“Dorothea Herzogin von Sagan” von Günter Erbe (Rezension)

Der von Günter Erbe im Böhlau Verlag erschienene Band “Dorothea Herzogin von Sagan (1793-1862). Eine deutsch-französische Karriere” zeichnet das Leben dieser Grand Dame nach, die an der Seite Talleyrands auch politisch wirkte. Ihr Einfluss auf politische Entscheidungen war dabei nicht aktiv, sondern vielmehr beratend im Sinne einer Egeria. Sie repräsentierte, führte einen Salon, schrieb Reden und wirkte als Vertraute und Ratgeberin des Ministers Talleyrands. Die Herzogin von Sagan zählte zur letzten Generation der Vertreter einer höfischen Tradition, die sich durch Geist, Esprit und Standesbewusstsein auszeichnete.

Erbe zeichnet in seiner kulturhistorischen Studie die wichtigsten Station des Lebens der Herzogin von Sagan nach: die Kindheit in Preußen, das Leben am französischen Hof, ihre politisch einflussreiche Rolle neben Talleyrand in Paris und London, schließlich die Rückkehr nach Deutschland. Dabei wird die Position der Grand Dame in der französischen, deutschen und englischen Aristokratie beleuchtet, aber auch der Austausch und ihre Beziehungen zu den führenden geistigen Persönlichkeiten ihrer Zeit (darunter Adolphe Thiers, Fürst Pückler, König Friedrich Wilhelm IV., Königin Augusta von Preußen, Liszt, Alexander von Humboldt) findet Beachtung.

Dorotheas Kindheit steht unter dem Einfluss der liberalen Ideen ihres Lehrers Piattoli und ihrer Erzieherin Hoffmann, die sich an Rousseaus Erziehungsmethoden hielt. Die Beziehung zur Mutter war unterkühlt, als leiblicher Vater gilt Alexander Batowski. Dorothea heiratete mit Edmond de Périgord, dem Neffen von Napoleons Unterhändler Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord, mit dem ihre Mutter ein intimes Verhältnis unterhielt, in den französischen Adel ein. Das politische Wirkungsstreben liegt den Damen der Familie Sagan offenbar im Blut. Dorotheas Schwester Wilhelmine wurde geheime Beraterin des Fürsten von Metternich und nahm Einfluss auf die Entscheidungen des Wiener Kongresses, indem sie zur Bildung einer Koalition gegen Napoleons Hegemoniebestrebungen beitrug. Dorothea selbst wirkte zunächst als Palastdame am Hofe Napoleons. Von ihrem verschwenderischen Ehemann, ein hedonistischer Dandy, der wegen hoher Spielschulden aus England und Frankreich verwiesen wurde, trennte sie sich bald, was einen Eklat in der französischen Salongesellschaft auslöste.

The Duke of Wellington. Mrs. Arburthnot. Prince Talleyrand. Count d'Orsay

The Duke of Wellington. Mrs. Arburthnot. Prince Talleyrand. Count d’Orsay

Dorotheas Onkel Talleyrand war ein Aristokrat alter Prägung. Er wahrte die Unnahbarkeit eines Dandys, die in seiner Position als Außenminister unter Napoleon und Botschafter unter Louis-Philippe äußerst nützlich war. Er brillierte im Gespräch und neigte zu Zynismus und Boshaftigkeit, was ihm den Ruf eines “politischen Roués” einbrachte. Er war ein Dandy klassischer Prägung, der 1828 mit Alfred d’Orsay den Cercle de l’Union Club gründete, einen Vorläufer des berühmten Jockey Club. Dorothea begleitete ihren Onkel zum Wiener Kongress, wo sie die an sie gestellte Aufgabe der Repräsentation dank ihres Geistes und Esprits glänzend erfüllte – besser, als es seine eigene Frau hätte tun können. Dorothea war für ihre Eleganz und ihre Schönheit wie auch für ihre rege Intelligenz noch im Alter berühmt.
Nicht zuletzt aufgrund des Eklats der öffentlichen Trennung von ihrem Mann und ihren leidenschaftlichen Affären wurde Dorothea von Sagan vom französischen Adel kritisch beäugt, was sie – an der Seite Talleyrands – in liberale Kreise führte. Als Talleyrand einen Botschafterposten in London erhielt, wurde er von Dorothea dorthin begleitet. Ihr Salon wurde zu einem der führenden Treffpunkte insbesondere liberaler Aristokraten und Dorothea stieg zur führenden Modedame Londons auf. Sie nahm in dezenter Form auch auf das politische Leben Einfluss, indem sie Talleyrands Briefe und Reden konzipierte. Als mit dessen Rückkehr nach Paris die politische Karriere Talleyrands endete, verringerte sich auch der soziale Einfluss von Dorothea. Wenngleich ihr Pariser Salon von zahlreichen Politikern frequentiert wurde, war Dorothea doch keine Anhängerin des Regimes von Louis-Philippe. Vielmehr fühlte sie sich dem Hochadel und dessen Privilegien und Werten verbunden.Überdies näherte sich Dorothea dem Katholizismus an. Nach dem Tode Talleyrands kehrte sie zunächst nach Berlin und schließlich auf ihr Herzogtum in Sagan zurück. Am Hofe des preußischen Königs Wilhelm IV. nahm sie eine bevorzugte Stellung ein und bewegte sich in diplomatischen Kreisen. Nachdem sie 1845 den Herzogtitel von Sagan verliehen bekam, widmete sie sich der Neugestaltung des Schlosses. Der Schloßpark, der unter der Ratschlägen des Dandys und Parkomanen Fürst Pückler entstanden war, galt bald als einer der schönsten und romantischsten Landschaftsgärten Deutschlands. 1851 ließ sie das Dorotheenhospital errichten, 1855 gründete sie die Dorotheenschule, so dass sich die Herzogin in der Bevölkerung großer Beliebtheit erfreute.
Ihre letzte große Liebe galt dem Dandy Fürst Felix Lichnowsky, der um zwanzig Jahre jünger war. Das Verhältnis wurde äußerst diskret behandelt, doch der in konstanten Geldsorgen lebende junge Mann, der politische Ambitionen hegte, wurde nur wenige Jahre später beim Sturm der Paulskirche als Sprecher der Rechten brutal ermordet. Dorothea ließ das Herz des Prinzen in Silber fassen und setzte es in der Schloßkirche in Grätz bei, wo das Schloss des Fürsten stand.

Erbe zeichnet anhand der Laufbahn Dorotheas die problematische Rolle von Frauen als Ratgeberinnen der Politik nach, die ihr eigenes Machtstreben nur befriedigen konnten, indem sie sich einem bedeutenden Mann unterordneten. Auch der Untergang der aristokratischen Werte und die unaufhaltsam zunehmende Bedeutung des Bürgertums wird anschaulich nachgezeichnet: in Frankreich der Bedeutungsverlust des Faubourg Saint-Germain zugunsten der Geldaristokratie der Chaussée d’Antin, in England die Situation nach der Reform Bill und insbesondere das Revolutionsjahr 1848, eine Zeit, in der Dorothea die reaktionären Werte vertritt, indem sie den Katholizismus in Schlesien zu stärken bemüht war und den politischen Konservativismus unterstützte. Mit diesen gesellschaftlichen Veränderungen und demokratischen Tendenzen ging auch ein Bedeutungsverlust der Salondame einher, denn politische Entscheidungen wurden fortan verstärkt im öffentlichen Raum in den Parlamenten gefällt.

Erbe widmet sich auch den literarischen Porträts Dorotheas, welche zugleich Spiegel jener Zeit sind. Talleyrand galt Chateaubriand, Hugo und Saint-Beuve beispielsweise als durchtriebener Aristokrat, Stendhal, Mérimée und Balzac dagegen als raffinierter Dandy. Balzac porträtierte Dorothea in der Marquise d’Espard, die als kalt, amoralisch und egoistisch dargestellt wird. Talleyrand wirkte auf die Gestaltung der Figur Henri de Marsay ein. Fürst Lichnowksy wurde von Heinrich Heine und Georg Weerth schließlich verspottet und letzterer verurteilte auch Dorothea aufgrund ihres angeblich lockeren Lebenswandels als moralisch suspekt.

Dandy-Freunden sei das Buch nicht zuletzt aufgrund der Darstellungen einiger bislang weniger bekannten Figuren empfohlen, darunter Fürst Felix Lichnowsky und Charles Boson von Talleyrand-Périgord, der Enkel Dorotheas, der den grauen Zylinderhut und das Fahrradfahren salonfähig machte und in diversen Maskierungen in Prousts Werk Einzug hielt.

Melanie Grundmann

Dr. Melanie Grundmann ist Kulturwissenschaftlerin und beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem Phänomen des Dandys. Sie hat mehrere Bücher, Aufsätze, Artikel und Vorträge zum Dandyismus und angrenzenden Themen verfasst.

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