Dandysme

Historisches, Kulturelles und Literarisches zum Dandy

Fürst Puckler

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Auf die bekannten Größen der früheren Literatur folgte der große Unbekannte; auf den großen Unbekannten folgte der vornehme Unbekannte. Jener, als er sein Incognito verrathen sah, stand nicht weiter an, sich öffentlich Walter Scott zu nennen und nennen zu lassen. Dieser aber, unser Verstorbene, unser Tuttifruttist, den Jedermann schon längst als Fürsten Pückler-Muskau bezeichnet, zuckt noch immer dazu die Achsel und findet es in der Vorrede zum dritten Bande der Tutti Frutti ungalant von einem Recensenten, daß derselbe seinen somnambulen Doppelgänger mit Namen angerufen. Ein Schriftsteller kann möglicherweise seine guten Gründe haben, sein bekanntes Incognito fortzuspielen. Allein wir müssen gestehen, die Art, wie unser Verstorbene dies thut, kommt uns ein wenig eitel und klein wenig lächerlich vor. Sein hoher Stand dient ihm als Quecksilberfolie hinter dem Spiegelglase der Eitelkeit; er küßt den Fürsten Pückler-Muskau in diesem Spiegel, und wenn er sich umwendet gegen das Publicum, macht er aus Scherz ein mysteriöses Gesicht. Dennoch fühlen wir uns nicht berechtigt, den Verfasser der Tutti Frutti, ohne dessen ausdrückliche Erlaubniß, Pückler-Muskau zu nennen. Er ist uns Einer vom hohen Adel, ein Standesherr in einem norddeutschen Königreich, und damit basta. Mögen denn nun die Schlußworte besagter Vorrede “Manche glauben mehr hinter mir verborgen, Andere weniger , als wirklich vorhanden ist; und selbst bei dem, wie man meint, so zuversichtlich entdeckten Incognito, dürfte doch noch dem Publicum eine unerwartete Ueberraschung bevorstehen,” mögen also diese geheimnißvollthuenden Worte enthalten und verbergen, was sie wollen, darüber lassen wir uns in der That kein graues Haar wachsen. Denn wollen sie etwa sagen, daß Leopold Schäfer, der als Novellist bekannte Freund des Verstorbenen, seine Hand mit im Spiele gehabt, so bestätigen sie uns nur eine erforderlichenfalls mit den Fingern nachzuweisende Vermuthung über des Genannten Mithülfe bei Abfassung der Tutti Frutti. Uns wenigstens will es also ausgemacht bedünken, daß der Verstorbene in den Gedankenmagazinen seines plebejischen Freundes nicht selten fouragirt habe.

Indem wir uns vornehmen, über den Verfasser der Tutti Frutti, oder vielmehr über diese selbst frisch von der Leber wegzusprechen, bekennen wir, daß wir wohl wissen, einige Gefahr dabei zu laufen. Denn die Vorrede zum dritten Bande belehrt uns, daß der witzige Verfasser gegen seine Recensenten ein wenig als Standesherr verfährt. Er übt die Jagd- und Fischereigerechtigkeit an ihnen aus, indem er sie vorher in diverse Thiere verwandelt. So ist ihm der Luftschiffer Reichardt ein alter etwas blödsinniger Falke, der Hofrath Förster ein Hecht, item ein beamtetes Raubthier, Heinrich Laube ein Fuchs und der Korrespondent des Morgenblattes, mit dem Zeichen des Kreuzes, gar ein schwerfälliges Thier, das in der Löwenhaut einhertrottirt und trompetet. “Wie du mir, so ich dir,” das ist das Princip, zu dem er sich, angeblich aus Princip und nicht aus Neigung, bekennt. Recensionen, die seinen Augen wohlthun durch das angenehme Grün ihres Lobes, solchen Recensionen thut er wieder wohl, und nennt sie wahre Meisterstücke und Muster in ihrem Fach. Man liefet sie in den Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik und in Brockhaus literarischen Blättern.

Dieses Verfahren sucht er im Buche selbst zu rechtfertigen, wo er, in Nummer 56 des dritten Bandes, von der Wiedervergeltung feindlicher Angriffe spricht. “Was mich betrifft,” heißt es da, “so kann ich wohl sagen, daß Niemand weniger rachsüchtig geboren, und mehr zu jener Indolenz geneigt war, von der Lichtenberg so wahr sagt: “daß sie zuletzt nichts mehr rächen kann, und sich jede Unterdrückung gefallen läßt.” Als ich die Richtigkeit dieses Ausspruches endlich gewahr wurde, ging ich mit mir selbst zu Rathe, und einsehend, daß ich so nicht wohl irdisch bestehen könne, zum himmlischen Märtyrer mich aber noch nicht reif fühlte, so beschloß ich fest von nun an, es werde mir schwer oder leicht, in der Regel nie mehr weder etwas Gutes, noch etwas Uebles zu empfangen (vorausgesetzt, daß letzteres absichtlich ertheilt wäre) ohne es mit den gehörigen Zinsen wieder abzutragen. Das habe ich denn auch so ziemlich gehalten, und mich wohl dabei befunden, obgleich das Christenthum es anders vorschreibt. Dieses muß man aber leider, so lange die Welt noch so sehr im Argen liegt, nur wie die alten Ritter verstehen, und La Motte Fouqué, dessen Helden die Leute immer liebevoll und freundlich behandeln, auch wenn sie sie todtschlagen. , “Zu meiner Grleichterung,” fügt er hinzu, “gestatte ich mir jedoch bei dem Princip einige Modifikationen. Ich vergelte z. B. das Uebel nur so lange mit Ueblem, als ich Ursache anzunehmen habe, daß man seine Gesinnung und Handlungsweise in dieser Hinsicht seitdem gegen mich nicht geändert hat. Ist das Gegentheil der Fall, so danke ich Gott von Herzen, vergessen und vergeben zu dürfen. Ich folge also hierin de préférence dem Confucius, welcher schon vor Christus sagte: “was dir die Leute thun, das thue ihnen wieder,” ein Spruch, den die Deutschen poetischer nachher in Wurst wider Wurst, übersetzt haben. So viel ist gewiß, einen praktischeren Grundsatz gibt es nicht, und es ist, wenn nicht Tugend, wenigstens Pflicht, ihn zu erfüllen. Pflicht der Selbsterhaltung, von den Moralisten Egoismus genannt , eine Eigenschaft, für die man nie von andern sehr gepriesen wird, doch aber oft dafür sich selbst zu preisen Ursache hat; was denn immer auch ein Genuß ist, wenn auch ein untergeordneter. , Es gibt mehr Leute, die sich ihn zu verschaffen suchen, als solche, die es eingestehen , mit Maaß gepflegt, ist er aber wirklich recht zuträglich.”

Wir haben diese Stelle ganz ausgezogen, weil sie uns, von psychologischer und moralischer Seite betrachtet, gleich interessant scheint. Hier zieht die Hand eines geistreichen Weltmannes den Schleier von einer höchst merkwürdigen Operation, die er in seinem geistigen Innern vorgenommen. Er fühlt sich zu totaler Indolenz nur zu sehr geneigt, und weil er einsieht, daß ihm dieser Zustand von bedeutendem Nachtheil ist, so entschließt er sich zu einem Entschlusse, vermöge welches er seine gefährdete Selbstständigkeit aufrecht zu erhalten gedenkt. Er greift ein Princip, nicht aus seinem Busen, sondern gleichsam aus der Luft, und bestreicht damit wie mit einem Magnet, der Eisen armirt und einer schwachen indifferenten Nadel einen bestimmten polarischen Character gibt, die schlaffen Springfedern seines Willens; ein moralisches Kunststück, dessen Möglichkeit wir kaum begreifen, an dessen wirklicher Application wir aber nicht zweifeln wollen, da uns der Verfasser überall in seinen sittlichen Manifestationen aufrichtig und natürlich vorkommt. Letztere Bemerkung hat bereits Goethe über ihn gemacht, als er die Reisen des Verstorbenen, und bei dieser Gelegenheit eine gleich merkwürdige Aeußerung desselben besprach und mit den Worten aburtheilte: “Religionsbegriffe oder Gefühle sind, wie man hieraus sieht, ihm nicht zur Hand.” Nein, in der That! denn das eingeborene Gefühl dessen was recht und unrecht, was schön und häßlich, was zu lieben und was zu hassen, was mit Ehre zu ertragen und was zu versagen, was zu verzeihen und was zu rächen, was zu dulden und was schlechthin nicht zu dulden, dieses oft wohl verfinsterte und schwankende, aber ewig wieder durchbrechende Gefühl in des Menschen Brust, zeugt uns, daß die Idee der Vergeltung auf einer ganz andern und viel sicherern Basis beruhe, als auf einem willkührlichen klugen Entschlüsse, seine moralische und physische Person in den erforderlichen Vertheidigungszustand zu setzen, und im gelegenen Fall angriffsweise zu verfahren. Das Princip der Vergeltung ist ein natürlich sittliches; wir hüten uns wohl, dieses Princip im Widerspruch zu finden mit dem Gebot der Liebe und der Versöhnlichkeit. Jesus liebte in demselben Maaß, als er vergalt. Man ist freilich gewohnt, nur immer das Lamm Gottes in ihm zu sehen, aber er war auch der Löwe Gottes. Johannes liebte ihn, wie das Licht, das in der Welt schien, um die Welt zu befreien, und Jesus vergalt Liebe mit Liebe, und gestattete ihm das beneidenswerthe Loos an seinem Busen zu ruhen. Die Pharisäer haßten ihn, wie sie das Licht und die Freiheit haßten; sie verfolgten ihn, und Jesus haßte und verfolgte sie wieder mit den Schwertstreichen seiner Worte und trat das Otterngezücht mit Füßen. Und dieses Beispiel, von der höchsten Staffel der Menschheit genommen, führt uns auch die wahre sittliche Geltung der Vergeltung im idealen Bilde vor Augen. Freundschaft um Freundschaft, und Feindschaft gegen Feindschaft, das ist auch unser Losungswort. Aber Gott hüte uns, daß wir, durch Leidenschaft und kleinliche Selbstliebe bethört, wenigstens nicht öfter als mit unserer Schwachheit billig zu entschuldigen, dieses Losungswort in den nackten ideenlosen Kämpfen der verletzten Eitelkeit und des privaten Vortheils erschallen lassen. Die Vergeltung ist eine Idee, die im Dienste der Menschheit steht, und nur im vereinigten Leben der Sittlichkeit, im Einklang mit den übrigen sittlichen Ideen, Weich und Würde hat. Ohne die Kraft der Vergeltung liebt sich das Herz zu Spott und zu Schande mit allem, was es liebt. Wer sie aber nicht als himmlische Kraft in sich fühlt, wem sie nur eine von der Klugheit geborgte äußere Waffe ist, dem mag sie, klug geführt, auch alle möglichen Privatvortheile leisten, alle Feinde und Böswillige vor ihm kuschen machen, aber sie fördert ihm weder sein eigenes, noch der Menschheit sittliches Leben. Kommt aber hinzu, daß auf solchem Standpunkt fast jeder Angriff, von welcher Seite er auch komme, als böswillig erscheinen muß, da der Egoismus nur auf die Wunden sieht, die er empfängt, nicht auf die Hand, die sie ihm ertheilt, so muß die heutige Aristocratie, die keine sittlichen Vorzüge und Güter, sondern nur Vorrechte und Landgüter zu vertheidigen hat, jedes Rechtsverlangen und jeden Angriff des Volkes als Böswilligkeit vermerken, und als solche am Volke und dessen Vertretern zu rächen suchen. Egoismus glaubt überall nur gegen Egoismus zu stehen, und jener furchtbare historische Egoismus, den wir so eben berührten, der vor allen in England seinen Sitz aufgeschlagen, sieht in seiner Verblendung nicht die Hand Gottes, die vergeltend in der Geschichte auftaucht. So gewiß wir aber glauben, daß Göttliches auf der Erde lebt und liebt und leidet, so gewiß glauben wir auch, daß nur dem Göttlichen in uns die Vergeltung zustehe, und daß das prophetische Bibelwort, “die Rache ist mein, spricht der Herr,” eben in diesem Sinn zu fassen sey. Gott wirkt nur durch Menschen und Menschen wirken nur durch Gott. Das Wirken des persönlichen und historischen Egoismus verwirkt sich selber. Seine Schutz- und Trutzwaffen vermag er nur so lange mit Kraft und Erfolg zu führen, als er den Wahn um sich zu erhalten weiß, er fechte für ein höheres Gut, er behaupte sich im Interesse des Staates, er verweigere oder strafe zum Wohl des Ganzen. Verfliegt der Wahn, so löset sich der Zauber seiner Kraft, seine Beine schlottern, sein Blick wird unsicher, er haut noch einmal zu und schlägt sich selbst die Hand vor die Füße.
Die Vergeltung steht auf der Schwelle der Geschichte und ihre Kinder wachsen aus dem Boden heraus. Scheltet sie nicht Ehrgeizige und Egoisten, und beneidet ihnen die Lorbeeren nicht, die sie sammeln. Sie müssen sie schwer erkaufen. Dem Orestes lag gewiß nicht viel an der Ehre, Held einer Tragödie zu werden; Cajus und Tiberius Gracchus wären wohl eben so gern, wie wir alle, auf friedlichem Bettpfuhl eingeschlummert, statt gewaltsam im Tumult zu sterben. Luther, der Orestes der Vernunft, der das ehebrecherische und tyrannische Haupt der christlichen Kirche abthat, er wäre versunken unter der Last und Bürde seines Ruhms, hätte er nicht die Schultern eines Atlas gehabt. Oder wer mögte tauschen mit dem Loose der Girondisten, oder nur seinen dunkeln Namen hingeben für den Namen Robespierre? Klingt dir O’Connell in die Ohren, und wünschest du O’Connell zu sein? oder Armand Carrell? oder Ludwig Börne? oder auch nur unser Freund Gabriel Riesser, der durch stammende Rede die tausendjährige Schmach des Judenthums an den Christen vergilt, und unsere Wange mit Schamröthe färbt, wenn wir uns als mitschuldige Aristokraten der Taufe denken, die Ungetaufte wie halbe Heloten und Parias behandeln, und sie durch Rechtsverweigerung und
Beschränkungen aller Art an den schmutzigsten Dämon des Erwerbes festbinden?

Freilich hatten und haben alle diese Männer auch ihr Persönliches vor Augen, indem sie polemisch gegen Zustände und Personen auftraten und die Nemesis der Geschichte spielten. Aber was gäbe ihnen, Mönchen, Juden, Advocaten, Handwerkssöhnen, vereinzelten Individuen, die Kraft der Begebenheiten, geschichtlichen Einfluß und die Macht über ihre Gegner, wäre nicht ihre Persönlichkeit im Stahlbad der Ideen gehärtet und ihr Muth durch den Athem eines Höheren angeweht? Kampf für das Recht, Vertheidigung Anderer und Selbstvertheidigung nur in den Fällen, wo das Persönliche verflochten in das Allgemeine, das waren und werden stets die Kennzeichen großer Männer seyn , und ihre Unterschiede von großen Herren, die in der That unschuldiger als tausend andere in den bloßen Egoismus der Selbsterhaltung hineingeboren werden. Ideen wachsen nur selten und ausnahmsweise zu den hohen Fenstern der Prunkgemächer hinauf, und selbst Mirabeau, der sie in Gefängnissen und im Volke fand, berauschte sich nur so lange in ihrem Duft, bis sein personlicher Haß gegen die Standesgenossen gesättigt war, und ein Lächeln der Königin ihn wieder zum Grafen erhob, und die goldene Scheere der Verrätherei ihm die Simson-Haare der Revolution, seine Stärke, abschnitt. Freilich wissen wir, daß große Herren von Natur indolent sind, und der Verfasser der Tutti Frutti bekennt es auch für sich selbst. Aber es bedarf wohl in den Zeiten, worin wir leben, nicht der Ermahnung eines Göttinger Professors, um sie von ihrer Indolenz aufzurütteln. Der Tuttifruttist rächt sich nicht allein als Schriftsteller an Recensenten, sondern er führt einen Standeskrieg gegen die bürgerliche Bureaucratie in Preußen, die den Adel verdrängt und gegen die Demokratie in der Welt, die den Adel nicht anerkennt. Das alles dreht sich, wie man sieht, im Kreise persönlicher Selbstvertheidigung oder standesbrüderlichen Egoismus; und wer den Fuß hinübersetzt, hat es mit ihm und den satyrischen Dornen zu thun, die aus seinem Princip der Vergeltung spitz und scharf genug herauswachsen. Uns, hoffen wir, schaden sie nicht. Denn wohin wir schreiten, suchen wir uns am Mantel der Zeit festzuhalten, und die Zeit schreitet auf Eisenfersen daher, und ihre Sohlen ritzt kein Dorn und sticht keine Schlange. Brechen wir hier unsere einleitende Diatribe kurz ab, ohne Entschuldigungsgründe für ihren Ernst, oder für ihre Länge, oder überhaupt für ihre Statthaftigkeit anzuführen. Die Tutti Frutti scheinen freilich nur leichte Goldfische, die sich lustig im Wasser tummeln und zufrieden sind, wenn sie sich und anderen eine Stunde Unterhaltung verschaffen. Allein der Schein trügt, und schärfere Augen sehen auch den Rücken und die Floßfedern der Hechte, die zwischen den Goldfischlein auftauchen. Große Herren treiben alles spielend, und gerade das Ernsthafteste und Wichtigste zumeist. Sie stehen an der Pharaobank der Gedanken und Begebenheiten, und biegen Paroli, ohne eine Miene zu verziehen. Es thut noth, daß wir ihnen auf die Finger sehen.

II

Seit der reisenden Madame de Stael-Holstein sind fast alle Schriftsteller Reisende der Literatur geworden; einige sogar ausdrücklich in Geschäften und Aufträgen gewisser Buchhändlerhäuser. Die Bewegung bekommt jedem wohl, und auch der Literatur ist sie wohl bekommen, denn sie hatte lange gesessen, und war grau und hektisch geworden, und die Schriftsteller hatten alle Tintenkleckse an den Fingern, wie die Schuster Pech. Auch der Verstorbene debütirte zuerst mit einer Reisegeschichte, seinen Aufenthalt in England begreifend. Dieses ausgezeichnete Werk ist nicht allein mit vielem Geist geschrieben, sondern auch bei aller Leichtigkeit und Eleganz des Styls sorgfältig ausgearbeitet. Es bildet ein malerisches Ganze. In den Tutti Frutti (den meisten Deutschen ein Titel à  la Hottentotti) bemerkt man, daß der Verfasser sein Publicum schon etwas in der Art behandelt, wie etwa eine eroberte Geliebte, in deren Gegenwart er sich keine Gêne mehr anlegt, und ihr in jedem Aufzuge recht und willkommen zu seyn glaubt. Er stiegt in die Thur, wirft sich auf’s Sofa, spricht etwas Geistreiches oder Dummes, nimmt den Hut und empfiehlt sich. Ueber diese stutzerhafte Art vor dem Publicum zu erscheinen, ist aber das Publicum selbst Richter; und wir fühlen uns nicht berufen, dem Verfasser darüber Vorlesungen zu halten.

Der dritte Band der Tutti Frutti beginnt mit den Zetteltöpfen eines Unruhigen, fortgesetzte Ziehung. Die erste oder fünf und dreißigste Nummer ist überschrieben: “Morgengespräch,” und enthält einen Dialog von vier Zeilen:
Der Herr: War er drinnen?
Der Diener: Wer?
Der Herr: Der Pinsel.
Die Frau: Welcher?
Allgemeines Gelächter. “Dieser Zettel,” sagt der Verfasser, “ist von meiner Hand geschrieben, und wird daher wohl etwas bedeuten. Dennoch muß ich gestehen, daß ich selbst nicht mehr weiß, was; irre ich aber nicht, so muß eine einstige Geliebte Goethe’s den Sinn vollständig erklären können.”
“Rathe, Leser, es wird dir Mühe machen. Errathe , und du wirst große Zufriedenheit darüber empfinden.”

Unglaubliche Dreistigkeit, das Publicum mit solchem Wisch zu mystificiren. Alzibiades hackte seinem schönsten Hunde den Schwanz ab, um die Athenienser zum Besten zu haben, und sie Tage- und Wochenlang über das eigentliche “Warum” dieses Attentats rathen und schwatzen zu machen. Und auf ähnliche Weise will der lausitzische Standesherr die ehrlichen Deutschen foppen, nur daß er’s umgekehrt anfängt, und aus Scherz einer alten räudigen Petze den schönsten Schwanz anbindet, und auf der Treppe des Goethe’schen Hauses zur Schau ausstellt. Was hat denn der arme Goethe an ihm verbrochen, daß er ihm solchen Gassenauflauf vor der Hausthür anrichtet?

Die folgende sechs und dreißigste Nummer enthält einen “Nebelzettel, d. h. einen solchen, der wie die Nebelsterne aus hundert einzelnen zusammengesetzt ist.” Mit andern Worten, er enthält ein Gespräch, das vom Hundertsten in’s Tausendste fällt. Der Eingang scheint uns deswegen merkwürdig, weil er die Natur des Verhältnisses berührt, worin der Verstorbene zu einem geistreichen deutschen Schriftsteller steht, der gerade in diesem Gespräch zwischen ihm und seinem hohen Gönner den Kern der Unterhaltung liefert. Die Stelle lautet:

“S….. ist ein Philosoph ganz nach meinem Geschmack, mir recht seelenverwandt. Ich will gleich erklären, wie. Man sagt, daß manche große jüdische Handelshäuser einen Beamten besolden, den sie “den Denker” nennen. Von diesem wird weder eine Ausführung, noch selbst ein durch alle Puncte fortgeführter vollendeter Plan verlangt, sondern nur neue Ideen, Projekte, Ansichten, Einfälle, mit einem Wort: aus dem Gewöhnlichen Heraustretendes. Zündet eine solche Rakete, so wird anderen, bedächtigern, methodischern und gründlichern Geschäftsleuten die fernere Prüfung und Inswerksetzung überlassen.”

“So ist S. … . der Denker unsrer kleinen Lotterie.”

Diese Vergleichung, wie man sieht, ist mit der Zartheit eines russischen Knesen gemacht, der einen armen Teufel von Schriftsteller auf seinen Gütern füttert. Wir gestehen dem Verstorbenen, wir mdgten lieber, wie Heinrich Laube, von ihm befeindet, als wie S. . . . . von ihm befreundet werden. Er kann uns noch so schmeichelnd zurufen: “Komm’ zu mir in meinen Wald und gewiß, wir wollen, oder ich müßte mich sehr trügen, noch die besten Freunde werden;” wir würden ihm eben so wenig willfahren, als wir die Bestallung zum “Denker” des Hauses Rothschild annehmen würden. O, Jean Jaques! O, Jean Jaques!

Die zusammengewürfelten Hauptgegenstände des Gespräches sind: Classen-Lotterie, neutestamentalische Wunder, interessantes Brieffragment, herrührend von einer reichen Frau, die den Verfasser bekehren will zum Glauben an Jesus, Mysticismus, und daß Socrates und Christus keine Mystiker gewesen, obgleich viele ihre Schüler, Fortschritte und Rückschritte der Menschheit nach gewissen Epochen, Verteidigung des Duells, Characteristik der Engländer, politische Zukunft der europäischen Völker. Alle diese zum Theil hochwichtigen Themata werden in Siebenmeilenstiefeln überschritten. Der Eindruck ist der einer Drehorgel, die hintereinander alle ihre Stückchen von der Walze abschnarrt. Es sind hübsche Sachen darunter, obwohl nichts Neues; und die besten Gedanken scheinen Arbeitspferde des Herrn S. . . . ., die seinem Gönner Hofdienste leisten.

Darauf folgt, von Nr. 37 bis Nr. 63, ein mannigfaltiger Gedankenabfall. Von solchen Spähnen, wie man sie nennt, lassen sich mit leichter Mühe tausend Säcke füllen. Wir Deutsche sind noch nicht so weit herunter, daß wir von Brosamen leben müßten, die von hoher Herren Tafel fallen. Von Goethe’s Tische herabgefallene Brosamen haben wir zwar geduldig aufgesammelt, und manche arme Schlucker sind dabei steif geworden im Rücken. Aber von Goethe schmeckt uns Alles nach Goethe, wenn’s auch Einbildung war, und oft nur nach Herrn von Cotta schmeckte. Doch wäre uns in Goethe’s sämmtlich sämmtlichen Werken kein Beispiel bekannt von einzelnen unzusammenhängenden Einfällen und Gedanken, die sich nicht irgend einer höhern Rubrik unterordnen ließen. So durchaus wüste Sammelei hat Goethe sich nicht gestattet.

Die drei und sechzigste Nummer befaßt die sogenannte Schlußunterhaltung aus den Zetteltöpfen; obgleich, wie man sieht, von einem Schluß füglich nicht die Rede seyn kann. Züge von Enten und Kranichen haben ihre Beschließer; aber die Sperlinge, die an meinen Kirschen picken, oder die Schwalben, die um den Thurm flattern, nicht. Doch wir wollen der Schlußunterhaltung keine bloß verbale Correction zuwenden. Titel anderer Art nehmen unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. Im Eingang sehen wir das preussische Ordensfest im Winter, mit seinen verfrorenen Rittern an der Tafelrunde ergötzlich verspottet. Der Leser lacht, und der Verfasser scheint es zu merken und, lacht mit. Aber wie ein kluger Mann läßt er die glückliche Stimmung des Lesers nicht ungenutzt vorbeistreichen. Er citirt auf einmal die Geister der alten Ritter, die dann aufs Effectreichste groß und eisengeharnischt auf die Sessel der modernen, größtentheils bürgerlichen Ritter-Canaille in Frack und seidenen Strümpfen niederrasseln, und, was uns Deutsche noch immer in gewisse Rührung zu setzen nicht verfehlt, mächtige Humpen, vierflaschenhaltige Humpen, statt winziger Champagnergläschen zum Munde führen. Wie ehrwürdig sind die alten Herren in ihrem Durst und ihrer Schwerfälligkeit, wie lächerlich die neuen Excellenzen, Präsidenten und Gerichtsräthe mit ihren kümmerlichen Gurgeln und Fräcklein , das liegt auf der Hand, und dieser Gedanke wird im glücklichen Halbscherze aufgeregt. Dann aber verfinstert sich das Gesicht des Geisterbeschwörers zum baaren Ernst, und er betrauert, daß statt der alten Ritter, gleich Wallfischen der Urzeit (wir unsrerseits finden das Bild von Haifischen persönlicher ziehend), nur dunkle Namen übriggeblieben, die man nicht mehr recht zu deuten wisse, und dennoch blindlings fortführe. Ein solcher Name sey so der Name Ritter, und so ziemlich auch der Name Adel. Dieses bringt ihn auf die Misere des heutigen Adels, und er erzählt eine wehmüthige Geschichte von der Subhastation eines alten Ritterguts, die in der That bei jedem wohlgesinnten und gutmüthigen Hörer eine tragische Rührung absetzen muß; wie sie gegentheils wider den Kannibalismus eines preussischen Justizbeamten aufbringt, der beim Subhastationsmahl von den letzten Pfennigen der verunglückten Familie bestritten, in die Worte ausbrach: “So ist es schon recht! Dies Volk muß erst alles zum Teufel fahren, eher wird’s nicht besser werden. Was schadet’s denn dem Lande, daß sie ihre Güter verlieren, es werden immer andere da seyn, diese wieder in Empfang zu nehmen.” Nachdem nun der Verfasser letztere Worte gehörig, aber wie uns scheint, unnöthig unterstrichen, und des Lesers großherzige und mitleidige Theilnahme am Dahinsinken alter Geschlechter erregt hat, beschuldigt er diese selbst, durch eine große Thorheit die Nemesis der Geschichte über ihr Haupt geführt zu haben, und zieht schließlich das eine große Medicament aus der Tasche, das den Adel einzig noch retten, ja ihn sogar zu mehr machen könne, als er je in Deutschland gewesen.

Leser, die in “Franz Baltisch,” dem politischen Receptenbuch eines norddeutschen anglomanischen Arztes geblättert, solche Leser wissen sogleich und noch unbesehen den Inhalt des recipe, das der Verstorbene offerirt. Sie werden dem Verfasser (wie es in seinem eigenen Gespräche geschieht) zurufen: “Ach! ich weiß schon, was Sie sagen wollen. Nach Ihnen soll eigentlich der Edelmann nicht mehr, sondern sein Landbesitz den Adelstitel führen.”

Darauf antwortet der Verstorbene: “ganz recht,” und zieht ein andres Papier hervor, auf dem er die Zukunft des jetzigen deutschen Adels und seines anglisirten, oder wie er ihn nennt, vernunftgemäßen Adels mathematisch berechnet hat. Der Merkwürdigkeit wegen setzen wir diese Tabelle hieher. Dem Stammvater dieses imaginären Stammbaumes giebt er zehn Söhne, den Söhnen und Enkeln, jedem zwei männliche Nachkommen, jeder Generation herkömmlich den Zeitraum von dreißig Jahren.

Aus dieser Tabelle ersieht sich, wie schlimm es mit “unserm Adel,” und wie gut es mit dem “vernunftgemäßen Adel” in Zukunft gehen muß. Miserabel links, formidabel rechts, bliebe dem Adels-Corps in der Mitte kaum noch ein Bedenken übrig bei der Wahl, brächten nicht die Mütter und jüngeren Söhne und ein klein wenig auch die antifeudale Richtung der Zeit eine nicht unbedeutende Opposition zu Wege. Ja, diese Zeit ist auf so arge und ärgerliche Weise unpoetisch, daß sie sich nicht entblödet, zu behaupten, die ganze Frage nach Zulassigkeit der Majorate laufe eigentlich auf die Frage hinaus: ob man seine Schulden bezahlen solle oder nicht. Gefühlloser und maulwurfsartiger kann man nicht das Fundament der Adelspoesie untergraben.

Doch wir ergrifen hier die gute Gelegenheit, mit vorläufiger Ueberspringung des vierten Bandes Tutti Frutti, im Kurzen einer politischen Abhandlung zu erwähnen, die beinahe den fünften, und wie’s scheint, letzten Band derselben ausfüllt. Diese Abhandlung führt den Titel: “Politische Ansichten eines Dilettanten,” und führt eigentlich nur die beregten fixen Majorats-Ideen weitläuftiger aus, indem sie dieselben zugleich in ihrer absoluten Wichtigkeit für die Stabilität der Throne und die innere Maschinerie repräsentativer Verfassungen auseinanderlegt. Dieser Aussatz ist unter andern den Prinzen eines norddeutschen Hofes vorgelegt worden, und hat sich von deren Seite der meisten Aufmerksamkeit und mancher geistvollen Belehrung erfreut. Das ist die eine Merkwürdigkeit, die wir daran hervorheben; die Zukunft wird vielleicht unsern Fingerzeig rechtfertigen. Die andere Merkwürdigkeit ist, daß auch unbegüterten Staatsmännern und Kriegern von großem Verdienst die glänzende Aussicht eröffnet wird, durch königliche Dotation in den Majoratherrenstand, in das constitutionelle Edelmannsthum aufgenommen zu werden, inclusive einige ehrenwerthe Capitalisten, die ihr Vermögen in Gütern anzulegen willens sind.

Und nun fort mit den Majoratsplänen der Tutti Frutti, mit den ungeborenen Kinder des Verstorbenen, um schließlich ein Paar Worte über einen wirklichen Sprößling seines Geistes zu sagen, der in der Erzählung: “Acht Frühlings- und Sommertage aus dem Leben Mischlings,” auftritt. Sie füllt einen ziemlichen Theil des dritten Bandes und beinahe den ganzen vierten. Obgleich Goethe’s Mignon und Wilhelm Meister und andere Goethesche Figuren hier ihre leibliche Resurrection in vergröberter Gestalt zu beklagen haben, stehen wir doch nicht an, diese Novelle nicht allein dem Publicum, sondern auch den Novellisten von Handwerk zu empfehlen. Sie mögten Vieles daraus lernen können, und hauptsächlich, wie Jeder seine nächsten Umgebungen mit Glück novellistisch bearbeiten kann.

Aus: Ludolf Wienbarg: Zur neuesten Literatur. (1838)

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