Monica Millers Slaves to Fashion (Rezension)

Slaves to Fashion: Black Dandyism and the Styling of Black Diasporic Identity

Slaves to Fashion: Black Dandyism and the Styling of Black Diasporic Identity

Monica L. Miller legt mit “Slaves to Fashion. Black Dandyism and the Styling of Black Diasporic Identity” die erste umfassende Studie über den ‘black dandyism’ vor. In einem historischen Ablauf verfolgt sie die Konstruktion und Dekonstruktion einer modernen schwarzen Identität vermittels der Kleidung. Darin liegt zugleich die Schwachstelle der Untersuchung: Sie ruft den Eindruck hervor, der Dandy definiere sich einzig über die äußere modische Erscheinung. Der Dandy wird zum bloßen Kleiderständer degradiert. Die intellektuelle Bedingtheit des Dandys im Sinne einer geistigenÜberlegenheit, die ihren Ausdruck nicht nur in der Kleidung, sondern auch im Gebaren, Sprachgebrauch und den ästhetischen Präferenzen findet, gerät dabei in den Hintergrund. Problematisch ist ohnehin eine fehlende Definition des Dandys zu Beginn der Untersuchung.

Im ersten Teil der Studie widmet sich Miller den schwarzen Sklaven der englischen Oberschicht des 18. Jahrhunderts als früheste Form eines modernen schwarzen Dandytums. Diese galten ihren Besitzern als Luxusgegenstände und wurden nach der neuesten Mode gekleidet. Sie wurden quasi dandifiziert, was sich am deutlichsten in der Bezeichnung “mungo macaroni” widerspiegelt. Diese schwarzen Dandys gerieten zunehmend in das Blickfeld der Öffentlichkeit, wie zahlreiche Karikaturen des mungo macaroni belegen.Überdies formierte sich bereits Mitte des 18. Jahrhunderts eine schwarze Gemeinschaft mit aktivem sozialen und politischen Leben in England. Vorbild der Karikatur des mungo macaroni war Julius Soubise, der schwarze Begleiter der Duchess of Queensberry, der freilich über den Status eines bloßen Sklaven hinausgewachsen war. Die Duchess behandelte ihn wie einen Adoptivsohn und ließ ihn ausbilden. Reiten und Fechten lernte er beispielsweise bei dem berühmten italienischen Meister Domenico Angelo. Soubise stand Künstlern Modell und musizierte. Schließlich wurde er zum fop und akzeptierten Mitglied der fashionablen Gesellschaft, nahm sich eine Loge in der Oper und war Mitglied diverser fashionabler Clubs, darunter des Macaroni Club, wo er als “gayest of the macaronis” bekannt war. 1777 wurde Soubise schließlich ins Exil nach Kalkutta geschickt, vermutlich nachdem er eines der Hausmädchen der Duchess vergewaltigt hatte. In Kalkutta eröffnete er seine eigene Reit- und Fechtschule. Das Dandytum wird hier durch elegante Kleidung und einen hedonistischen Lebensstil definiert. Streng genommen gab es den Dandy im 18. Jahrhundert noch gar nicht, sondern einzig seine Vorläufer, den fop, swell oder macaroni, als der auch Soubise zu bezeichnen ist.

Während die englischen Sklaven eher als Luxusartikel zu betrachten waren, dienten die US-amerikanischen Sklaven einzig der Arbeit. Dandyhaftes Auftreten war, laut Miller, insbesondere zu drei Ereignissen zu beobachten: Festivals wie Negro Election Day und Pinkster sowie das Blackface Minstrel Theater. Die beiden Festivals erlaubten es Sklaven, in festlicher Kleidung an Paraden und Tänzen teilzunehmen. Im Blackface Minstrel Theater wurden Schwarze zunächst von Weißen karikiert – die berühmtesten Figuren sind George Washington Dixons Zip Coon sowie Barney Burns Long-Tail Blue. Ein Dandytum ist in diesen Verkleidungen nicht zu erkennen.

Nach der Karikatur des schwarzen “Dandys” im Minstrel Theater, hielt die Figur zunehmend Einzug in die Literatur, unter anderem bei Harriet Beecher Stowe, Herman Melville und Mark Twain. Während der Dandy in Stowes “Uncle Tom’s Cabin” die Rassen-, Klassen- und Geschlechterkategorien, auf denen die amerikanische Identität gründet, noch unwissentlich herausfordert, erfolgt dieser Prozess bei Melvilles “Benito Cereno” und Twains “Pudd’nhead Wilson” bewusst.

Nach der Abschaffung der Sklaverei fand der Weg in die Freiheit auch in der Kleidung Ausdruck: im Angesicht der Unterdrückung symbolisierte die Kleidung Würde. Die Aufmachung war zugleich eine Hommage an afrikanische Traditionen der Statusdarstellung, wie sie unlängst auch bei den Sappeuren des Kongos dokumentiert wurde. Diese Visualierung diente nicht zuletzt dem Finden einer diasporischen Identität, die natürlicherweise kosmopolitisch geprägt ist. Dies impliziert zugleich den dynamischen Charakter von Identität: sie ist wandelbar und damit ist auch die Rasse eine Fiktion. Die Weißen fühlten sich von dem wachsenden Selbstbewusstsein der Schwarzen bedroht und erließen Gesetze, die es diesen verboten, sich extravagant zu kleiden.

Ein genuin schwarzes Dandytum, das dem intellektuellen Anspruch der Figur gerecht wird, setzt erst mit den schwarzen Künstlern der Harlem Renaissance ein. Miller widmet sich in einem Kapitel W. E. B. Du Bois, in dessen Vision “men who were – different” an der Spitze der schwarzen Identitätsfindung standen. Du Bois sah den Schwarzen als “lady among the races”, der diese weibliche Rolle jedoch männlich ausfüllte und neue politische und kulturelle Ziele an Amerika stellte. Der feminine Aspekt resultiere aus typisch schwarzen Charakterzügen wie einem angeborenen künstlerischen Talent, eine sinnenfreudige Natur sowie ein Sinn für Schönheit, insbesondere in Bezug auf Geräusche und Farben. In Dark Princess verwandelt Du Bois den femininen Mann in einen Dandy, der paradoxerweise zum Symbol von Demokratie und Freiheit wird, paradox weil der Dandy in seinem Elitedenken die Demokratie eigentlich verabscheut. Du Bois formuliert eine Theorie, die Kultur und Politik verbindet. Du Bois’ Dandy strebt nicht nur nach Schönheit sondern nach dem Recht auf Schönheit.
Die Harlem Renaissance führte zu einer Veränderung der Selbst- und Fremdwahrnehmung der Schwarzen. So entstand die “new Negro attitude” und “New Negro dandies erupted everywhere”. Wenngleich diese sich selbst nicht als solche sahen, konnten sie doch, so Miller, aufgrund ihres neuen experimentellen Ethos, den sie durch ihren Stil kommunizierten, als solche gelten. In Harlem wurden durch elegante und spielerische Selbstdarstellungen neue Identitätsmöglichkeiten erkundet. Die schwarze Identität gewann an Selbstbewusstsein und im Theater fanden sich zunehmend Alternativen zu den bisher degradierenden Darstellungen der Afro-Amerikaner.
Wallace Thurmans Infants of the Spring verweist letztlich jedoch auf das Scheitern der Harlem Renaissance; die Unmöglichkeit, die eigene Individualität mit der Gruppenidentität zu vereinen sowie Authentizität mit der Vielfalt der afroamerikanischen Ästhetik. Am Ende steht die Erkenntnis, dass die moderne schwarze Identität gerade durch ihre Heterogenität besteht und entschieden kosmopolitisch ist.

Miller beendet ihre Studie mit einer Untersuchung schwarzer Dandys in der zeitgenössischen Kunst, wobei sie sich primär Fotografen (Isaac Julien, Sunil Gupta, Yinka Shonibare, Iké Udé) widmet, deren bevorzugtes Medium das Selbstporträt ist. Dandysmus bedeutet hier einen schwarzen Narzissmus. Die Eigenliebe wird zum Widerstand gegen die Tyrannei des Durchschnittlichen. Der Spiegel wird zum Ort der Kontemplation und der Dandy zum Ausgangspunkt der historischen und diasporischen Studie der schwarzen Identität in einem ästhetischen Rahmen. Die Behauptung eines unabhängigen Selbst wird insbesondere in einer Welt der Massenmedien nahezu unmöglich. Udés Dandysmus ist beispielsweise ein ironisches Spiel mit den Erwartungen der Konsumgesellschaft. Seit 1995 gibt der Künstler das Magazin aRUDE: The index of elegance heraus. Auch Shonibare wählt die subtile Art des Protests: “Yes, okay, I’m here to protest… but I am going to do it like a gentleman. It is going to look very nice.” Sein Dandysmus kommt am deutlichsten in den fotografischen Serien “Diary of a Victorian Dandy” (1998) sowie “Dorian Gray” (2001) zum Ausdruck.

Fazit: Millers Studie wirft ein interessantes Licht auf ein bislang völlig vernachlässigtes Gebiet, kann jedoch unter dandystischem Gesichtspunkt nicht voll bestehen. Problematisch ist hier nicht nur dieÜberbetonung, ja nahezu die Beschränkung des Dandytums auf den Aspekt der Kleidung sondern, damit zusammenhängend, eine fehlende Definition des Begriffs Dandy überhaupt, die angesichts der Behauptung eines bislang völlig unerforschten schwarzen Dandytums, unabdingbar wäre. Miller erweckt den Eindruck, das Anlegen eleganter Kleidung sei allein schon ein Kriterium für den Dandy. Noch schwieriger wird es mit der dadurch zusammenhängenden Identitätsbildung. Miller begreift das Styling als Prozess der Aneignung einer Rolle. Der Dandy ist hingegen nicht auf der Suche nach einer Rolle, sondern ist sich dieser bereits äußerst bewusst. Die Kleidung ist “lediglich” visuelles Symbol seiner geistigenÜberlegenheit. Insofern wäre es Millers Studie besser bekommen, wenn sie den Begriff des Dandys ausgespart hätte und einzig von der Rolle der Kleidung bei der Bildung der schwarzen modernen Identität gesprochen hätte.

Melanie Grundmann

Dr. Melanie Grundmann ist Kulturwissenschaftlerin und beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem Phänomen des Dandys. Sie hat mehrere Bücher, Aufsätze, Artikel und Vorträge zum Dandyismus und angrenzenden Themen verfasst.

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1 Response

  1. Oktober 21, 2013

    […] but I would argue that this is plain and simple a business. I have argued elsewhere that Miller’s term “black dandyism” is highly problematic as she never provides a clear definition of what it is and as it is described mainly as preoccupied […]

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