Dandysme

Historisches, Kulturelles und Literarisches zum Dandy

Geschichte der Männertrachten in England, Teil 1

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Eine große Epoche in der Geschichte des Englischen fashionables Lebens machte das Auftreten des Prinzen von Wales, nachmaligen Königs Georg IV. um das Jahr 1780. Ein solcher Aufwand, eine solche Eleganz, eine solche Verschwendung wird wohl nie wieder in England zu sehen seyn. Jede neue Idee führte er aus, und zwar im größten Maßstabe: mochte sie nun Kunstliebhaberei, Baulust, Pferderennen, Juwelenschmuck, Gold- und Silbergeräth, Equipagen, Garderobe betreffen; da kam es bald, daß die ihm jährlich ausgesetzten 30.000 Psund nicht zur Hälfte reichten; zweimal binnen zwölf Jahren mußte der Prinz seine ganze Einrichtung aufgeben, seine Pferde, Equipagen u. s. w. veräußern. Mancher wird sich noch erinnern, welch ein Paradezug es war, als zwanzig Jockeys mit des Prinzen Rennpferden durch die Straßen der Stadt nach Tattersalls ritten, wo sie verkauft werden sollten. Anno 1792 kamen gar 500 Pferde des Prinzen auf den Markt. Auch wird noch Mancher zu erzählen wissen, wie der Prinz in seinem prächtigen Phaeton mit Sechsen einhersauste, einen winzig kleinen Jockei auf dem vordersten Sattelpferd, während er selbst mit geschickter Hand die vier anderen lenkte. , An Wahl und Geschmack der Toilette kam Niemand Georg IV. gleich. So ausgezeichnet war seine Figur, sein Anstand und sein Geschick, daß er mit Anmuth und Eleganz das zu tragen wußte, was jeden Anderen plump und häßlich gekleidet hätte; ihm stand Alles wohl. In seinen glänzenden Jahren war er ganz gewiß der stattlichste Mann, der feinste vollkommenste Gentleman in der ganzen Welt. Wie er bei dem Wettrennen von Ascot auf der Tribüne stand, mit seinem imposanten fürstlichen Wesen, den Blick über die Haide und das Wettrennen schweifen ließ, und wie er sich umwendete zu dem Volke, das rechts und links heranwogte und ihn mit Freudengeschrei begrüßte, von dem die Lüfte bebten, wie er da an das Fenster der Tribüne trat und hinausgrüßte, mit so erhabener Freundlichkeit, mit so durchaus eigener Anmuth und Würde , jeder Zoll an ihm war ein Königssohn.

Zu jener Zeil, d. i. in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, herrschte in der ganzen Welt als Morgenkostüm der Frack nebst ledernen Panlalons und Hessischen Stiefeln mit Quasten; dabei setzte man einen Vorzug darein, die Pantalons so überaus eng und knapp zu tragen, daß der Elegant sie nicht heraufziehen konnte, sondern von oben hineinsteigen und durch das Gewicht seines Körpers, von einer geschickten schwingenden Bewegung unterstützt, die Passage erzwingen mußte; es war keine kleine Arbeit sich dergestalt hinunterzubohren. In einer Posse von Foote bestellt ein Stutzer bei seinem Schneider ein Paar Hosen nach der neuesten Mode und spricht mit Emphase: “Merkts Euch, Meister, wenn ich sie ankriegen kann, nehme ich sie nicht.” Die Hessischen Stiesel trug man mit sehr kurzen bräunlichen Schäften, die etwa nur bis mitten auf die Wade reichten, und die Lederhosen wären doch nicht so lang, daß man nicht im Vorübergehen die blaßrothen seidenen Strümpfe des Stutzers hatte bewundern können. Allmälig wurden die Schäfte länger und endlich knapp anschließend, wie bei den heute gebrauchlichen Jagdstiefeln. Der Stutzer Brummell, unsterblichen Namens, dem man nachsagt, er habe die verwöhnten Schäfte seiner Stiefel nie anders als mit Champagner getränkt, dieser Heros der Mode hat die hellrosenrothen Stulpen anstatt der dunkelbraunen oder mahagonifarbenen aufgebracht.

Mit dem Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts verfiel man auf die Mode von den hellfarbenen Röcken, und je lichter der Rock aussah, für desto feiner galt er. Mancher hat diese Mode noch bis vor wenigen Jahren beibehalten; den sehr ehrenwerthen Lord Scarborough sah man häufig im Park einherspazieren in einem allmodischen Rock von der Farbe, die man Pfeffer und Salz nennt. Die wichtigste Veränderung aber um diese Zeit bestand darin, daß die kurzen Kniebeinkleider immer mehr in Mißkredit kamen, und daß die Pantalons endlich sogar im Opernsaal Eingang fanden. Zwar suchten die Patronessen der Almacks-Bälle jene ältere Tracht durch ein ausdrückliches Gebot vor dem Untergange zu retten, aber gerade dies führte ihn um so schneller und vollständiger herbei. Jetzt sieht man sie nur noch an einigen steinalten Pairs, an Kellnern in den Gasthöfen und an Lohnbedienten.

Den Kriegen, welche mit dem Jahre 1814 endigten, verdanken wir zwei aus Frankreich eingeführte, jetzt aber auch in England völlig einheimisch gewordene Kleidungsstücke, den Frack und die Wellington-Stiefel. Die weiten Pantalons sollen ursprünglich bei den Kosaken zu Hause seyn; im Jahre 1814, als die gekrönten Häupter uns in London einen Besuch abstatteten, fingen die Pantalons an, in der Stutzerwelt Furore zu machen. Damals stand überhaupt der Dandysmus in seiner höchsten Blüthe, und es war eine Tracht aufgekommen, die es an Abgeschmacktheit keiner aus früheren Zeiten nachgab, ohne die Augen dafür durch Pracht, Schmuck und Glanz zu entschädigen. Die richtigste Definition eines Dandy läßt sich vielleicht so geben: Ein menschliches Wesen in Kleider gesteckt, wovon kein einziges ihm paßt. Alles war unnatürlich an diesen Menschenfiguren; der Hut des Dandy war so klein, als hätte er aus Versehen einen Kinderhut aufgesetzt; dieses Diminutivum saß auf einer ungeheuren aufgesträubten Haar-Pyramide, die zu beiden Seiten mit einem unförmlichen Busch über die Ohren hinausragte. Der Rock, das war ein lächerlich kleines, schwindsüchtiges, verhungertes Ding, eng, schmal, zusammengelaufen; der schmale Kragen saß ganz hinten auf den Schultern, und darüber empor stieg die unermeßlich weite, steif aufgerichtete weiße Kravatte und ein nicht minder hoher, nicht minder steifer, gestickter Hemdkragen; dazwischen befand sich der Kopf und Hals des dergestalt Geputzten eingezwängt, wie in einem Halseisen. Er konnte die Augen nicht rechts noch links wenden, ohne sich mit dem ganzen Leibe zu drehen. Das Leibstück des Fracks, mit kleinen dicht stehenden Knöpfen besetzt, saß gar nicht auf der Brust, sondern ein halb auf den Schultern, halb von dem Rückenstück abwärts bis zur Kniekehle baumelten zwei lange, schmale Schwalbenschwänze, vulgo Frackschöße. Mancher närrische Märtyrer vermehrte seine Leiden noch, indem er ein Schnürleib trug oder seinen Rock an Brust und Seiten steif wattiren ließ. Daher es sich wohl ereignete, daß Lady Oldtown den Sir Henry Millingtown ersuchte, neben ihr Platz zu nehmen, uud der würdige Baronet sehr bedauerte, die Ehre nicht haben zu können: er hatte den Abend nicht Toilette zum Sitzen gemacht, er trug seinen Stehfrack. Auch die Weste des Dandy war sehr kurz gerathen, mit einem Ueberschlag und niedrigem Stehkragen; der Frack gewöhnlich blau mit Metallknöpfen, eine Mode, die heute wieder aufzukommen scheint. War nun solchergestalt der Oberleib des Dandy sehr schmal und dürftig bekleidet, so sah es wie Spott aus, daß er ungeheuer weite, faltige Pantalons trug, aber so kurz, daß man nicht recht wußte, ob sie am Knie oder an der Wade aufhörten. Dazu ein Paar sehr lange Wellington-Stiefel, die so knapp am Fuße lagen, daß der Schuster, wenn er sie ablieferte, seinem Kunden rieth, eine Weile damit ins Wasser zu geben, ehe er sie ordenllich anzöge, ungemein hohe Absätze mit klirrenden Eisen und Sporen von Messing oder Stahl. Auch gehörte es zur feinsten Manier, kurzsichtig zu seyn. Und die Lorgnette des Elegant war in beständiger Bewegung. Kurz, es war keine kleine Arbeit für einen Dandy, sich in Staat zu werfen, und war er einmal darin, so taugte er den ganzen Tag zu Nichts, bis er aus der Zwangsjacke wieder herauskam.

Diese abgeschmackte Mode schlug nun auf einmal in ihr völliges Gegentheil um. Die Schwalbenschwänze und die kurzen Westen verschwanden urplötzlich, und an ihrer Stelle sah man Jacken mit langen Taillen und ganz kurzen Schößen. Man sah einen Mann zum Speise- oder Ballsaal eintreten, hinten so kurz abgestutzt, als käme er eben mit Reinecke, der den Schwanz verlor aus der Falle. Die Pantalons gingen über das ganze Bein hinab und wurden im Sommer in außerordentlich hellen Farben getragen, mit riesien Streifen nelkenfarb und blau; dazu große Westen mit karirten Mustern in ähnlicher Farbe, mit doppelten Ueberschlägen und runden Kragen. Anstatt der weißen Halstücher kamen phantastisch gestreifte auf, und am Ende wurden rothe, blaue und grüne zur herrschenden Mode. Die gestreiften Pantalons mußten bald darauf Russischen Jagdhosen von gebleichtem oder ungebleichtem Drill Platz machen, deren Einfachheit und Bequemlichkeit ihnen eine lange Herrschaft zu versprechen schien. Das nahmen sich die Schneider zu Herzen und ersannen eine Veränderung, wobei die Sache unmöglich dauern konnte. Nämlich sie ließen die Taschen nicht oben an der Seite, sondern sie brachten sie weiter abwärts neben der Hüfte an; dabei wurden die Beinkleider rings um den Gurt in breite Falten aufgezauft, so daß sie sich bauschten, wie bei dem dickleibigsten Holländischen Bürgermeister. Die Folge davon war, daß man allernächst gar keine Taschen mehr in die Pantalons machte; allerdings kein großer Verlust für Manchen, der nichts hineinzustecken hatte, als seine Hände. Die Gegenstände, die in neuester Zeit die größte und dauerhafteste Gunst in der Mode erworben haben, waren die Pantalons von Schottischem, gewürfeltem Zeuge und die über die Brust zugeknöpften Harrington-Fracks, beides eine sehr populäre und bequeme Tracht. Man pflege zu sagen: Mit einem guten enggeknöpften Frack mit doppelten Ueberschlägen, mit ein Paar Pantalons, Wellington-Stiefeln uud einem schwarzen Stocke konnte ein Mann sich überall anständig sehen lassen, wenn er auch sonst gar nichts auf dem Leibe trüge.

Stutzer und Narren sind von jeher nur ephemere Geschöpfe gewesen, uud so ist auch der Dandysmus fast ganz verschollen, oder er hat sich zu feiner, gentlemännischer Eleganz in Manier und Kleidung herabgestimmt. Von den Sternen, die während der letzten zehn Jahre am Himmel der Mode aufgegangen sind, hat keiner mehr als drei Sommer lang geglänzt. Vor allem verdient, hier, als Muster und Orakel des Geschmackes in Kleidung, Einrichtung und Equipage Herr Hughes Ball genannt zu werden, , man hieß ihn schlechtweg den Gold-Ball, und alle Zeitungen waren seiner Thaten und Leistungen voll. Er hatte wirklich den feinsten Sinn für alle diese Dinge und gerieth dabei nie ins Lächerliche und Uebertriebene, sondern wußte immer, mit dem soliden Anstand und Wesen eines Gentleman aufzutreten. In jenem Tagen waren alle Elegants versessen aufs Kutschiren; Herr Ball kutschirte auch in einer überaus gefällig geformten, dunkel chokeladefarbenen Chaise, mit vier weißen Pferden, zwei nette Grooms mit brauner Liverei hinten auf; an ihm konnte man lernen, wie ein Gentleman dieser Liebhaberei fröhnen und mit Vieren vorm Bock fahren kann, ohne sich darum wie ein Fuhrmann zu kleiden oder zu geberden. Auch in seiner Kleidung trug er sich stets ungemein glücklich und wohlgefällig, nie in schreienden Farben, sondern meistens weiß und schwarz; er hatte auch die großen Kravatten mil schwarzer Schleife erfunden, und ihm verdankt man es, wenn dieses Element der Toilette, ehedem das schwierigste und mißlichste in der Behandlung, jetzt so einfach und bequem geworden ist. Das Sprichwort, daß kein großer Manu in den Augen seines Kammerdieners groß sei, fand aus ihm seine Anwendung; denn auch sein Kammerdiener, der ihn auf seiner Tour durch den Kontinent begleitete, schwor überall in allen Wirthshäusern, in allen Bedientenstuben, an jeder table d’hote, sein Herr sey unter allen Herren der schönste, der feinste, der schönste und nächst seinem Herrn er selbst.

Diesem Herrn Ball zunächst, aber in unermeßlichem Abstand, folgte in der Modischen Welt ein gewisser Herr Haine, ein junger Mann, dem sein Vermögen die größten Ansprüche in der Gesellschaft eröffnete, und der sich mit vielem Kostenaufwand die Auszeichnung erwarb, eine Zeit lang in den Zeitungen neben jenem großen Koryphäen genannt zu werden. Die Nachwelt wird sich bei seinem Namen, erinnern, daß sein Garderobenbehältniß allein, den wechselnden Inhalt ungerechnet, 1500 Pfund werth war; ferner daß er sich im Frühjahr 1825 zu allgemeinem Furore in einem erbsengrünen Frack blicken ließ, aber zur Abschreckung der Nachahmer ankündigte, noch vor dem Monat August werde er einen braunen tragen. Dieser würdige Mann hält sich gegenwärtig zu Brüssel auf. Gleichfalls auf dem Kontinent lebt gegenwärtig Herr Long Wellesley, der zwar in bockledernen Handschuhen auszureiten pflegte, ein Vergehen, worauf in den Brummelschen zehn Geboten Ehrenverlust steht, dem aber doch Niemand den feinsten Geschmack, in seinen Equipagen namentlich, absprechen kann. Nächst diesen ist Herr Bailey zu nennen, ein wahrer Schmetterling von einem Dandy, ein lebendig umherflatterndes Muster von allen hellen Farben, hellblauer Frack, bunte seidene Kravatte, Weste mit Dessins à  la fantaisie; nicht zu vergessen, daß, er ein eifriger Beförderer der Nanquin-Pantalons war. Wenn er an Sommerabenden die Promenade von Rotten-Row auf und ab mit seinem Rappen und Reitknecht paradirte und seine schillernden seidenen Strümpfe und seine superfeinen Pumpschuhe mit den silbernen Schnallen erglänzen ließ und die Luft auf zwanzig Schritte in die Runde parfümirte, indem er mit seinem duftenden Cambrie-Taschentuch dem edlen Rappen die Fliegen abwedelte, , oder wenn er Abends in der Oper mit nachlässig über einander geschlagenen Armen an der Logenbrüstung lehnte, das Haar in Locken über dem Ohr geringelt, in einer glitzernden Weste von blauem oder nelkenfarbenen Seidenzeuge mit Gold- oder Silberstickereien, überhaupt Alles, was er am Leibe trug, von kokettesten, brillantesten, kostbarsten Stoffe, , so hätte ihn ein Fremder leicht für eine lebendig gewordene Modenpuppe angesehen; aber das war Herr Bailey nicht, sondern, wo es galt, ein munterer, resoluter, herzhafter Kamerad. Ja, einmal hatte er Nachts mit seiner eigenen Faust alle Nachtwächter in Bond-Street zerarbeitet. Er war der lustigste Dandy seit Menschengedenken, in der großen Stadt London; und als die Herrlichkeit verging, als sein Garn bis auf den letzten Faden abgehaspelt war, da kamen unendliche Rechnungen vom Schneider für Kaschmirhosen, vom Modewarenhändler für Cambrictücher u. s w., daß den ehrlichen Geschwornen schier Hören und Sehen verging. Seither begegnete uns der Mann noch einmal an den Dünen bei Ostende, aber er war nicht mehr er selbst, er vegetirte nur noch.

(Schluß folgt)

Zitiert aus: Magazin für die Literatur des Auslandes. 8. März 1837.

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