Rezension: “Masculin Singulier. Le dandysme et son histoire”

Marylène Delbourg-Delphis erarbeitet in ihrer Studie “Masculin Singulier. Le dandysme et son histoire” die zentralen Wesensmerkmale des Dandys und damit ein semiotisches System zu dessen Einordnung. Das Hauptaugenmerk liegt auf der französischen Traditionslinie der Figur. Den Beginn des Dandytums setzt sie gegen Ende des 17. Jahrhunderts an, als erstmals Individuen in Erscheinung traten, wo vorher noch Typen zu beobachten waren wie etwa die “mignons” Heinrichs III., die “plumets” und ” petits-maitres” während der Fronde, die “roués” und “talons-rouges” zur Zeit der Régence oder schließlich die “mirliflores” und “muguets” unter Ludwig XVI.

Masculin Singulier

Masculin Singulier

Bis ins 19. Jahrhundert schließt sich dann eine Abfolge verschiedenster Generationen des individualisierten Dandytums an: von den “muscadins” über die “incroyables”, “lions”, “gandins” bis zum “décadent”. Mit Brummell und Byron setzte ein Kult des Selbst ein, der zu einem neuen Stoizismus führte und zu einer geistigen Aristokratismus, der sich über die Aristokratie mokierte. Angesichts einer um sich greifenden Mittelmäßigkeit rettete sich der Dandy in die Frivolität, um seiner Einzigartigkeit Ausdruck zu verleihen. Die Vergeistigung des Dandytums zeigt sich nicht zuletzt in Zeitschriften wie “Le Cocodès”, die um 1865 gegründet worden war, nachdem sich der Begriff um 1863 zur Beschreibung einer ennuierten Person eingebürgert hatte. 1885 gründete Anatole Baju das Journal “Le Décadent” und gab einer neuen Generation ihr Organ. Um 1900 bildete sich die letzte geschlossene Generation des Dandytums, eine neo-klassische umgeben von Max Beerbohm, Osbert Sitwell und Cecil Beaton. Danach, so Delbourg-Delphis, gab es keine Normen mehr, die der Dandy übertreten konnte und so blieben nur zwei Möglichkeiten: sich in die Tat und das Abenteuer zu stürzen oder in Nihilismus zu verfallen. Gertrude Stein bezeichnete diese Dandys als verlorene Generation.

Nach diesem geschichtlichen Abriss wendet sich die Autorin der Semiotik des Dandys zu. Zu den bewährten Erkennungszeichen der Figur zählen Ennui, Verachtung, Indifferenz, Ironie und Maskerade. Literarische Vorlagen fließen in die Identitätsbildung ein. So bekannte Oscar Wilde, die wichtigsten Einflüsse seiner Jugend seien Lucien de Rubempré und Julien Sorel gewesen, während Jean Cocteau wiederum Dorian Gray für sein ruinöses Leben verantwortlich machte. So schuf sich der Dandy, der die Ehe verabscheut, seinen eigenen geistigen und vermittels der Salons auch sozialen Familienersatz.

Der modischen Erscheinung des Dandys, die seine geistige Überlegenheit nach außen trägt, widmet Delbourg-Delphis ein weiteres Kapitel. Jedes Kleidungsstück hatte seinen Meister: die Anzüge wurden von Staub und Pool geschneidert, der Gehrock von Uhlendorff, die Handschuhe von Boivin oder Perry; die Gehstöcke und Reitpeitschen waren von Verdier angefertigt, der Schmuck von Lecointe, die Schuhe von Herman Gay und Sakovski, die Hüte von Bandoni und die Krawatten schließlich von Charvet. Das Originalitätsstreben des Dandys führte zur Detailversessenheit: Während Lord Seymour graugelbe Handschuhe trug, waren die von Baudelaire roséfarben; Wilde trug sie grau, Barbey d’Aurevilly weiß und Roger de Beauvoir strohgelb. Alfred d’Orsay wechselte seine mindestens sechs Mal täglich.

Das Junggesellendasein des Dandys führt die Autorin auf dessen Angst vor häuslicher Ingefangennahme zurück. Der Dandy vergnügte sich lieber mit Kurtisanen, die sein Bedürfnis nach Unabhängigkeit teilten. Als Zölibatär verweigerte sich der Dandy den Reproduktionserwartungen einer Gesellschaft, der er nur mit Verachtung entgegentreten konnte. Um 1890 sammelten sich in Paris schließlich Dandys mit homosexuellen Neigungen, da Frankreich eine im Gegensatz zu England und Deutschland liberalere Gesetzgebung aufwies. Psychoanalysten wie Magnus Hirschfeld sprachen vom “dritten Geschlecht” der “degenerierten” Ästheten.

Während das Dandytum in England hauptsächlich in den Salons verkehrte, lebte es sich in Frankreich offener. Zu den Treffpunkten der Dandys zählten das Café de Paris, Café Riche, Café Hardy sowie Tortoni. Doch auch in den eigenen vier Wänden ist der Dandy bestrebt, seine Einzigartigkeit zu dokumentieren. So erhob er die Innenarchitektur zur Kunst, parallel zur Bekleidung des Selbst. Perfide Details und außergewöhnliche Unikate spiegeln die Originalität des Dandys. Robert de Montesquiou beispielsweise widmete eines seiner Zimmer dem Mond.

Das Buch endet mit einem Ausblick auf den Dandy des 20. Jahrhunderts, dessen Existenz als zunehmend schwierig und tragisch erscheint.

Fazit: Ein gelungener Überblick über das Wesen des Dandys und die französische Existenzweise der Figur. Biografische Details zu führenden Vertretern findet man in diesem Buch jedoch nicht, diese sind aber an anderen Stellen bereits erschöpfend und wiederholt abgehandelt worden.

Marylène Delbourg-Delphis: “Masculin Singulier. Le dandysme et son histoire.” Hachette 1985.

Melanie Grundmann

Dr. Melanie Grundmann ist Kulturwissenschaftlerin und beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem Phänomen des Dandys. Sie hat mehrere Bücher, Aufsätze, Artikel und Vorträge zum Dandyismus und angrenzenden Themen verfasst.

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