Das weiße Buch


Das weiße Buch von Rafael Horzon darf symbolisch verstanden werden: Es präsentiert sich als Rückblick auf das eigene Leben und das Weiß erweist sich als völlige Freiheit in der Lebensgestaltung. Der Autor macht sich frei von allen Konventionen und vorgebildeten Meinungen, um “Die Neue Wirklichkeit” zu realisieren. Diese macht sich unabhängig von “tyrannisierenden Regeln” und fordert dazu auf, selbst zu bestimmen, wie die Welt zu sehen und wie darin zu leben ist. Horzon geht es um Selbstverwirklichung. Die gewollte Einflussnahme der eigenen Ideen spiegelt sich in der Aussage des Autors, zur wichtigsten intellektuellen Figur des 21. Jahrhunderts aufsteigen zu wollen.

Die neue Wirklichkeit ruft dazu auf, “interessante Dinge zu tun, die keine Kunst sind”. Ob sich Horzon als Dandy sieht, ist uns unbekannt. Doch seine Lebensphilosophie erweist sich als, zumindest in Zügen, als dandystisch. Horzon verbittet sich, ein Künstler genannt zu werden. Das wäre ihm zu einfach. Die kurze Episode seiner Galerie Berlintokyo, in welcher er die Kunstwelt ad absurdum führte, zeugt davon. Vielmehr wird das Leben, durch die Aneignung kompromissloser Freiheit, die sonst nur in der Kunst als legitim erachtet wird, zur Kunst. Man denke da an die Selbstverständlichkeit, mit der Horzon seine Wissenschaftsakademie gründet, um die Neue Wirklichkeit durchzusetzen und der Aufruhr, in den der Berliner Wissenschaftsbetrieb damit versetzt wird. Oder die Verwendung des Rededeutsch, einer Vereinfachung der deutschen Sprache in zehn Regeln (Beispiel: “Einfach regels fuer zusammenleben von gluecklich menschs”), die von diversen Adressaten gekonnt ignoriert wird. Das weiße Buch erinnert überdies an Joris-Karl Huysmans’ A rebours, das als das “gelbe Buch” in Oscar Wildes Dorian Gray auftaucht und Symbol der Korruption der Jugend ist, als welches auch Horzons Buch gelesen werden kann, denn die Realisierung der Neuen Wirklichkeit setzt die herkömmlichen gesellschaftlichen Regeln außer Kraft. Horzons Beteiligung am Berliner Club Pelham, “benannt nach Bulwer-Lyttons bekannter Romanfigur” bestätigt den dandystischen Einschlag des Autors. Zuletzt erweist sich auch der Stil dieser propagierten Autobiografie als dandystisch, denn der Erzähler verwirrt mit Masken und Absurditäten, die ein Unterscheiden von Realität und Fiktion unmöglich machen. Das weiße Buch steckt voll amüsanter Kuriositäten – von der Kopfkrawatte bis zu lateinischen Dialogen im Englischen Garten. Enttäuschung macht sich lediglich gegen Ende des Buches breit. Die vorerst letzten Stationen seines Lebens handelt Horzon in stichpunktartigen Abschnitten ab, als hätte der Autor die Lust am Schreiben verloren. Vermutlich lockte schon das nächste Projekt im rastlosen Leben des Rafael Horzon…

Rafael Horzon: Das weiße Buch. Suhrkamp 2010.

Melanie Grundmann

Dr. Melanie Grundmann ist Kulturwissenschaftlerin und beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem Phänomen des Dandys. Sie hat mehrere Bücher, Aufsätze, Artikel und Vorträge zum Dandyismus und angrenzenden Themen verfasst.

You may also like...

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>