Rezension: Die Austern des Monsieur Balzac

Anka Muhlstein: “Die Austern des Monsieur Balzac: Eine delikate Biografie.”

Anka Muhlstein: “Die Austern des Monsieur Balzac: Eine delikate Biografie.”

Anka Muhlstein lädt mit “Die Austern des Monsieur Balzac” zu einer faszinierenden kulinarischen Reise durch das romaneske Œuvre des Autors und bietet zugleich spannende Einblicke in die (Ess-)Kulturgeschichte der Stadt Paris nach der Julirevolution. Das Essen wird bei Balzac zum Bedeutungsträger und zum Symbol der sozialen Verortung sowie der charakterlichen Verfassung seiner Protagonisten. Da Balzac darüber hinaus keine Lokale erfindet, sondern seine Figuren, dem realistischen Stil entsprechend, in den zu seiner Zeit tatsächlich existierenden Restaurants, Cafés und Feinschmeckerläden verkehren lässt, eröffnet sich dem Leser jene Epoche ganz unmittelbar. Auswärts zu dinieren war eine relativ neue Angelegenheit, denn die Restaurants entstanden erst nach der Französischen Revolution und sprossen nur so aus dem Boden hervor. Infolgedessen wurde die Gastronomie beherrschendes Thema jener Epoche, was sich schließlich auch in der Literatur niederschlug. Köche wie Carême, Ude oder Francatelli genossen hohe Berühmtheit und arbeiteten für Könige, Zaren, ranghohe Politiker und reiche Aristokraten. Eine exquisite Küche war Mittel der Distinktion und des sozialen Aufstiegs. So gewinnt bei Balzac der Blick auf den Teller soziologische Aussagekraft.

Balzac, der sich zwar gern als Dandy gab, doch mehr schlecht als recht in dieser anspruchsvollen Kunst reüssierte, war zumindest in seinen Ansprüchen an ein Festmahl vorbildhaft. Dieses hatte in seinen Augen nicht den Gaumen zu befriedigen, sondern es sollte vielmehr der Prachtentfaltung dienen und ästhetisch anspruchsvoll angerichtet sein.
Balzac selbst lebte in Extremen. Wenn er arbeitete, dann exzessiv, in langen Nächten, mit viel Kaffee und bei asketischer Ernährung. Danach: Völlerei. Stets in Geldnot belohnte er sich nach Ablieferung eines Manuskripts mit einem Festmahl in einem der angesagten Pariser Restaurants und ließ die horrende Rechnung direkt an seinen Verleger schicken. Auch seine Romanfiguren dinieren in den besten Lokalen, vorrangig im Véry und im Rocher de Cancale. Das Véry, gelegen am Palais-Royal, galt als eines der besten und elegantesten Pariser Restaurants. Hier speisen die Dandys Lucien de Rubempré und Eugène de Rastignac. Nach 1830 verliert das Palais-Royal an Attraktivität zugunsten des Boulevard des Italiens, wo das das Café de Paris, das Café Anglais, das Café Hardy, das Café Riche u.a. ihre Pforten öffneten. Im Café Anglais und im Café de Paris gesellen sich Henri de Marsay und Maxime de Trailles zu den beiden zuvor genannten Dandys. An den Tafeln, im Rausch und in der Hitze der Genüsse entscheiden sich oftmals die weiteren Handlungsverläufe der Erzählungen. So wird das Essen zum Dreh- und Angelpunkt der Erzählstruktur.
Nicht alle Protagonisten Balzacs speisen jedoch außer Haus. Auch die heimischen Esszimmer geben dem Autor Gelegenheit zu Charakterstudien und Konfliktsituationen. So verweist die Art des gedeckten Tischs auf den Reichtum, die Armut, den Geiz oder die Liebenswürdigkeit einer Figur. Auch die Hausangestellten und die Lieferanten werden von Balzac ausführlich illustriert – zumeist als Diebesbande, je nach Aufmerksamkeit des Hausherrn bzw. der Hausherrin.

Völlerei ist bei Balzac den Männern vorbehalten und fungiert grundsätzlich als Kompensation, meist für eine enttäuschte oder unerfüllte Liebe. Auch die Metaphorik der Liebe erstreckt sich weitgehend auf den Bereich des Essens. Da wird eine Frau schon einmal mit einer Tortenpyramide verglichen und die Sehnsucht nach dem oder der Geliebten gleicht oftmals einem Hunger. Eine von Balzacs Protagonistinnen hungert sich nach einer enttäuschten Liebe gar zu Tode.

So wandert Balzac auf kulinarischen Pfaden von jung zu alt, von arm zu reich, vom Glück ins Elend. “Die Austern des Monsieur Balzac” ist vielleicht weniger eine “delikate Biografie”, wie der Untertitel suggeriert, denn die Informationen über Balzac selbst spielen eine eher marginale Rolle. Vielmehr ist es ein kulinarischer Streifzug durch das nicht gerade schmale Œuvre des Romanciers, das einen ganz besonderen Blick auf die Aussagekraft wirft, die Balzac dem Umgang mit der Tafel und dem Essen zuschreibt. Darüberhinaus ist es ein spannendes Stück Kulturgeschichte, das die Zeit der Julirevolution, das Paris um 1830, auf höchst ansprechende Art wieder aufleben lässt.

Anka Muhlstein: “Die Austern des Monsieur Balzac: Eine delikate Biografie.” Arche Verlag, 2011.

Melanie Grundmann

Dr. Melanie Grundmann ist Kulturwissenschaftlerin und beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem Phänomen des Dandys. Sie hat mehrere Bücher, Aufsätze, Artikel und Vorträge zum Dandyismus und angrenzenden Themen verfasst.

You may also like...

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>