Das poetische Talent der Miß Sheridan ward nicht etwa äußerlich angeregt; sie wurde vielmehr Schriftstellerin zu ihrer eigenen, innersten Befriedigung. Die Dandys, die damals noch etwas Neues in England waren, bildeten eine eigenthümlich bizarre und affektirte Rasse, die aller Welt Anlaß zum Spotte gab. Der Buchhandel verstand bald, seinen Vortheil aus der Sache zu ziehen, und es kamen zu der Zeit eine Menge von Flugschriften heraus, die alle das magische Wort Dandy an der Stirn trugen. Das eine Werkchen nannte sich den Ball der Dandys, ein anderes das Dejeuner der Dandy, ein drittes die Höflichkeit des Dandy und so weiter. Schöne Kupferstiche dienten dazu, die zierliche, mit großen Lettern gedruckle Bibliothek zu verherrlichen, und von allen Seiten wurden demnächst in dem Kriege gegen den Dandysmus die ehrenvollsten Lorbeeren erworben. Diese überall vertheilten Ehrenkränze ließen die kleine Miß Sheridan nicht schlafen; sie fühlte auf einmal ihr Genie erwachen, und sie ergriff die Feder und trat unter der Reihe der furchtbarsten Gegner des gemeinschaftlichen Feindes auf. Das erste Werk, das sie dem Herrn Marshall, der das Monopol der damaligen Dandy-Literatur behauptete, anbot, war der “Rout der Dandy«”. Man denke sich ein Mädchen von sechzehn Jahren, das eine Satire gegen die Thorheiten der menschlichen Gesellschaft schreibt! Der Versuch hatte etwas Bizarres; indessen war er doch von einem günstigen Erfolge gekrönt, so daß der Verleger bald eine zweite Auflage veranstalten ließ. Als fünfzehn Jahre später die bereits verehelichte Mistreß Norton mit ihrem Kinde ausging, um ein Bilderbuch für dasselbe zu kaufen, so war es der “Rout der Dandys”, den man ihr offerirte, ohne im Entferntesten zu ahnen, daß sie selbst die Verfasserin dieses kleinen Meisterwerkes sey.
Zitiert aus: “England. Mißtress Norton als Schriftstellerin.” In: Magazin für die Literatur des Auslandes. 22. Juli 1836.