Rezension zu Isabelle Stauffers “Weibliche Dandys”
- Posted by mgr on February 14th, 2009 filed in BIBLIOTHEK, Rezensionen
- >
Im Böhlau Verlag erschien unlängst Isabelle Stauffers Dissertation Weibliche Dandys, blickmächtige Femmes fragiles. Ironische Inszenierungen des Geschlechts im Fin de Siècle. Mit der Untersuchung weiblicher Dandys nimmt sich Stauffer erfreulicherweise eines bislang in der Dandyforschung mehr oder minder ignorierten Themas an, erstaunlicherweise ohne deutlich darauf hinzuweisen. Durch ihre Analyse von Romanen der Autorinnen Annette Kolb und Franziska zu Reventlow erschließt Stauffer der Dandyforschung zudem neue, weibliche Quellen, abseits der bekannten und oftmals wiederholt untersuchten männlichen Autoren wie etwa Charles Baudelaire, Jules Amédée Barbey d’Aurevilly, Max Beerbohm, Edward Bulwer-Lytton, Joris Karl Huysmans, Honoré de Balzac oder Oscar Wilde. Schließlich handelt es sich bei den beiden Schriftstellerinnen um deutschsprachige Autorinnen, die in der Dandyforschung ebenfalls unterrepräsentiert sind.
Stauffers Ziel ist es, mit ihrer Arbeit »einen Ansatz zu entwickeln, um die Ironisierung geschlechtsspezifischer Topoi zu untersuchen« (S. 320). Dabei stützt sie sich auf Marika Müllers Untersuchung Die Ironie. Kulturgeschichte und Textgestalt, auf den Topos-Begriff von Ernst Robert Curtius sowie Judith Butlers Theorem der Performativität. Auf eine kurze Darstellung verschiedener Funktionsweisen der Ironie von Autorinnen wie Luise Adelgunde Victorie Gottsched, Sophie de la Roche sowie Kolb und zu Reventlow folgt die Darlegung der untersuchten geschlechtsspezifischen Topoi des Fin de Siècle: Femme fragile, Femme fatale, Dandy und Décadent. Die Aufteilung in Femme fragile und Femme fatale macht jedoch deutlich, dass der gewählte Titel der Arbeit höchst irreführend ist, denn eine Femme fragile und eine Femme fatale sind keine Femme dandy. Weibliche Dandys entsprechen ihrem männlichen Pendant in ihrem Streben nach Unabhängigkeit und Individualität wie auch in ihrem Lebensstil. Eine Femme fragile mag in ihrer Schwäche und Zartheit dem Décadent entsprechen, doch es mangelt ihr an dandystischer Vitalität. Die Femme fatale ist dem dandystischen Stoizismus in ihrer explosiven Erotik vollkommen entgegengesetzt. Stauffer schreibt: »Weibliche Dandys gelten prinzipiell als undenkbar. Sie sind höchstens im Sinne einer Ausnahme möglich, eines weiblichen Dandytums, das immer auch eine Überschreitung darstellt« (S.95). Weibliche Dandys waren jedoch in soziohistorischer Hinsicht keinesfalls nichtexistent, wie in verschiedenen Quellen des 19. Jahrhunderts deutlich wird.(1) Auch in der Literatur finden sich zahlreiche Vorlagen, darunter Théophile Gautiers Mademoiselle de Maupin, Barbey d’Aurevillys Gräfin du Tremblay de Stasseville aus der Erzählung Die Hintergründe einer Whist-Partie, Balzacs Mademoiselle des Touches aus dem Roman Béatrix, Max Beerbohms Zuleika Dobson aus dem gleichnamigen Roman und Stendhals Mathilde de la Mole, die auch Stauffer anführt. Eine Ausnahme sind weibliche Dandys sowieso, wie auch ihr männliches Pendant, denn der Dandy galt schon immer als singuläre Existenz. Auch die Überschreitung von Grenzen und Konventionen ist ein grundlegendes Wesensmerkmal sowohl des Dandys wie auch der Femme dandy. Jene Femme dandy erwähnt Stauffer schließlich kurz im Kapitel über die Ironisierung des Dandys, da der Erzähler von zu Reventlows Roman Von Paul zu Pedro ein weiblicher Dandy, also eine Femme dandy sei, »die es eigentlich gar nicht geben sollte« (S. 148).
Die Ironisierungen der Femme fragile und der Femme fatale untersucht Stauffer anhand der Romane Annette Kolbs. Dabei identifiziert sie die Kernelemente des jeweiligen Topos und stellt deren Ironisierung dar. So erweisen sich die vermeintlich zarten Femmes fragiles als außerordentlich widerstandsfähig und auch die Entsexualisierung des Typus basiert nicht etwa auf Reinheit sondern vielmehr auf dem Wunsch nach Unabhängigkeit. Insofern rückt die Femme fragile schließlich doch in die Richtung der Femme dandy, doch dies bleibt von Stauffer leider unerwähnt. Die Ironisierung von Dandy und Décadent wird an Franziska zu Reventlows Romanen untersucht. Im Kapitel über den Dandy widmet sich Stauffer den typisch dandyesken Paradoxien wie der zwischen Individualität und Typisierbarkeit oder zwischen Hedonismus und Affektkontrolle, die sich jeweils gegenseitig ironisieren.
Die aufgrund der Ironisierung dieser Topoi entstandenen Verwirrungen und Destabilisierungen der Geschlechtsidentität, die den Konstruktionsaspekt von Geschlecht verdeutlichen, untersucht Stauffer in den folgenden Kapiteln. Dabei wird die ästhetisch-politische Doppelfunktion der Ironie von Kolb und Reventlow deutlich. So führt Kolb die Emanzipation der Frauen auf die Gleichgültigkeit der Männer zurück. Der Protest der Frauen äußert sich dann beispielsweise in einem gänzlichen Verzicht auf Liebe oder im Bezug auf alternative Liebesobjekte wie der Bildung. Zu Reventlow spricht sich schließlich deutlich gegen die passive Rolle der Frau im Liebesdiskurs aus und führt diese in eine aktive um. Stauffer kommt schließlich zu dem Schluss, dass Kolb und zu Reventlow lange vor Butler auf den Konstruktionsaspekt von Geschlecht hingewiesen haben.
Zusammenfassend bleibt die Erkenntnis, dass der Titel des Buches leider irreführend ist, da der weibliche Dandysmus nur kurz innerhalb der Untersuchung des Dandys thematisiert wird und der restliche Teil der Studie die artverwandten Erscheinungen der Femme fragile, der Femme fatale und des Décadents erkundet. Der Untertitel fasst die eigentliche Thematik viel besser, denn die Darstellung der genderspezifischen Identitätsverluste in den Romanen Kolbs und zu Reventlows ist das eigentliche Thema. Dennoch ist Stauffers Untersuchung eine Bereicherung der Dandyforschung, da bislang eher unbekannte deutschsprachige Autorinnen des Fin de Siècle erschlossen wurden und in der Thematisierung weiblicher Dandys hoffentlich ein Forschungsanreiz für weitere Studien gegeben wird. Eine genaue Abgrenzung und Definition der Femme dandy von der Femme fatale und der Femme fragile ist sichtbar überfällig.
(1) Vgl. Goldie, John 1822: “The Dandy.” In: Ders.: Poems and Songs. Ayr. S. 87; Badcock, John 1823: Slang, a Dictionary of the Turf, the Ring, the Chase, the Pit, of Bon-Ton, and the Varieties of Life. London. S. 63; Macdonogh, Felix 1821: L’hermite de Londres ou observations sur les moeurs et usages des anglais au commencement du XIXe siècle. Paris. S. 216-222; Ware, Katherine Augusta 1828: Bower of Taste. Bd. 1. Boston. S. 40; Girardin, Mme Émile de 1862: Le Vicomte de Launay. Lettres Parisiennes. Paris. S. 193 sowie Anonym 1842: “Extraits des Mémoires d’un Lion.” In: La Mode. 05.06. S. 339.
Tweet This Post
Plurk This Post
Buzz This Post
Delicious
Digg This Post
Facebook
MySpace
Ping This Post
Reddit
Stumble This Post


Leave a Comment