Schneider und Modehändler.

Aber Bauten in Menge werden in und um Paris ohne Unterlaß unternommen, weil die Bevölkerung zunimmt und die Leute doch irgendwo sich einmiethen müssen. Die wenigen Gärten, welche noch an die Boulevards gränzten , verschwinden nun fast gänzlich, und an ihrer Stelle erheben sich fünf bis sechs Stockwerke hohe Häuser, deren Wohnungen und Läden zuweilen schon gemiethet werden, ehe der Bau vollendet ist. Vier- bis sechstausend Franken Miethe für einen Laden ist etwas Gewöhnliches in dieser Gegend ; und man sagt von einem der Modeschneider, welcher drei Stockwerke braucht, das erste zum Empfangen seiner Kunden und die beiden obern zu seinen Werkstätten, die Miethe allein koste ihm 5,000 Franken. Dieser Schneider läßt sich aber auch ein Drittel mehr bezahlen als die gewöhnlichen, und hat doch immer vollauf zu thun, weil die eleganten jungen Leute sich einbilden, daß er sie besser kleide als andere. Staub, welcher lange Zelt der erste Schneider in Paris war, und Besitzer einiger großen Hotels geworden ist, hat schon vor einiger Zeit seinen Fonds, das heißt seine Kundschaft, für 200,000 Fr. an einen Nachfolger abgetreten. Freilich ist es diesem nicht wohl bekommen, 200,000 Fr. für die Ehre, Staubs Nachfolger zu werden, zahlen zu sollen, und er hat sie nicht bezahlt, worauf Staub wieder in den Besitz seines Fonds getreten ist, und denselben abermals für 200,000 Franks an einen andern Nachfolger verkauft hat; aber auch mit diesem und einem dritten ist er nicht glücklicher gewesen. Es scheint doch, daß Staubs Kundschaft keine 200,000 Fr. werth ist. Jetzt ist sie, wie ich glaube, wieder vakant; und wer von dem Ehrgeize beseelt wird, in des berühmten Staubs Fußstapfen zu treten und für die Hoffnung, wie er, der erste Pariser Schneider zu werden, die Kleinigkeit von 200,000 Fr. zu erlegen, braucht sich nur zu melden. Jedoch muß bemerkt werden, daß sich auch ein falscher Staub gezeigt und dem wahren Abbruch gethan hat. Wenn ich mich recht besinne, lag vor einigen Jahren der wahre Staub mit dem falschen in den Haaren, weil er ihm seine Kunden wegnahm.

Aus: Morgenblatt für gebildete Leser. Nr. 237, 03. Oktober 1839.

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