Zu diesem vor kurzem verstorbenen talentvollen Dichter , geboren zu Paris am 11. Dezember 1810 , hat die zeitgenössische, französische Literatur eine ihrer edelsten Zierden verloren. In einem ihm von Edmund Texier gewidmeten Nachrufe heißt es unter Anderem: “Als Prosaiker hat Alfred de Musset einige Verwandtschaft mit Brantôme, von dem er die Anmuth und Leichtigkeit in seinen Erzählungen hat; an Bussy-Rabutin gemahnt der gallische Muthwille, und Marivaux hat ihm die zarte Lupe vererbt, durch die er die feinsten Fibern des menschlichen Herzens beobachtet. In seinen Novellen zeigt Alfred de Musset seine Meisterschaft in dem Ausmalen eines Gefühls oder einer Leidenschaft. So hat er die wahre Liebe jener Zwittergeschöpfe, in denen sich die Jungfräulichkeit des Herzens mit der Entehrung des Leibes paart, in “Frédérick et Bernerette” vortrefflich gezeichnet. Wohl hatte dieses Gemälde seine Vorgänger, z, B. in “Manon Lescaut”, ja, es hat sehr nahe Berührungspunkte mit “la Dame aux Camélias”; worin aber überragt die Novelle “Frédéric et Bernerette” alle ihre Schwestern? Das Thema ist ein ganz gewöhnliches Stück Pariser Leben: die Liebschaft einer Grisette mit einem Studenten. Das junge Mädchen hat mit einer unglücklichen Kindheit angefangen, bis ins fünfzehnte Jahr gemißhandelt, im sechzehnten verkauft, wurde sie dann in Gottes Namen auf die Straße geworfen. Hier lebte sie aus der Hand in den Mund, ging durch alle banale Diebeshändel die ganze Stufenleiter des Glücks und der Schande durch; gedankenlos stieß sie auf den wissensreichen Kopf eines Jünglings; die beiden Kinder haben sich einander geliebt, einander verlassen, dann wieder einander aufgesucht. Die Sorge für die Zukunft, eine vereitelte Partie, die väterliche Gewalt von seiten Frédérics , die gemeinen Sorgen um das tägliche Brod von seiten Bernerettes führen häufig genug Zerwürfnisse und Wiederaussöhnungen herbei; dann tritt der Vater dazwischen, die Liebende ist zum Opfer bereit, hat zweimal den Entschluß gefaßt, zu sterben, so Manon Lescaut, so die Anderen alle; die Geschichte bleibt dieselbe. Ob die Leidenschaften sich in ihrer Schlichtheit zeigen, wie in Alfreds Novelle, oder ob sie auf dem Kothurn, tragisch und furchtbar auftreten, wie in den Schöpfungen Prevosts , immer löst sich der Knoten mit dem Tode der büßenden Magdalene. Was den Liebhaber betrifft, der überlebt sie bisweilen, und oft lebt er glücklich und ohne Gewissensbisse. Das Alles ist im Grunde “sehr alt und bleibt immer neu”. Das große Verdienst Alfred de Musset’s besteht darin, daß er einfach, wahr, herzergreifend ist, wo so viele Andere in Empfindelei und Wortschwall verfallen. DaS Gepräge dieser Novelle ist das Hauptgepräge aller anderen Romane Alfreds. In seinen “Dramen und Sprüchwörtern” begegnet man wieder der ganzen Fülle jugendlich poetischer Frische, vereint mit den sprühend knatternden Antithesen, mit dem Kreuzfeuer der Geistesblitze, mit den üppig entwickelten Einzelheiten und der seinen Zeichnung der Personen. Der Dialog ist bezaubernd, und sind die Situationen auch nicht immer natürlich, so sind sie doch immer interessant.
Die Dramen Alfreds waren nicht für die Bühne verfaßt, und doch haben alle, die in Aufführung kommen, das Feuer der Rampe tapfer ausgehalten. Leset “l’André del Sarto, le chandelier, Il ne faut jurer de rien, Lorenzaccio, On ne badine pas avec l’amour, Les caprices de Mariaune”; beschauet alle diese Juwelen eines so reichen Schmuckkastens, und ihr werdet sie in einem Glanz des Styls und der Charakterzeichnung strahlen sehen, den ihr in den gefeiertsten Werken dieser Gattung vergebens sucht.
Schon seine prosaischen Werke würden Alfred de Musset den ersten Rang unter seinen Geistesgenossen sichern. Ja, wäre er Prosaiker gewesen, er hätte mit Merimée gemeinsam als Vertreter jenes französischen esprit gegolten, der von Tage zu Tage seltener wird; allein er war auch ein großer Dichter, und durch die Dichtkunst wird er in der Zukunft leben. Der Tod, der ihn wie Andrs Chevier, wie Byron, in der Jugend abgerufen hat, wird seinen Werken jene wehmüthige Färbung geben, die vielleicht poetischer ist, als der blendendste Glanz des Ruhmes. Der Schöpfer des “Rolla”, der “Nuits”, von “la Coupe et les Lèvres” wird sich der heiligen Schaar Virgils in den elyseischen Gefilden anschließen.
Hinter einer etwas stolzen Haltung und einem barschen Wesen, das hin und wieder in seinen Dichtungen und Romanen sich geltend macht, barg Alfred de Musset tiefes Gefühl, das sogar in Weichheit überging. Einer seiner hingehendsten und frühesten Freunde, dem er einige seiner Sonnette zugeeignet hat, Alfred Tattet, starb vor kaum einem halben Jahre, und Musset konnte der Beerdigung nicht beiwohnen. Vierzehn Tage später begegnete ich ihm. “Wie”, rief ich ihm zu, “Sie waren nicht bei der Leichenfeier unseres Freundes? Alle Blicke suchten Sie.” , “Wozu sagen Sie mir das”, war seine Antwort, “Sie wissen recht gut, daß, wenn ich hätte aufstehen können, ich nicht an dem Grabe gefehlt hätte. Uebrigens, aufgeschoben ist nicht aufgehoben.” Und dabei standen ihm die Augen voll Thränen. Jemand, der mich begleitete und Zeuge der lebhaften Bewegung des Dichters war, sagte überrascht: “Ich habe Rolla weinen sehen!”
Noch ein Wort zum Schlusse: Man hat es schmerzlich bemerkt, daß der Leiche des Dichters kaum hundert Menschen folgten. Unter dieser kleinen Schaar nahm man keinen jener unbekannten Freunde wahr, die gewöhnlich sich dem Trauerzug hinter einem berühmten Manne anschließen. O Jugend, die Alfred de Musset besungen hat, wo warst du an jenem Tage?”
Aus: Magazin für die Literatur des Auslandes. 18. Juni 1857 (Nr. 73)