Dandysme

Historisches, Kulturelles und Literarisches zum Dandy

Pariser Herren-Moden. , Der Paletot.

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Seit der Regierung Ludwig’s XIII. ist die Französische Kleidertracht dermaßen in Verfall gerathen, daß sie seit jener Zeit täglich immer mehr von ihrer ursprünglichen Zierlichkeit und Grandezza verloren und endlich diejenige Beschaffenheit erlangt hat, in der wir sie heutzutage sehen. Der Himmel weiß, wo sie mit ihren prosaischen Reformen und Neuerungen endlich hinaus will.

Dem sechzehnten Jahrhundert gehört die glänzendste Epoche der Französischen Tracht an, und unsere Dandies würden neben denen der Zeit Heinrich’s III. eine gar klägliche Figur machen. Allerdings kann man es eben nicht sehr bedauern, daß sich nicht die vollständige Tracht der liguistischen Periode bis auf uns erhalten hat, da die Zeit, die Gewohnheilen, die neuen Sitten und Umwälzungen des gesellschaftlichen Ebene gewisse Veränderungen nothwendig machten und es ziemlich sonderbar aussehen würde, wenn ein Elegant mit einem sammtenen Spitzhut, einer Halskrause und in einem goldgestickten mil Spitzen besetzten Wamms auf die Börse ginge. Doch bleibt zwischen der Tracht des sechzehnten Jahrhunderts und der unsrigen noch immer eine ungeheure Kluft, von welcher die Französische Grazie und Eleganz verschlungen worden sind, und besonders muß es auffallen, daß man so wenige Versuche gemacht hat, unserem Anzuge wieder etwas mehr Zierlichkeit zu verleihen. Nach der Revolution freilich zeichneten sich die Frauen durch ihre fortgesetzten sinnreichen und kühnen Bemühungen zu Gunsten der Mode aus; allein weit entfernt ihnen nachzuahmen, übertrieben vielmehr noch die Männer, und zwar die stutzerhaftesten unter ihnen, die sogenannten Merveilleux, das lächerliche Kostüm, das wir von den mindestpoetischen Menschen entliehen hatten und das zu gleicher Zeil an den Quäker, den Jockey und den Amerikanischen Pflanzer erinnerte. Ja, man überhäufte sogar noch die Frauen, die im Alterthum das Modell für ihren Kleiderstaat suchten, mit herben Spottgedichten, die Tartüffes im Direktorium schrieen über Skandal und Schamlosigkeit, und die schönen Geister jener Zeit waren unerschöpflich in Witzworten und beißenden Anekdoten über die unschickliche Einfachheit des Frauen-Anzuges.

Man erzählte z. B., daß eine Dame aus der Provinz, die nach Paris gekommen war und daselbst Figur machen wollte, alsbald eine ihrer Freundinnen aufsuchte, die einen ausgezeichneten Rang in der Gesellschaft einnahm. “Ich bin gesonnen, mich nach der neuesten Mode zu kleiden, und will mir hierüber bei Ihnen Rath erholen”, sagte die Dame aus der Provinz. , “Aha”, erwiederte die Pariserin, “Sie wollen sich also nach der Mode kleiden. Nun gut, thun Sie nur genau Alles, was ich Ihnen jetzt sagen werde. Vor allen Dingen nehmen Sie den Hut ab. Gut! Jetzt nehmen Sie das Halstuch ab. Recht schon! , Jetzt ziehen Sie Ihre Robe aus. Ganz vortrefflich! So, nun sind Sie ziemlich nach dem neuesten Geschmack gekleidet; wollen Sie aber noch mehr der Mode entsprechen, so ziehen Sie noch irgend etwas aus, denn je mehr Stücke Sie ablegen, desto mehr werden Sie nach der neuesten Mode gehen.”

Die St. Simonisten haben sich ernstlich damit beschäftigt, die heutige Kleidenracht umzuformen; jedoch war unglücklicher Weise diese Reform mit vielen anderen lächerlichen Neuerungen verbunden. Die Simonisten thaten vielleicht Unrecht daran, daß sie sich nicht auf eine Kleider-Revolution beschränkten; das Publikum aber hatte gewiß noch weit mehr Unrecht, daß es nicht aus den Neuerungen jener das Gute heraussuchte und benutzte; denn wahrlich, wenn auch ihre moralischen und religiösen Theorieen nicht viel taugten, so verdiente doch ihre Tracht berücksichtigt zu werden. Vielleicht hat aber eben diese ihre eigenthümliche Kleidung ihren Untergang dadurch beschleunigt, dass sie sich durch dieselbe auszeichneten und auf diese Weise dem Gespött des Volkes bloßgestellt wurden, denn heutzutage begünstigt man dergleichen Kühnheiten nichl sehr, und Alles, was von der gewöhnlichen Weise abweicht, wird in der Welt nicht besonders gut aufgenommen, so daß man es als eine Art Verdienst und auch anerkennen muß, wenn die jungen Künstler, um die Blicke der Menge auf sich zu ziehen, der vorherrschenden Meinung trotzen und langes Haar, spitze Hüte und Kleider von fantastitischem Schnitt tragen.

Es müßten sich nun aber freilich die jungen Leute der eleganten Welt, nicht aber eine religiöse Sekte oder eine Handvoll Kunstjünger mit der Reform der jetzigen Tracht beschäftigen. Die Dandies des Jockey-Klubs, der Oper und des Boulogner Gehölzes, diese für die Verbesserung der Pferde-Rassen so besorgten jungen Männer sollten doch bedenken, daß unsere Zeit einem grenzenlosen Spott preisgegeben ist und die späteste Nachwelt über unseren Frack und runden Hut lachen wird. – Allein statt dessen verschlimmern sie noch den kläglichen Zustand unserer Tracht, und dieses Jahr haben sie das seltsamste, geschmackloseste und wunderlichste Kleidungsstück, das man sich nur irgend denken kann, zu Tage gefördert; man nennt es Paletot.

Dieser Palelot besteht aus einer Art von Ueberzug, Sack oder Futteral, so daß, wenn Jemand bucklig, schief oder sonst ungestaltet ist, er nur einen solchen Paletot anzuziehen braucht, um wie jeder andere Mensch auszusehen. Der Paletot zerstört aber ferner auch alle Vollkommenheilen des menschlichen Körpers, und was die Pantalons für die Beine des neunzehnten Jahrhunderts sind, ist der Paletot für den Wuchs und die Haltung; er verbirgt nämlich beides ganz und gar. Und welchen Nutzen hat er dagegen? durch welche Vortheile ersetzt er sein ungefälliges Aeußere? Durch gar keine! Er ist viel unbequemer als ein Großrock und weit weniger warm als ein Mantel; ja, er giebt sogar den, der ihn trägt, unberechenbaren Verlegenheiten preis; denn im Paletot sieht sich alle Welt ähnlich, und daraus entspringen mehr oder minder vortheilhafte Verwechselungen. Wegen der jetzt herrschenden strengen Kälte und der beliebten Modetracht ist also überall Karneval, und die Intriguen der Maskenbälle finden auf der Straße statt. Die Männer ziehen nämlich den Paletot an, der einen Domino im Kleinen vorstellt, und bedecken sich das Gesicht nicht mit einer Papier-Larve, sondern mit einer Binde, die man Cache-nez nennt, so daß sie, auf diese Weise verhüllt und vermummt, das strengste Inkognito bewahren. Diese Tracht giebt nun zu einer Unzahl Abenteuer Veranlassung, und man darf, wenn man einen Paletot trägt, den seltsamsten Dingen entgegensehen.

Neulich ging ein Dandy über den Boulevard des Italiens; er war in einen ungeheuren Paletot gehüllt und sein Gesicht mit einem langen Kaschmir umwickelt. Ein ihm unbekannter wohl gekleideter Herr nähert sich ihm vertraulich und sagt: “Ei guten Morgen! wie geht’s? Sie sind meiner Treu heute zeitig genug aufgestanden, nachdem sie doch die Nacht am Spieltisch zugebracht.” , Der Dandy wollte darauf erwiedern: “Sie verkennen mich, mein Herr!” aber der Cache-nez verschloß ihm den Mund, und daher fuhr der Unbekannte fort: “Ich wollte so eben zu Ihnen kommen; denn Spielschulden sind mir von jeher heilig gewesen; da ich Ihnen aber gerade begegne, so will ich hier gleich meine Schuld abtragen.” Der Dandy zog nun die Hände aus der Tasche, um den Shawl, der ihn am Sprechen hinderte, aufzuknüpfen; diese Bewegung benutzt der Unbekannte, um ihm freundschaftlich die rechte Hand zu drücken und ihm in die linke eine Rolle mit Goldstücken zu schieben. “So, nun sind wir quitt, Entschuldigen Sie jedoch; es schlägt schon zwölf, und ich sollte bereits um halb zwölf an einem anderen Orte seyn. Adieu,” Damit lief er eilig fort und bog um die Ecke in die Straße Taitbout ein. Der Dandy wollte ihm zwar rasch nach, gleitete aber vor dem Café Tononi aus und fiel nieder. Als er wieder aufstand, war der Unbekannte verschwunden. In der Rolle befanden sich 25 Louis d’or. Dieser Vorfall setzte den Dandy natürlich in großes Erstaunen und erweckte in ihm mannigfache philosophische Betrachtungen. Wie fange ich es an, sagte er zu sich selbst, um dies Geld dem, der es mir auf so sonderbare Weise gegeben, wiederzuerstatten. Ohne Zweifel wird es bald von ihm heißen, daß er seine Spielschulden nicht bezahlt; denn wenn sein Gläubiger die 23 Louis d’or von ihm forden, wird er ihm natürlich antworten, daß er sie ihm bereits bezahlt habe, und daraus kann denn sehr leicht ein Streit entspringen, der beide Parteien in der öffentlichen Achtung herabsetzt. Am Ende kommt es gar zu einem Duell, wobei möglicher Weise einer von ihnen sein Leben verliert. Zwischen 5 und 0 Uhr Abends war der Dandy noch immer in diesen Betrachtungen versunken, und die 23 Louis d’or lagen ihm mit Zentnerschwere in der Tasche. Zum größten Unglück suchte er vergeblich, sich das Gesicht des Unbekannten zurückzurufen, denn es war eine jener Alltags-Physiognomieen, die keinen Eindruck im Gedächtniß zurücklassen. Maschinenmäßig war unser noch immer tiefverhüllter junger Freund vor einem Mode Waarenlager stehen geblieben, als unversehens aus demselben eine Dame heraustrat und rasch zu ihm folgende geheimnißvolle Worte sagte: “Es freut mich, daß Sie so pünktlich sind. Heute Abend also auf dem Ball Ventadour. Sie werden einen schwarzen Domino tragen, und an dieser rothen Blume werde ich Sie erkennen. Da, nehmen Sie. Adieu.” Hierauf entfernte sie sich, und der Dandy blieb erstaunt zurück mit der Blume in der Hand. “Sonderbar”, sagte der wiederum verkannte junge Mann, “scheint es doch, als wären mir heute lauter seltsame Abenteuer bestimmt. Aber nur zu; das, welches mir jetzt eben zugestoßen, ist mir weit angenehmer, als das von heule Vormittag; denn den Ball will ich auf keinen Fall versäumen.”

Fünfundzwanzig Louis d’or und ein Liebes-Abenteuer werden nun freilich noch den Kredit und die Beliebtheit des Paletot bedeutend erhöhen; aber in dem gewöhnlichen Gange der Dinge dieser Welt giebt es weit mehr falsche als angenehme Zufalle, und gewöhnlich verliert man mehr als man gewinnt, wenn man für einen Anderen gehalten wird.

Quelle: Magazin für die Literatur des Auslandes. Bd. 13, 1838.

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