleidigt gefühlt haben würde, hätte er von dem, der jahrelang für ihn gearbeitet, eine Rechnung erhalten, nimmt nicht den mindesten Anstand, sie einem Individuum zu bezahlen, das er nicht kennt, und das nicht genöthigt ist, sein Vertrauen durch unbedingten Kredit ihm zu bezeugen.

“Die Gläubiger werden befriedigt und der Handwerker bewahrt seine Kundschaft. Auf solche Weise macht Blikes gewöhnlich alle drei Jahr einmal Bankerott, was ihn nicht verhindert, immer ein reicher und angesehener Mann zu bleiben. Der Gebrauch bringt es also mit sich. Es ist der britische Cant (Kniff oder Komment), mit Anwendbarmachung auf die rechtliche Gewerbthätlgkeit der unteren und Mittel-Stände, den höhern Klassen gegenüber.”

Zitiert nach: H. Malten: Bibliothek der Neuesten Weltkunde. Geschichtliche Uebersicht denkwürdiger Ereignisse der Gegenwart und Vergangenheit bei allen Völkern der Erde, in ihrem politischen, religiösen, wissenschaftlichen, literarischen und sittlichen Leben. Bd. 4. Aarau: H. R. Sauerländer, 1837.

Post to Twitter Tweet This Post Post to Plurk Plurk This Post Post to Yahoo Buzz Buzz This Post Post to Delicious Delicious Post to Digg Digg This Post Post to Facebook Facebook Post to MySpace MySpace Post to Ping.fm Ping This Post Post to Reddit Reddit Post to StumbleUpon Stumble This Post

Leave a Comment