Im Böhlau-Verlag erschien kürzlich der Band “Depressive Dandys. Spielformen der Dekadenz in der Pop-Moderne”, herausgegeben von Alexandra Tacke und Björn Weyand. Die Beiträge entstanden im Rahmen einer Ringvorlesung im Sommer 2007 an der Berliner Humboldt-Universität.
Der Band gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil geht es um Dandytum, Dekadenz & Pop-Moderne. Günter Erbe gibt in seinem Beitrag zunächst einenÜberblick über die Entwicklung vom Gesellschaftsdandy zur dekadenten, modernen Ausprägung des Typus im Sinne von Baudelaire und Wilde. Dann widmet sich Isabelle Stauffer dem Thema Mode und Marken in der Popliteratur. Die Mode der Popliteraten von Tristesse Royale zeuge von Einfachheit und diene der Abgrenzung der von “casual wear” erzeugten Normalität. In Tristesse Royale dominiert die Erkenntnis, dass die Marken ihren Exklusivitätscharakter zunehmend verlieren. Die Individuen verlieren sich in der individualisierten Gesellschaft und ergeben sich einemÜberdruss an der Mode. In Faserland geht dieserÜberdruss dann so weit, dass der Erzähler seine Kleidung systematisch verdreckt.
Niels Werber definiert in seinem Beitrag das archivistische Verfahren als ein dandystisches: Da es nichts Neues mehr gebe und nichts Neues mehr geschaffen werden könne, wenden sich die Autoren dem Archivismus zu. Werber zeigt die Sammellleidenschaften und -methoden von Stuckrad-Barre, Bret Easton Ellis und Christian Kracht auf. Heinz Drügh untersucht die Insistenz auf das Körperhafte in Christian Krachts 1979 und den Romanen von Bret Easton Ellis, das hinter den glitzernden Fassaden durchbricht und ein zentrales Merkmal der Dekadenz ist.
Der zweite Teil beschäftigt sich mit Poetologien & Gender trouble. Alexandra Pontzen arbeitet in ihrem Beitrag die dandystischen Strukturen des Popdiskurses bei Reinald Goetz auf. Diese zeigen sich unter anderem in einer Verweigerung des argumentativen Diskurses oder einem Stil eleganter Beiläufigkeit, dem “cool”. Fernand Hörner untersucht die Friktion der Dandyhaftigkeit des französischen Autors und Werbe-Dandys Frédéric Beigbeders und seiner Romanfigur. Einzig den beiden Untersuchungen zur Literatur des Verschwindens bei Christian Kracht und zum Künstlerpaar Gilbert & George gelingt es leider nicht, einen überzeugenden Bezug zum Dandysmus herzustellen.
Im dritten Teil geht es um Medien & Genres. Untersucht wird dabei der Paratext von Tristesse Royale, die von Christian Kracht herausgegebene Zeitschrift Der Freund sowie die Docu-Fiction als neue literarische Form bei Christian Kracht und Ingo Niermann, wo sonst nur Zitathaftes bliebe. Alles in allem bietet der Band anregende Lesarten der deutschen Popliteratur und ihrer dandystischen Eigenschaften. Besonders erfreulich ist die Herausgabe des Bandes vor allem deshalb, weil es die Forschung am zeitgenössischen Dandy bereichert – ein Feld, auf dem noch einiges zu tun bleibt.