Dandysme

Historisches, Kulturelles und Literarisches zum Dandy

Geschichte der Männertrachten in England, Teil 2

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(Schluß.)

Der Fürst im Modenreiche ist gegenwärtig unstreitig, und schon seit mehreren Jahren, Graf d’Orsay. Sein Ruhm ist über alle Anfechtung erhaben; schon ehe er nach London kam, hatte er seine Proben an den Höfen von ganz Europa mit Glanz abgelegt. Wir sahen ihn zu Paris Abends in der Oper, mit seiner blüheddschönen Braut, kurz nach seiner Rückkehr von Neapel; die Beiden überstrahlten das ganze Haus. Er trug fast beständig das Hofkleid von prächtigsten schwarzen Sammet, seine Equipage, seine Apfelschimmel waren der Neid und die Bewunderung von ganz Paris. Dieser fürstliche Genius ließ sich zu keiner Schule, zu keiner Sekte im Reiche der Mode zählen; er gehörte allen, aber keiner ausschließlich und sklavisch an; ehe man sich dessen versah, hatte er sich von Grund aus in neue Tracht geworfen. Sollen wir indes, durchaus ein Prinzip namhaft machen, zu dem er sich in seiner Praxis bekannte, so nennen wir’s mit einem Französischen Worte étalage des formes. Denn immer, ob er sich nun in engen weißen Lederbeinkleidern mit Hessischen Patentstiefeln, oder ob er sich in bescheidenenen Pantalons sehen ließ, war es bei ihm auf die Darlegung eines Luxus an Formen und Gliedmaßen abgesehen, worüber seiner Zeit der Amerikanische Schriftsteller Willis in bewundernder Ekstase gerieth. Noch zur Stunde ist Graf d’Orsay der Mann, der sich am schönsten trägt, aber bei der Versatilität seines Talentes, bei seinem schnellen Wechsel der Trachten kann es nie dahin kommen, daß er an der Spitze einer Partei, einer Sekte in der Modenwelt auftrete; um es mit dem Kunst-Ausdruck zu sagen: er bringt nichts auf, man kann sich nicht getrauen, ihm was nachzumachen. Denn man kann wohl sehen, wie er sich heute trägt, aber wie er sich morgen tragen wird, das weiß Niemand. Seine Nachahmer würden ewig hinter ihm her seyn, wie an einem Wagen das Hinterrad hinter dem Vorderrade , und das wäre ärger, als eine Tantalusstrafe.

Unter den Sternen zweiter Größe ist Herr Duncombe, das radikale Parlament-Mitglied für Finsbury, zu nennen; er weiß die Farben zu seinem Anzuge sehr geschmackvoll zu wählen und zu verbinden; er ist ein bescheidener, versteckter Reichthum in Allem, was er trägt, es harmonirt Alles aufs Schönste und Beste. Lord Jersey ist das anerkannte Haupt in Sachen der Jäger-Toilette; die Jersey-Hüte und die Jersey-Sporen sind nach ihm genannt; um ihn schaaren sich zahlreiche Nachahmer, die auf jedes Wort schwören, das er spricht. Wenn wir nicht irren, so ist er Urheber der Mode, die Pantalons eng um das Knie und unten weit zu tragen. Vergessen wir endlich Herrn John Warde nicht, den Patriarchen aller Fuchsjäger, der unerschütterlich den Lederhosen und Quastenstiefeln treu geblieben ist und mit dieser Tracht erlebt hat, wie vor Zeiten Sir Roger v. Coverley mit seinem Wamms, daß sie zehnmal aus der Mole und wieder in die Mode kam.

Heutzutage kleidet sich Jedermann, wenn er Geschmack hat, nach seinem Geschmacke, und man kann eigentlich nie sagen, dieses oder jenes sey an der Mode. Zwar sehen wir so allerhand Sachen aufkommen, z. B Seidentragen anstatt der Sammeltragen, und allerhand seidener Fleckwerk vorn am Frack, und allerhand neue Schnitte und Facons an den Rockaufschlägen und Westenkragen; aber alles das beweist nur, wie die Schneider sich den Kopf zerbrechen müssen, um es dahin zu bringen, daß die Leute sich neue Kleider machen, während die alten noch gut sind. Auch muß man sagen, die heutige Jugend hat keine so kolossale, absonderliche Einfälle mehr, worüber die ganze Stadt die Augen aufreißt, wenn man sie produzirt; unsere Stutzer verlegen sich vielmehr mit ihren Eitelkeiten, Witzen und Capricen auf Kleinigkeiten, auf nichtssagende Dinge. Der Eine hat was Besonderes in Handschuhen und Kravatten, der Andere in Nadeln und Knöpfchen; ein Dritter hat was Apartes an den Schuhen; dann giebt es wieder Welche, die halten was auf Ringe, Ketten, auf verzierte Knöpfe und dgl. Kurz es zeigt sich, daß die Putzsucht, die puppenhafte Eitelkeit bei unserer heutigen platten, einfachen Modetracht eben so wenig zu Ruhe kommt, als vor Zeiten, da der Mann sich erklecklich und schwülstig herausstaffirte. Sogar die Quäker putzen sich.

Juwelenschmuck gehört eigentlich nur zur Frauen-Toilette, und da läßt sich viel Bedeutung und Ausdruck hineinlegen; es giebt eine Juwelensprache, wie es eine Blumensprache giebt. Vor Zeiten äußerte ein in solchen Dingen wohl bewanderter Hofmann und Schriftsteller, er getraue sich, auf den Schuhschnallen eines Zeremonienmeisters bei Hofe heraus zu demonstriren, in was für diplomatischen Verhältnissen besagter Hof mit allen verstorbenen Potentaten gestanden habe; ja noch mehr, er getraue sich, an dem Schmucke, den eine Hofdame und ihr Anbeter an einem Abend trügen, den Grad ihrer gegenseitigen Zuneigung zuverlässig zu ermessen.

Da wohl jeder Leser bei dem Kapitel von Kleidern auf irgend eine Weise interessirt ist, so wollen wir zu guter letzt die Sache noch ein wenig von der ökonomischen Seite betrachten. Dabei wollen wir uns nicht mit Extremen befassen, und unsere Leser dabei in die Toilettengeheimnisse eines exquisiten Dandys einweihen, noch ihnen solche Kunstgriffe an die Hand geben, wie sie uns Addison von einem alten Stutzer erzählt. Es war dies nämlich ein armer Teufel, dessen Einkünfte Alles in Allem, Jahr aus Jahr ein, sich auf neunzig Pfund beliefen; aber als Mann von Stande, als Hofmann gab er sich große Mühe, die Hoftrauer um alle regierende Personen mitzumachen. Beim ersten König, der starb, ließ er sich einen neuen schwarzen Anzug machen; beim zweiten ließ er ihn wenden; als der dritte starb, ließ er ihn bürsten, rührte sich aber nicht aus der Stube. Kleineren Potentaten, die Todes verblichen, that er die Ehre an, daß er neee schwarze Knöpfe auf seinen grauen Rock setzen ließ; den Tod eines Fürsten, dessen Heldenthaten er in der Zeitung oft bewundert, feierte er durch drei Finger breit Krepp um seinen Hut. Dergleichen Beispiele könnten wir den Lesern noch manche vorführen, theils aus der Geschichte, z. B. von den beiden Edelleuten zur Zeit Karl’s I, die zusammen ein Herz, einen Beutel, eine Kammer und einen Hut hatten, theils auch aus der Gegenwart. Wir wollen aber die Frage ganz alltagsmäßig praktisch untersuchen, damit recht viele Leser sich einen guten Rath daran nehmen können.

Was ein Mann an Kleidern wirklich braucht, ist gar nicht viel; aber freilich der Laune und der Mode zu Liebe schafft man sich manches Unnöthige an, wie es denn schon bei Shakespeare heißt: Die Mode trägt mehr ab, als der Mann trägt. Wie Mancher sieht im dreißigsten oder fünfunddreißigsten Jahre die Schneider-Rechnungen aus dem fünfundzwanzigsten mit Kopfschütteln an und kann’s nicht begreifen. Dies führt aber daher: erstlich, wenn man den Schneidern gar zu sehr aufs Wort glaubt und folgt, so oft sie sagen, dies oder jenes sey die neueste Mode; zweitens, wenn man immerfort auf Kredit arbeiten läßt; drittens endlich bedenke man, daß der Modeschneider sich für eine Menge verlorener Posten in seinem Schuldbuche an solchen Kunden schadlos halten muß, welche zahlen. Manche Schuld steht fünf, sechs Jahre aus, ohne daß der Schneider mit einem Worte mahnt; dabei sind die Gesetze über Schuldenarrest von der Art, daß ihre gänzliche Abschaffung dem Schneider, seinen reichen und vornehmen, aber liederlichen Schuldnern gegenüber, eher Vortheil als Schaden bringen würde. Wie die Sachen heute stehen, gilt es gewissermaßen für recht und honett, den Schneider schmachten zu lassen, während die respektabelsten Schneidermeister darin übereinstimmen, daß es mißlich und ganz unthunlich für sie sey, von der ihnen gesetzlich zustehenden Befugnis, zum Arrest Gebrauch zu machen.

Nun denn, die Haupt- und Grundregel der Oekonomie in Angelegenheiten der Garderobe lauten wie folgt: Bleibe bei Einer Tracht und lasse Dir jeden Anzug aus dem besten Stoffe so tüchtig und vollkommen als möglich arbeiten. Dazu gehört aber, daß man sich an einen soliden, wohlberufenen, seit vielen Jahren etablirten Schneider hält. Nur hüte man sich vor den celebrirten Modeschneidern, die bloß, um ihrem Namen Ehre zu machen, jedes Item in ihrer Nota doppelt hoch ansetzen.

Der Londoner Frack- und Rockschneider befaßt sich mit der Verfertigung von Beinkleidern und Pantalons nicht, sondern diese bilden ein besonderes Departement, dem sich eigene Künstler widmen. Zwar auf ausdrückliches Verlangen würde jeder Schneider ein Paar Hosen arbeiten, aber wer einmal erfahren hat, wie schön und angenehm und mit welchem Comfort ein Paar von Meistern dieses Faches verfertigte Beinkleider sich tragen, der wird eingestehen, daß hier die Specialität ihren guten Grund und Zweck hat. In die Verfertigung der Westen haben sich beide Künstlerklassen getheilt, und man kann sie sowohl beim Rock- als beim Hosenschneider arbeiten lassen. Bemerken müssen wir, daß nur der Erstere vorzugsweise auf den Kunstnamen eines Tailor Anspruch macht, der Letztere führt den bescheideneren Titel eines breeches-maker. Die Weste ist dasjenige Stück der männlichen Garderobe, woran der Elegant seinen Geschmack, seine Originalität oder seine Laune am auffallendsten und brillantesten zeigen kann. Sie sticht von der ganzen Kleidung am meisten hervor und trägt wesentlich zur Physiognomie des Anzuges bei. Eine glänzende oder sonst auffallende Weste zieht unfehlbar alle Augen auf sich, und wir können ein Ex-Mitglied des O’Connellschen Schweifes im Unterhause namhaft machen, welches diese Regel fein zu benutzen wußte. Wenn der Mann nämlich Abends im Hause sprechen wollte, warf er sich in eine so furiös brillante Weste, daß er dem Sprecher blendend in die Augen stach, wie er sich nur erhob; auf diese Weise gelang es ihm, anderen Mitgliedern das Wort vor dem Munde wegzunehmen.

Der Hut ist ein überaus wichtiges Garderobenstück und trägt durch Form und Beschaffenheit das allermeiste dazu bei, wie Jemand durch seinen äußeren Aufzug sich empfiehlt. Die meisten Leute gehen bei der Wahl eines neuen Hutes sehr unaufmerksam und ungründlich zu Werke; sie nehmen die Façon, die ihnen der Kaufmann eben als die neueste empfiehlt, unbekümmert, ob sie ihnen zu Kopfe paßt oder nicht. Es gehört aber in Wahrheit zu jeder Gesichtsform eine besondere Hutform, und wer einmal die seinem Kopfe zusagende Façon ausfindig gemacht, der sollte dabei bleiben und sich durch den Wechsel der Tagesmode nicht irre machen lassen. Einen feinen Hut kann man zu jederlei Kleidung, auch zu ganz schlichter und gewöhnlicher tragen, ohne daß es störend absticht; ja, ein neuer Hut macht beinahe einen abgetragenen Rock wieder neu. Einen schlechten Hut zu tragen ist die kläglichste Ersparnis. Es mag seltsam klingen, aber es bleibt wahr: einen guten Hut findet man nur zu London und sonst nirgends in England.

So hätten wir denn unseren Gegenstand gleichsam von seiner Wiege an bis auf den heutigen Tag herabgeführt. Wenn es dem Leser trivial scheint, sich mit desgleichen Minimis zu befassen, so erinnern wir zu unserer Entschuldigung an Lord Chesterfields Maximen. Es ist ein wichtiges Ding, wie ein Mann sich kleidet; wer fein und stattlich auftritt, der führt sich selbst am besten und empfehlendsten ein; hingegen mit einem ungeschickten und erbärmlichen Aufzuge kann man sicher seyn, es im Voraus bei Fremden und bei Zuhörern zu verderben. Hätte Marcus Tullius Cicero seine Reden mit einem schlechten Mantel um die Schultern, statt in einer prächtigen Toga gehalten, so hätte der populus romanus viel über die Figur des Konsularen gelacht, als seine Eloquenz bewundert. Wie Einer aussieht, das sieht und das bekrittelt eben Jeder; Talent und Charakter vermögen die Wenigsten zu beurtheilen. Närrischem Modewesen und Puppenspiel wollen wir nicht das Wort reden, aber, ehe wir einen jungen Mann nachlässig oder schäbig gekleidet einhergehen sehen, wollen wir’s doch lieber mit der alten Stutzermoral halten und ihm zurufen: Hans, nimm Dich zusammen und mach’ Dich fein!

(Fraser’s Magazine)

Zitiert aus: Magazin für die Literatur des Auslandes. 10. März 1837.

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