Die österreichische Presse schreibt heute unter anderem über Thomas Bernhards Dandytum:
»H.C. Artmanns Nachruf beschäftigte sich dagegen mit Bernhards Dichter-Habitus im Österreich der Fünfzigerjahre. Thomas Bernhard wird von ihm als “ein Dandy bis in den Tod” vorgestellt, und zwar als einer “wie Oscar Wilde, keiner im abgewerteten Sinn von heute. Dandy sein ist eine Zeremonie. Der echte Dandy ist ein strikter Ästhet – zwar ständig umgeben, aber kein Gesellschaftsmensch. Er düpiert die Leute, die ihm hinten hineinkriechen.”
Vor dieser idealtypischen Bestimmung des Dandy nimmt sich der konkrete Fall so aus: “Thomas Bernhard war – wie Rilke – gern in blaublütiger Gesellschaft. Er hat sich den leicht homophilen Aristokratenschmäh unseres gemeinsamen Freundes Gerhard Lampersberg kunstvoll zu eigen gemacht. Aber er war nie der Wurstel oder Clown der Aristokratie. Wir kannten einander seit den Fünfzigerjahren. Er war gerade zwanzig und der eleganteste Bursche von Wien. Wir sind wie die letzten Pariser Existenzialisten dahergeschlurft, in Schnürlsamt, selbergemachten Jeans und Herrgottsandalen. Er hingegen war ein Gent, fantastisch angezogen – eleganter als Wolfgang Hutter, und der galt als Maßstab. Er war eine fantastische Erscheinung.Nicht schön, aber einMensch von Haltung.Die literarische Szene in Wien war damals dreigeteilt: Die Gruppe um Hans Weigel, wir – Ossi Wiener, Konrad Bayer, Gerhard Rühm, Ernst Jandl und ich – und schließlich er, Thomas Bernhard. Absolut unabhängig, keinem Menschen als seiner Tante und dem Ehepaar Lampersberg verbunden.” Einige der Wiener Surrealistengruppe hätten Bernhard gar einen “Exklusivsandler” genannt, fügt Artmann hinzu.
Psychologisch ist es nicht allzu schwer zu verstehen, dass sich der als uneheliches Kind in armen und äußerst beengten Verhältnissen Geborene zu aristokratischem Habitus und einem entsprechenden Wohn- und Lebensstil hingezogen fühlte. Entscheidender scheint mir, dass Thomas Bernhard in seinem Werk entsprechende Interieurs großbürgerlicher-aristokratischer Lebensverhältnisse einsetzt, vor allem aber: dass seine Kritik der Massengesellschaft, des Durchschnittlichen demokratischer Verhältnisse, seine Verachtung des Kleinbürgerlichen und Provinziellen im Gestus des Aristokratisch-Elitären vorgebracht wird. Auch viele von Bernhards außerliterarischen Interventionen verdanken ihre Provokationskraft dieser Attitüde; bezeichnenderweise gab es die heftigen Gegenreden zu Bernhard nie aus einem, sondern aus jedem politischen Sektor der Öffentlichkeit.«
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