Dandy Hähnchen

Sir Hähnchen, der Roué, der Dandy erhob sich um 10 Uhr nach einem langen Seufzer aus dem Bette. Sein erster Gang, war zum Spiel, der erste Blick, der der Welt gehörte, war in den Spiegel, dann sah er sich um, ob seine Zimmer noch stehen, und ob die Erde noch stehe und die alte sei, ob die Sonne ihm zu Liebe noch scheine, und ob es draußen schon Tag geworden, da es bei ihm tagte.

Und der Blick in den Spiegel hatte ihn gelehrt, daß sein Aussehen ein angenehmes, daß sein Schlaf ein sanfter gewesen sei. Er nimmt die perlmutterbeschlagene Zahnbürste und lockt blendende Weiße auf die beinernen Pallisaden des süß-näselnd-sprechenden Mundes. Darauf steckt er sich eine Havannahcigarre in den Mund und blickt wieder in den Spiegel, um zu sehen, wie ihr braunes Blatt absticht auf den dunkelrothen Lippen. Hierauf wird der weißtuchene Negligee-Oberrock um geworfen, und Achilles, der Pudel, aus dem Vorsaale hereingelassen.

Hähnchen wirft sich in das Sopha und nimmt sein Bambusrohr in die rechte Hand. Hier sitzt er wie der große König der Lächerlichkeit, ähnlich einem ausgeblasenen Ei, einer luftleeren Schweinsblase, einem abgesponnenen Seidencocon. Achilles, der talentvolle Pudel, muß seine Kunststücke machen und namentlich die Lection von gestern wiederholen, wird allergnädigst durchprügelt und entlassen.

Sir Hähnchen tritt jetzt vor den großen Spiegel — mustert noch einmal Gestalt und Aussehen, preßt den Rock über die Hüften und besieht die Taille von allen Seiten. Er hat die Cigarre auf den Spiegeltisch gelegt und steckt sie jetzt in der Zerstreuung — denn weltgeschichtliche Ideen erfüllen seines Kopfes kleines Räumchen, verkehrt in den Mund, so daß er sich die Lippen an beiden Seiten verbrennt. Herzzerreißendes Geschrei — Anfall einer Ohnmacht — er klingelt; sinkt mit verhülltem Antlitz wie Cäsar in der Todesstunde in die Sophakissen. — Johann stürzt herein — aus zitterndem Munde ächzt der Herr: Köllnerwasser, den Spiegel — in die Apotheke — Brandsalbe, Lippenpomade — rothes englisches Pflaster. Johann schleppt das Gewünschte hastig herbei — fliegt in die Apotheke um Brandsalbe zu holen — und überläßt den Herren seinen, ein gewaltiges Schicksal ermessenden Betrachtungen. Dort unter dem Tische raucht noch die verhängnißvolle, weithin geschleuderte Zigarre — Hähnchen erfaßt den Spiegel und sieht mit schmerzgebrochnem Antlitz in den Spiegel. Thränen brechen aus den Augen, die langgeübt im Schmachten sind. Zwei Bläschen, das Eine größer, das Andre kleiner, sind auf Ober- und Unterlippe zu schauen. Der Anblick macht ihn schaudern, macht ihn erbeben, gedenkt er des heutigen Balles: — ja selbst einige Härchen des Schnurrbartes haben gelitten. Er legt den Spiegel zur Seite, denn er kann den Jammeranblick nicht weiter ertragen. Er gießt Killnerwasser auf ein Tuch — und hält es unter die Nase, um der zweiten, bereits heraufdämmernden Ohnmacht zu wehren.

Johann erscheint im Fluge mit der Brandsalbe, er wird ausgescholten, weil er nicht schneller kam. Leise — leise - sachte streicht Hähnchen selbst das Heilmittel mit einem Haarpinsel auf die schmerzhaften Stellen und flucht dem Tag, der sich bereits als ein Unheil bringender angekündigt hat.

Der andre heile Raum der Lippen wird mit Lippenpomade angestrichen, um das Weitergreifen der Entzündung zu verhüten, endlich das rosafarbene, englische Pflaster mit der silbergeschmückten Stahlscheere in zwei runde Plätzchen zerschnitten und sorgsam, doch unter bösen Schmerzen, auf die wunden Stellen geklebt. Johann muß eine neue Cigarre bringen und die bernsteinerne Spitze in Form eines Köchers zugeschnitten, und eine silberne Rose, in deren Kelch die Cigarre paßt, an ihrem Ende haltend. Die Spitze wird sorgsam - ängstlich in den Mundwinkel gesteckt und Johann muß die Cigarre anbrennen. —

„Johann,” spricht endlich Hähnchen mit matter, kläglicher Stimme.

„Zu Befehl, gnädiger Herr!” versetzt Johann demüthig, und beugt sich theilnahmvoll, leidend zusehend, über den Gnädigen.

„Ich werde wohl gar nicht frühstücken können — Johann!?”

„Doch wohl, gnädiger Herr” — ist Johanns Antwort — „Sie müssen die Schokolade nur mit dem Löffelchen schlürfen.”

„Bring sie — ich wills versuchen.” Johann geht — Hähnchen wirft einen abermaligen Jammerblick in den Spiegel.

Die Schocolade wird mit dem Löffelchen geschlürft und abwechselnd dazu ein Zug aus der Cigarre gethan. „Johann — hast Du aber nicht meine Fassung, mit der ich sogleich das Nöthige verlangte, bewundert?” „O ja — Ew. Gnaden haben sich erschrecklich gefaßt gehabt.”

„Erstaunlich muß es heißen, Johann: Sag mir — ja was wollte ich Dir nur sagen? Es war etwas höchst Bedeutendes, eine Sache vom höchsten Interesse — es war ein großer Gedanke. — Ja — nun hab’ ichs. Das mit bei etwa vorkommenden ähnlichen Fällen doch die Hilfe gleich zur Hand sei — so schaffe Brandsalbe in Masse an, verstehst Du mich und vergiß mir dann nicht darauf. — Ist der Friseur da?” — „Noch nicht, gnädiger Herr!” — „Der Schlingel — jetzt laß mich mit meinem Schmerze allein — Johann — ich werde Dir dann rufen.”

Der Gnädige bleibt allein mit seinem Schmerze, dann langt er sachte nach der mahagoni-ausgelegten Haarbürste, tritt zum zweitenmal vor den Spiegel und fährt sich sachte mit dem krallenden Instrument durch die Locken und über den kahlen Sonnensteck des Hinterhauptes. —

Eine große Idee scheint jetzt in ihm aufzudämmern — er blickt starr nach dem Boden — dann sieht er stolz in die Höhe — tritt an das Fenster, öffnet es und lehnt den schlanken Oberleib hinaus in die kühle Morgenluft und sieht die bereits erwachte, geschäftig herumirrende Menschheit, die theilnahmlos an seinen Leiden vorübereilt, mit kühler Verachtung an. Die Lorgnette wird zur Hand genommen und die Damen, welche erst jetzt von der Brunnenpromenade kommen, werden gemustert, auch manchem Dienstmädchen wird ein gnädiger Blick geschenkt, denn der Erhabene weiß, daß der Himmel seine Sonne über Gerechte und Ungerechte scheinen läßt. —

Einen Augenblick stemmt jetzt unser Held die Hand unter den schweren Kopf, und zerstaucht die Cigarre auf dem Fenstergesims und brütet über einem Gedanken. Er soll erfinden, soll eine Idee erschaffen, die heute in der Soiée und dann auf dem Balle zu glänzen, zu imponiren, zum allgemeinen Gespräche zu werden, geeignet wäre. — Er sinnt langem lange, und das kleine Köpflein findet nichts in dem resonanzreichen Räume — da faßt er nach der Cigarrenbüchse, um einen zweiten Glimmstengel anzustecken. Auf der Cigarrentasche von gepreßtem Leder aber ist das Bildniß Schillers auf der einen Seite in braunem Firniß zu sehen, und wie ein Lichtstrahl im Momente ein finstres Gewölbe durchzuckt — so jetzt der Gedanke, die Idee, das neue System, die grandiose Behauptung, ob welcher die Welt erstaunen soll. — Schiller denkt er — ja Schiller — Schiller — richtig Schiller wäre — Schiller wäre in der That ein Dichter geworden, er wäre ein Dichter geworden, wenn er in Norddeutschland — geboren worden wäre. —

Er hat es, er lächelt seelig auf, er schnippt mit den Fingern, er weiß kaum Maß zu halten in der Freude; er vergißt seines Schmerzes: — denn das ist groß, das ist kühn, das ist nach der neuen Schule, das wird Erstaunen, Widerspruch, Wortwechsel, das wird Heftigkeit bei den Männern, Bewunderung bei den Damen erregen, er wird erhöht, beneidet, angelächelt, ausgezeichnet, bemerkt werden und 24 Stunden lang das Tagesgespräch des feinen Cirkel sein. —

In der Freude des Herzens wird der Pudel gerufen, er muß über die Reitgerte springen, macht es zwar recht gut, wird aber aus bloßem Versehen, nur darum weil eine andre Idee des Gnädigen Geist gänzlich in Anspruch nimmt, unbarmherzig durchgepeitscht. — Es pocht — der Friseur tritt mit einem tiefen Bückling ein. —

Vorher war es bestimmt, daß er ausgescholten werden sollte, aber das edle Herz, das so eben durch einen herrlichen Gewinn beglückt worden war, vergaß um dieses willen. Der Haarschmuckgestaltende brachte Eisen, Kämme, Bürsten, Odeurs und huiles antiques à la Tubereuse pour lisser les cheveux von Dissey et Piver, Rue St. Martin, No. III. à Paris heraus, der Edle setzte sich in den eleganten Armstuhl und gab sein theures Haupt mit kühnem Muthe fremden Händen und deren Waffen preis.

Wahrend der Friseur bürstete, wickelte und brannte, überflog Hähnchen mit prüfendem Blick die Menge seiner heutigen Geschäfte, zählte seine Visiten sich leise vor, ersann die Art und Weise, wie er seine große Idee heute anbringen wollte, und blickte zuweilen gegenüber nach dem Spiegel, worin er seine schöne Gestalt in ruhiger Attitüde ersähe.

„Henri!” sagte er jetzt — als der Friseur von den nebenfliegenden Partien einige Locken über der Glatze Gletscherfläche streifte — „Henri! Wie steht es hinten?” — „Sehr gut — Ew. Hochwohlgeboren,” ist die Antwort, „in vier Wochen wird der ganze Fleck neu bewachsen sein.” — Hähnchen seufzt aus tiefer Brust und läßt einen zweiten Spiegel über seinen Scheitel halten, und erblickt im Trümeau den Reflex seiner gesunkenen Herrlichkeit. Er seufzt noch einmal.

„ — Henri,” fährt er nach einer Weile fort — „glauben Sie in der That, daß die Haarwuchs-Tinktur etwas hilft?”

„O ja Ew. Gnaden — ich bin davon überzeugt! denn seit Sie dieselbe gebrauchen, hat es sich schon um vieles gebessert.”

„Das sollte mich freuen” — erwidert Hähnchen, »kostet ja auch das Fläschchen 6 Louisd’or. — Das verdammte Studiren zur Nachtzeit, das ich bis zur Raserei getrieben, ruinirt die Gesundheit, welkt die Lebensblülhe frühzeitig. Ach! — warum lernt man so viel!” —

— Da ertönt plötzlich die Klingel der Saalthüre — Spornen klirren, es rast über den Vorsaal und v. Lappe, Hähnchens Busenfreund — er erkennt die theure Seele schon am Gange — stürzt herein.

- „Guten Morgen,” rufen beide gleichzeitig und verschlucken nach moderner süßlicher Weife das r und das e in dem Morgen. ” —

„Woher so früh, Du böser Schwärmer?” ruft Hähnchen, während Lappe sich in den Sessel neben dem Spiegel geworfen und melodisch mit den Spornen an einnander schlägt.

„Ich war auf der Brunnenpromenade,” versetzt Lappe und nimmt aus der modernen Holzdose eine leichte Prise — „dann frühstückte ich ein bischen bei Arnoldi und machte Visiten. Denke Dir Fräulein Sibonia — ich sprach sie bei der Najade auf dem Brunnen-Platz.” —

„ — Nun — Fräulein Sidonia?” — ruft Hähnchen schreckensbleich und fährt mit dem Haupte gegen das glühende Eisen des Friseurs; fühlt aber den Schmerz nicht, denn eine schauerliche Ahnung bricht auf ihn hernieder

— „Sidonia” — wiederholt er stammelnd. —

“Hat keinen Tanz mehr zu vergeben” — entgegnet Lappe — „wir sind verloren.”

„Das ist mein Tod,” seufzt Hähnchen und läßt das Haupt sinken.

„Da ist der Lieutenant Habicht — Banquier Stolpe, von Nadel, der junge Leberecht und der lange Schlendermeier — nebst noch ein Dutzend andern, die sind uns gestern zuvorgekommen. Nadel erhielt sogar erst heute, in dem Augenblicke, wo ich mich Sibonien näherte, den letzten Cotillon.” —

„O ich bin auf den Kopf gefallen, mein Lappe!” ächzt Hähnchen.

„Wie vor den Kopf geschlagen — willst Du wohl sagen,” verbessert jener, „Baronesse Radlitz ist auch bereits versagt — die schöne Doctorin Bessert desgleichen.” —

„Verfluchtes — elendes Leben,” fährt nun Hähnchen auf und entrafft sich der Hand des Friseurs, der während dieser innern Kämpfe, geschäftig, doch mit aller Schonung fortfuhr dem Edlen den Kopf zurechtzusetzen. Der Flüchtige geht. —

Hähnchen schreitet wie rasend in der Stube auf und ab — er murmelt Verwünschungen über den Zufall, seine Saumseligkeit, über die glücklichen Nebenbuhler bei Sibonien, sogar über diese, welche die Modedame der diesjährigen Bälle ist — selbst.

Lappe hat ein welches Herz; er versucht es den Freund zu trösten — er klingelt dem Bedienten — er läßt Madeira und rohen Schinken holen, er ladet den Freund zum Frühstück ein.

„Sibonie” seufzt Hähnchen — Schinken — ja komm Du mir mit Schinken! Ich habe gestern mit Schrecken bemerkt, daß mir der schwarze Ballanzug um zwei Finger breit in der Taille zu eng ist. Ich habe geweint, wie ein Kind — Schinken — Schinken: — ja solche Herrlichkeit hat für mich aufgehört. Bitterwasser muß ich trinken und täglich zwölfmal die Rosenallee auf und ab laufen. Tanzen soll ich — aber wie kann ich es denn heute? — alle Partien sind ja für mich, den Sohn des Unglücks, verloren. — Wie viel Tänze hast Du engagirt, Bruderherz?” —

„Vier — liebes Hähnchen! und damit Du Dich fassest, will ich Dir sogar einen abtreten! Rathe mit wem? — Mit Antonie Reinberg, mit der holden Blondine, die beim Staatsrath kürzlich Deinen Tenor so sehr zu rühmen wußte.” —

— „Hat sie ihn gerühmt?” unterbricht freudig auflächelnd Hähnchen den Freund, macht einen Satz an die Wand, reißt die Guitarre herab, greift rasch in die Saiten und flötet mit süßer Stimme:

„Kennst Du der Liebe Sehnen?
„Fühlst Du der Liebe Schmerz?
„Es pressen heiße Thronen
„Das arme kranke Herz.” —

„War es nicht dies, was ich damals sang?” —

„Ja theurer Bruder — aber—jetzt laß das und höre mich: — um Dich, wie gesagt, in etwas zu trösten, laß ich Dich auch zwei Extratouren machen. Nach dem Balle aber mußt Du mit mir ein bischen Bank halten.” —

„Von Herzen gern — Bruderseele!” ruft Hähnchen und seine Heiterkeit dämmert auf, wie das Morgenroth im Mai — „aber — aber hast Du denn nichts an mir bemerkt, ich bin heut ein Sohn des Unglücks!”

„Wieso?” —

«Ach die Lippen hier habe ich mit der Cigarre verbrannt. ”

„Bei meiner Seele” — fährt Lappe auf — „aber weißt Du, Bruderherz, daß Dich das sehr interessant macht, daß die beiden Pflästerchen Deinen Lippen einen eigenen Reiz geben — laß â€” wäre ich ein Mädchen — ich sagen möchte: Du bist zum Küssen.”

„Bruder! ist das Ernst oder Spott?” fragt Hähnchen mit einem aus Wehmuth und Lächein zusammengesetzten Gesichte.

„Ernst — heiliger Ernst.” —

„Du bist mein Engel, Lappe —- Du bist heut als mein Troster, mein wahrer ächter Freund geworden. Das werde ich Dir nicht vergessen.” — .

„Närrisches Haus — das ist nur Pflicht, Du bist auch schon oft gegen mich gefallig gewesen. Aber — ich muß fort. Vorerst gehe ich, mir Glaceehandschuhe, neue durchbrochne Strümpfe und einen Claquehut à la Paganini kaufen. Die von der schönen Marianne sind nicht mehr modern — dann spreche ich bei Moritz ein, da sind neue Westenzeuge und Casimirs angekommen: ich sage Dir delicate Sachen; — ich muß mir was aussuchen. Ich war in letzter Zeit etwas negligeant in meiner Garderobe, das machte die Liebe zur Hornfeld. Um zwölf kannst Du mich bei Nasari treffen, da lese ich den Planeten, die Times und frühstücke etwas Caviar. Ach er hat einen trefflichen Portwein. Und Caviar schadet Dir nicht — der zehrt im Gegentheil noch. Du kommst doch — Adieu, leb wohl — Herzensjunge.” —

Bei diesen Worten ist Lappe aufgesprungen, hat einen Satz zur Thüre, einen zweiten über den Vorsaal, einen dritten die Treppe hinunter gemacht, und von der Straße herauf erschallt auch zum Spornenklirren sein lustiger Gesang — ein Stelle des Fischer-Chors aus der Stummen von Portici:

„Dem Meertyrannen gilt die kühne Jagd
und
„Ihr Fischer habt Acht! &c.
dann
„Werft aus das Netz fein still und leis! &c
La la la la la!

Hähnchen blickt dem Pylades mit zufriedenem Blicke nach, geht an sein Bureau, mustert die Visiten-karten und steckt sie hinter den Spiegel; dann legt er die gestern eingelaufenen Rechnungen über einander, schüttelt sorgenvoll das Haupt bei ihrem Anblick und wirft sie verdrüßlich in das geheime Fach. Er klingelt dem Bedienten: dieser muß ihn ankleiden. Jetzt steht ihm ein sehr verdrüßlicher Besuch bei seinen Eltern bevor — er will auch Schwester Berta nach ihrem Ballanzuge fragen, und endlich folgt der saure Gang zur alten steinreichen Tante; denn diese soll in der Börse des Jünglings eine goldene Fluth erregen. —

— Mit Gähnen denkt er an alle diese bittern Gänge, an alle diese Geschäfte, welche das Mark seiner Zeit kosten und seinen Lebensfrühling unfreundlich verdämmern. Er geht.

In einer halben Stunde ist alles abgethan, sogar die Tante von dem Goldsohn breit geschlagen. Er fliegt jetzt nach dem Paradeplatz, unter den Fenstern der jungen fremden Hofräthin vorbei — er blickt hinauf, präsentirt seine schöne Figur, zupft an dem Halskragen, - drückt das Stöckchen an die Lippen, fährt zweimal in die Seitenlocken und brüstet sich rechts und brüstet sich links.

Er eilt in Jagemanns Conditorei, durchfliegt einige Blätter, verschluckt ein Dutzend Bonbons, recensirt witzig die Devisen, sagt der Fille einige Schmeicheleien, erzählt ihr sein heutiges Brandunglück, besieht sich acht bis zehnmal im großen Spiegel, und stürmt hüpfend fort. Unterwegs begegnet ihm der Dandy Entenleber, von den Schönen der Stadt nur der schlanke Blondin genannt, und erzählt unserm Hähnchen die Krankheiten seines Pferdes und das Wochenbett seines englischen Wlndhundes. — Seelenvolle Beweise von Theilnahme — Bedauern — Wiedersehen auf dem Ball.

Hähnchen springt in das Gewölbe des Italieners, welches auf der Schloßstraße gelegen ist, woselbst er den Pylades Lappe bereits eine große Bricke verspeisend vorfindet. Hähnchen stellt sich nach flüchtigem Umblick an das Fenster und lorgnirt die vorbeigehenden Damen, kritisirt ihre Füße und Waden, ihre Knöchel und Strümpfe, ihr Schuhwerk und ihren Embonpoint; dazwischen streichelt er seinen Backenbart und pfeift dazu eine Melodie.

Lappe ruft nun den Freund herbei und zeigt ihm einen Artikel in dem Constitutionel. Er will zeigen, daß er des Französischen vollkommen mächtig sei, und beginnt ihm den Friedenstractat zwischen Rußland und der Pforte vorzulesen. Hähnchen wundert sich, und platzt endlich mit der Frage heraus: „Also — wirklich Frieden! — Was wird aber Canning dazu sagen ?” —

„Canning ist ja längst todt,” bemerkt Einer der Gäste.

«Ja wohl — ja wohl” — fällt Hähnchen ein — «was sprech ich denn. Weiß Gott — ich ein heute so zerstreut.”

— Der Italiener bringt eine Flasche Moselwein und Stracchino — Hähnchen frühstückt, unterbricht aber plötzlich mit vollem Munde seinen lesenden Freund, indem er spricht: „Hör mir auf mit der leidigen Politik — das quält mich; gib mir etwas von des Lebens grünem Baum.”

Und Lappe nimmt das Wochenblatt und liest die letzten Theaterkritiken und das Sonett auf die Sängerin Sgricci als Amenaide. Hähnchen schmunzelt bei dem Sonett, denn Er (Er kann es sich insgeheim mit erhabenem Stolze sagen) hat das Gedicht veranlaßt, hat einen armen Suppenpoeten mit einer Flasche Wendewein regalirt, und dieser war über die Sgricci zum Sgricci geworden. —

Wir unterlassen es, weil uns die epische Kraft mangelt, dergleichen seinem Umfange nach würdig zu schildern — über die fernen merkwürdigen Tagesbeschäftigungen Hähnchens ausführlich zu referiren, und führen blos mit kurzen Worten an, daß er gut zu Mittag ißt, sich aber im Kreise seiner Familie ennuyirt, wenn man ein bischen Neckerei mit der Schwester ausnehmen will — darauf etwas ausreitet — Nachmittags in der Eisbude Gefrorenes zu sich nimmt, um sechs Uhr den literarisch-poetisch-musikalischen Dilettantenthee der Kammerräthin Schnepfenbluhm besucht — zwei Stunden Toilette für den Ball macht, und betrachten ihn wieder bei seinem Eintritte in den Saal. —

Hier ist unser Hähnchen Meister und Sieger — hier ist sein Kampf- und Wahlplatz — hier entwickelt er taktische und strategische Fähigkeiten, hier wird er bald ganz zur Seele - bald ganz zum Körper. Wie weiß er umherzuhüpfen, zu tanzen und zu tänzeln, — wie schwebt er stets, einer magischen Erscheinung gleich, einher — bloß auf den Fußspitzen weiter gleitend, wie weiß er den Damen den Hof zu machen, wie gleicht in ihrer Nähe sein Körper einem Einschlagemesser, einem stumpfen Winkel. Wie weiß er süß zu lispeln, die Augen schmachtend zu verdrehen, wie verstreut er mit seinem von Odeurs getränkten Seiden-Taschentuche balsamische Wolkenätherzüge um sich her, wie schwebt er dahin in seinem Tanze in des Freundes Extratouren, wie passen ihm die Glacehandschuhe, wie weiß er die Halsbinde und die gestreiften Kragenzipfel zu ordnen und in die Höhe zu ziehen, wie wirft er geschickt, selbst im raschen Tanze, einen prüfenden Blick in den Spiegel und erhascht mit ihm seine und seiner Tänzerin schöne Gestalt! Wie weiß er die Dame, mit der er gerade tanzt, mit den Schattenseiten einer Andern bekannt zu machen, wie versteht er es Geheimnisse auszuplaudern, des jungen Collegen süße Zötchen zum Besten zu geben; wie ist er zerschwommen in Wonne und Resignation — da ihm Fräulein Sidonia ihr Bedauern, keinen Tanz mehr für ihn gehabt zu haben, vermerken läßt. Lappe hatte ihr nämlich Hähnchens stille Hoffnung und endliche Zerknirschung geschildert-

— Jetzt auch kömmt der Moment, wo er zum zweitenmale seine große Idee von Schiller zum Besten gibt; denn man geht zur Tafel; Hähnchen springt hastig herbei, legt mit Grazie der Dame seiner letzten Verehrung den warmen Pelzkragen um die Alabasterschultern und geleitet sie, wie wenig Sterbliche vergnügt, in den Speisesaal.

Hier eröffnen sich ihm neue Wonnen, hier kann er den Damen die Schüsseln mit Pastetchen und Fleischbrühe präsentiren, und dabei vom Schiller sprechen — hier wird zugleich mit dem Truthahnbraten gelobt und mit den Forellen bewundert, hier ißt und trinkt er blutwenig, denn er lebt blos vom Anblicke der Göttlichen in seiner Nähe, er ist blos Geist. Er nippt nur, wenn er auf das Wohl dieser oder jener Dame anstößt, er verschluckt nur Brotkügelchen, wie eine Taube, er hat nur Aug, Ohr, Magen, Seele für seine holde Umgebung. Wenn sich eine Dame mit der Bratensauce die Spitzen besudelt hat, zeigt er sich als gewandten Fleckausputzer, er findet verlorne Handschuhe und Schleifen, erräth die Opern, aus welchen die Pieren der Tafelmusik gezogen sind, und gibt der Welt in allen Fallen ein staunenswerthes Beispiel, wie weit es der Menschengeist in seiner Ausbildung bringen kann. —

Nach der Tafel wird wieder getanzt und Hähnchen ist seelig wie zuvor, als Tänzer, als Zuschauer, als Erzähler, als Hofmacher. Göttlich ist er selbst, wenn er an den Fingerspitzen der Handschuhe kaut.

Doch ich breche ab -— denn in das Ueberschwängliche verlieren sich die Gefühle und Handlungen unsers edlen Hähnchen, wie er im letzten Cotillon zweimal geholt wird, wie er die Dame seines Herzens nach Hause geleiten, mit ihr untetweges von den genossenen Herrlichkeiten nachträumen, wie er ihr beim Abschiede die Hand küssen darf; „Fraulein Sidonla,” spricht er scheidend in die Hausflur hinein -— »das Leben ist doch schön, sagte Schiller, und in diesen Worten hatte er beinahe einen Anflug der nordteutschen Gemüthlichkeit! Gute Nacht noch einmal Himmlisch-Süße!”

Er geht nach Hause — Johann entkleidet ihn — er legt sich rauchend in das Bett« — liest noch eine Seite in der Eleganten Zeitung, dann streckt er sich und denkt folgende Gedanken: „Der heutige Tag hatte sich schauderhaft angelassen — wie ein Gewitter kam das Unglück heraufgezogen; doch hat der Himmel es gnädig gewendet, und der Mittag und Abend war schöner als der Morgen. Lieber Gott ich danke Dir! — Ich habe des Tages Lasten und Mühen getragen wie ein christlicher Mensch, habe das schwere Leben gelebt nach Pflicht und Gewissen, habe gearbeitet und gewirkt: — dafür muß ich einst jenseits belohnt werden. Ich habe mich aber auch mit Ruhm bedeckt — besonders wenn ich an den Cotillon denke -— man wird von mir lange sprechen — viele wird meine Gestalt bereits im Traume umschweben. O Träume! seid so gefällig und zeigt mich den Holden in lieblichem Verhältniß, zeigt mich ihnen als Beglückenden, sie Erhörenden — zeigt mich ihnen nicht spröde, nicht hartherzig oder kaltsinnig gegen ihre Gefühle und Huldigungen. Es ist ja nur die Freiheit des Traumes und darin mache ich gern Glückliche; denn ich bin gut! — Ah!”

Er schläft ein — Ich aber, geliebte Henne, mache, daß ich herauskomme aus der nichtswürdigen, eingeschienten, aus Lumpen zusammengepfuschten Gestalt dieses Unsterblichen. Das ist ja hirnloses, herzentbehrendes, gemüthbares Gesindel, nicht so viel werth als eine hohle Haselnuß, überkleistert wie ein ausgeblasenes Ei von bunten Fleckchen, das man den Kindern zu Weihnachten als Spielzeug schenkt; das Volk ist ja weniger als eine Wasserblase, als ein Rauch vom Fidibus, weniger als ein abgebrochener Korkstopfel, nichtsnutziger als die Scherben eines zerschlagenen Topfes, kleinlicher als das fünfte Stuhlbein, leerer als der Schall einer Schlittenpeitsche, als der Ton einer ungeschmierten Wagenachse, schaaler als Kürbißmuß, trockner als Streusand, werthloser als ein Austernbart ober eine Apfelschale. Hätte ich Gottes Donner oder monarchische Blitze, ich ließe dies Gelichter von Tagedieben, Seelenschändern, Unsterblichkeitspasquillanten, Herzensaffen in Wiedehopfe kriechen oder in Dreckkäfer, ich ließe sie in überseeische Plantagen deportiren, dort Reis bauen und Zuckerrohr pressen, und ihnen täglich mit der Peitsche die Begriffe von Gott und Unsterblichkeit, von Menschenwerth und Lebenszweck, von Dasein und Tod, von Nützlichkeit und Arbeitssinn in den Rücken bläuen. —

Pfui doch! wie ich mich geärgert habe — doch lassen wir das, liebe Henne. Dies sind nun einmal unsterbliche Menschen, die von Gott bevorrechteten, auserwählten Geschöpfe, die Herren und Meister der Schöpfung. Wir aber sind elende, verachtete, unvernünftige Thiere. —

Und das sind Männer einer Nation, dies die Blüthen eines Volkes, der Kern ihrer Kräfte, dies sind Teutsche. — Herrliches Teutschland, das sie gebar!!! —

Zitiert aus: Carl Herlosssohn: Hahn und Henne. (1830)

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