Stendhal – Ein Dandy avant la lettre

Stendhal in 1807, attributed to Quenedey.
Stendhal in 1807, attributed to Quenedey.

Stendhal ist nur eines, wenngleich das bekannteste, der zahlreichen Pseudonyme von Marie Henri Beyle (1783-1842), in denen sich das dandystische Spiel mit den Masken enthüllt. 1800 ging Stendhal nach Italien, um Napoleon im Italienfeldzug zu unterstützen. Ab 1803 war er in Paris, studierte und nahm am gesellschaftlichen Leben teil. 1805 kam Stendhal nach Marseille, um ein Geschäft zu eröffnen. Er hoffte, so genug Geld zu verdienen, um sich sorgenfrei der Kunst und der Literatur widmen zu können. Der Erfolg blieb jedoch aus und Stendhal begab sich 1806 erneut in die Dienste der Armee. Er reiste nach Deutschland, wo er bis 1808 blieb. Ein Jahr darauf wurde er in das besetzte Wien berufen. 1811 reiste er nach Italien und war von der Natürlichkeit und dem Lebensgenuss des Landes und seiner Einwohner gefesselt. Rom, Neapel und Paris waren Städte, in denen er Gleichgesinnte fand. 1812 nahm Stendhal am Russlandfeldzug teil, ein Erlebnis, das angesichts der Barbarei des Menschen wie des Krieges dauerhafte Spuren in ihm hinterließ. Stendhal lebte mehrere Jahre in Italien, bis er 1821 verbannt wurde, da er infolge seiner offenherzigen Äußerungen im Verdacht stand, mit italienischen Widerstandskämpfern zu kooperieren. Metternich versagte ihm daraufhin den Konsulposten in Triest. Nach einigen Jahren in Paris wurde Stendhal 1830 zum Konsul von Civitavecchia ernannt und kehrte nach Italien zurück.

Stendhal (1840), Johan Olaf Sodermark (1790-1848)

Auch wenn es zu seinen Lebzeiten noch niemand so recht erkannt hatte, war Stendhal eine der führenden geistigen Persönlichkeiten seiner Zeit. Er war überdies ein moderner Kosmopolit und Dandy. Den Begriff ‘Dandy’, den Stendhal synonym zu dem des ‘fat’ verwendete, war zu seinen Zeiten noch negativ konnotiert. Stendhal assoziierte damit Blasiertheit, Gleichgültigkeit, Kälte und Eitelkeit.  Stendhal und seine Helden stellen sich dagegen als überlegene Erscheinungen dar, die genau das definieren, was Barbey d’Aurevilly und Baudelaire später als ein sublimes Dandytum konzipierten. Stendhal nutzte ein semantisches Feld der Superiorität, basierend auf den Begriffen ‘singulier’, ‘supériorité’, ‘sublime’, ‘esprit’, womit er das Bild des sublimen Dandys lange vor dessen theoretischer Konzeption  heraufbeschwört, freilich ohne diesen als solchen zu bezeichnen. Er schuf so das Konzept eines ‘homme supérieur’, eines Ausnahmemenschen.

Stendhal selbst kümmerte sich nicht in übertriebenem Maße um sein äußeres Erscheinungsbild. Nichtsdestotrotz gibt es vereinzelt Tagebucheinträge, die ein gewisses Stutzertum erkennbar werden lassen:

Jabot, Krawatte, Weste gut; das Haar nicht in genialer Fülle, da ich es mir mittags hatte schneiden lassen. Im ganzen muß ich auf sie den Eindruck der Pariser Eleganz gemacht haben. 

Die Pariser Eleganz, das waren die Stutzer und Gecken des 19. Jahrhunderts. 1805 träumte Stendhal davon, sich zu einem “glänzenden Gecken” zu entwickeln. In seinem Tagebuch ermahnt er sich, die Vorschriften der Geckenhaftigkeit, der “fatuité”, zu befolgen. Mit diesem doch recht harmlos anmutenden Ruf kontrastiert die erschreckende Wirkung von Stendhals Geisteshaltung in der Gesellschaft. Louis Desroches sagte über Stendhal: “Il avait sans cesse à la bouche les noms des triomphateurs de la galanterie: les Lauzun, les Buckingham, les Casanova, les Richelieu”. Stendhal reiht sich so bewusst in die Tradition der charmanten Ahnen des Dandys ein. Er war eine Art Mittlerfigur: Ideell noch stark im 18. Jahrhundert verwurzelt und zugleich seiner Zeit weit voraus. Stendhal galt als gefährlich und böse, nicht zuletzt, da man seine Späße für kaltblütige Behauptungen hielt. Stendhal übernimmt die Rolle des Dandys, der die Gesellschaft unterhalten will. 

Um jedoch auf Stendhals äußeres Erscheinungsbild zurückzukommen, sei folgendes Zitat angeführt:

mir scheint, die einzige mir entsprechende Eleganz ist die in der Art von Buck: Lederhose, Stulpenstiefel, frische Wäsche, sehr neue Röcke, schöne Uhr, große Bequemlichkeit zur Schau stellen, die auf Reichtum schließen läßt: die Haltung, die Bewegungen eines Mannes, der sich über alles hinwegsetzt [...] Mein Stil wird dadurch eine besondere Note bekommen, daß er sich ein wenig über jeden lustig macht, er wird gerecht sein und nicht einschläfern.

Stendhal bezeichnet sich hier als Buck und bezieht sich damit womöglich direkt auf Brummell, der seinerzeit sowohl als Beau Brummell wie auch als Buck Brummell, nicht aber als Dandy, bezeichnet wurde. Stendhal schrieb diese Tagebuchaufzeichnung 1808, also zu der Zeit, als Brummell in London noch glänzte. Das Wesensmerkmal ‘große Bequemlichkeit zur Schau stellen’ enthüllt die dandystische Lässigkeit und erweckt den Anschein des Reichtums, eine Kunst, die der Dandy beherrschen muss. Auch die Tatsache, dass Stendhal im Café Hardy und im Café Anglais verkehrte und sich bei seinem Schneider verschuldete, deutet auf seine fashionable Seite hin.

Was den Dandy, also den ‘homme supérieur’, wie er von Stendhal konzipiert wurde, von den Gecken unterscheidet, ist die geistige Überlegenheit. Dass sich Stendhal vom reinen Stutzertum distanzieren wollte, belegt ein Brief an Edouard Mounier, in welchem er schrieb “es wurmt mich, geckenhaft zu sein, ohne es zu ahnen, da ich nichts so platt finde wie dieses Gebahren [sic!]“.

Stendhal berichtet von seinen Ängsten, mit diesen Modenarren verglichen zu werden, “die immer Komödie spielen”, denen es also am existentialistischen Ernst der dandystischen Rolle mangelte. Diese Angst kann im Grunde nur daher rühren, dass sich diese beiden Typen äußerlich zunächst nicht unterschieden, da die Selbststilisierung bei beiden eine wichtige Rolle spielte. Der Unterschied offenbarte sich erst im Gespräch und im Gebaren und war damit charakterlicher und geistiger Natur. Stendhal sah sich selbst als Geistesaristokraten, der den Künsten zugewandt war und sich über die Gesellschaft erhob. Er teilte mit den Gecken nur eine kleine gemeinsame Schnittmenge, die sich auf Äußerlichkeiten beschränkte. Ansonsten stand er ihnen kritisch gegenüber.

Laut Stendhal dominierten Schwäche, Kälte, Heuchelei und Anstand das Benehmen der guten Gesellschaft. Er ermahnte sich zwar stets, das Natürliche in seinem Benehmen und Stil zu beachten, dennoch bediente sich Stendhal in pragmatischer Weise der Maske, um seine Ziele zu erreichen und sein Leben weitestgehend seinen Vorstellungen entsprechend gestalten zu können. Sein Dandysmus erscheint dabei beinahe als unfreiwillig, als unabdingbare Pose zum Selbsterhalt. Mit zunehmendem Alter machte sich Stendhal unabhängiger von der Gesellschaft. Er ging dazu über, seine eigene Lebensphilosophie, den Beylismus, zu verbreiten. Darin enthüllt sich Stendhals Streben nach dem Glück, das sich auf die Lehren der Ideologen und Sensualisten gründete und schließlich zum Streben nach dem Heroischen und Erhabenen führte. Stendhal vertraute fest darauf, dass die kommenden Generationen vernünftiger und fortschrittlicher, d.h. ehrlicher, handeln werden. Er sah die Entwicklung der Menschheit als eine fortschreitende Vervollkommnung. Stendhal prophezeite für das beginnende 19. Jahrhundert, dass leitende Funktionen in der Gesellschaft zunehmend Männer von Geist erforderten. Er selbst war ein Vorreiter der Moderne, der beklagte, dass die Sitten starr aufrechterhalten werden, während sich die Gesellschaft in vielen anderen Richtungen rasant entwickelte.

Trotz seiner zeitkritischen Anschauungen stand Stendhal den gesellschaftlichen Entwicklungen jedoch nicht durchweg positiv gegenüber. Er schätzte Paris als Kulturhauptstadt Europas, doch die so genannte gute Gesellschaft widerte ihn an. Kritisch stand er auch dem Warencharakter seines Jahrhunderts gegenüber. Er verachtete die Masse und schätzte zugleich die Republik, da sie seinem Anspruch auf Gerechtigkeit am stärksten entsprach. Stendhals eigenes Elitedenken verhinderte jedoch eine absolute Bejahung dieser Staatsform. So führt die dandystische Geringschätzung der Masse zur Ablehnung der Demokratie im Allgemeinen und Amerikas im Besonderen. Stendhals Abscheu gründete sich vor allem auf die konventionalisierte Lebensweise, welche die Masse mit sich bringt und die ein eigenes Nachdenken und Handeln nicht fördert. Die Demokratie galt ihm dennoch als das geringste Übel. Entscheidend sind jedoch die Menschen, die eine Nation ausmachen. Für Stendhal waren sowohl die Franzosen als auch die Amerikaner wenig geistreiche Menschen. Die Demokratie forciert diesen Mangel an Geist noch, da sie jegliche Originalität unterdrückt. Gleichzeitig musste Stendhal zugeben, dass die Menschen, die Energie und Tatendrang aufwiesen, meist aus dem Bürgertum kamen. Diese Aktivität lag offenkundig in ihrem Aufstiegsstreben begründet. Das Bürgertum gewann an Macht und Einfluss, so dass es die öffentliche Meinung bald dominierte. 

Goethe drückte die ambivalente Spannung, die das Verhältnis zwischen Stendhal und der Gesellschaft charakterisierte, so aus:

Die paar Pröbchen zeigen Dir seine freie und freche Art und Weise. Er zieht an, stößt ab, interessiert und ärgert, und so kann man ihn nicht loswerden.

Ähnliches schrieb Paul Bourget über Stendhals Roman Rot und Schwarz:

[...] – livre extraordinaire, et que j’ai vu produire sur certains cerveaux de jeunes gens l’effet d’une intoxication inguérissable. Quand ce roman ne révolte pas, il ensorcelle.

In dem Moment, wo der Dandy abstößt, zieht er auch an. Er fasziniert, denn er bringt Abwechslung in eine gelangweilte Gesellschaft, in welcher die meisten Menschen einen einstudierten Geist haben. Stendhal fühlte sich zu großen, heroischen Taten berufen und dieser Tatendrang führte ihn zum Militär. Mit Freude zog Stendhal in den Krieg, doch er gelangte schnell zur Resignation. Militärischer Ruhm blieb ihm versagt, da er sich den Autoritäten nicht unterzuordnen vermochte. Sein Widerwille gegenüber jeglicher Form von Schmeichelei, Heuchelei und Kriechertum erschwerten ihm den Aufstieg Zeit seines Lebens. Stendhal rettete sich in einen Kult der Auserwählten der so genannten ‘happy few’. Dabei handelte es sich um eine Art Geheimgesellschaft, deren Mitglieder sich gegenseitig an ihrem natürlichen Geist erkennen. Dies war auch das Publikum, an das er sich wandte. Immer wieder konstatierte Stendhal die Verurteilung und Verkennung dieser erhabenen Menschen durch die Gesellschaft. Originalität war nicht erwünscht. Das Wort war sogar negativ konnotiert, da sie einerseits dem Anspruch der Gleichheit entgegen stand, der seit der Revolution zumindest theoretisch bestand. Zum anderen verletzte die Aufrechterhaltung der eigenen Originalität die Eitelkeit der anderen.

Stendhals verstieß des Öfteren gegen die Etikette. Die Lust am Bösen und Unmoralischen ist ein wesentliches Element der dandystischen Verführung. Das damit in die Nähe rückende Verbrechen wird häufig von einer rein ästhetischen Perspektive aus betrachtet. Was die Gesellschaft als gut und notwendig erachtet, mag dem Dandy als Last erscheinen. Die Zuweisungen von Gut und Böse oder Schön und Hässlich verändern sich in Abhängigkeit von der Sichtweise. So kann eine Tat, die der Gesellschaft als verwerflich erscheint, dem Dandy als Wohltat gelten. Stendhal bestand darauf, seinen Neigungen und Interessen entsprechend zu leben und sein persönliches Glück zu verfolgen. Die Ausprägung der Originalität und des eigenen Stils war für Stendhal elementar, wenngleich nicht einfach durchzusetzen.

Wer sich wie der Dandy den konventionellen Rollenzuweisungen entzog, wurde stigmatisiert. Das vernichtende Urteil des Dandys über die Gesellschaft sollte mit seiner Stigmatisierung entkräftet werden. Dies kann über Diffamierung oder Krankheitszuweisung, im Falle von Künstlern auch über Zensur, erfolgen. Die vortrefflichsten, wirklich charakterstarken Leute fand man laut Stendhal dementsprechend im Zuchthaus. Er selbst verstand es, die Stigmatisierung zu vermeiden. Stendhal wusste um seine Überlegenheit, sorgte aber dafür, dass sie verkannt wurde. Er übte zu seinem eigenen Schutz Selbstzensur, bediente sich verschiedener Masken und folgte dem Grundsatz “Verbirg dein Leben”.

Diese Art von Selbstzensur beinhaltet auch das Element des Schweigens, das für den Dandy durchaus charakteristisch ist. Stendhal schrieb, dass er gern in “das Schweigen des Glücks” versank und nur sprach um sein “Eintrittsgeld zu bezahlen”.[9] Hier wird bereits die Verrohung der Sprache erkennbar, ihr Wandel zur Ware, der von den Fin de Siècle- Ästheten so sehr beklagt werden wird. In manchen Salons schwieg Stendhal instinktiv, da er wusste, dass ihn niemand verstehen würde. Das Schweigen fungierte bei Stendhal als Deckmantel, unter dem die geistige Überlegenheit des Dandys versteckt war.

Trotz oder vielleicht gerade aufgrund dieses Rückzugs galt er als Exzentriker und Sonderling. Seinen mangelnden Erfolg führte er darauf zurück, dass sein Geist in seinen Werken erkannt und er darum aus Furcht verachtet wurde. Tatsächlich offenbaren sich Stendhals Überzeugungen und Wesensarten seinen literarischen Helden. Dies zeigt sich in diversen Gemeinsamkeiten wie republikanischen Überzeugungen, Atheismus, Napoleonbegeisterung, Langeweile, Selbstmordgedanken, Egotismus oder dem Streben nach Ruhm.

Wie die Masse über etwas urteilt, ist dem Dandy gleichgültig. Für Stendhal spielte es keine Rolle, ob sie ihn verachtet, verhöhnt oder verehrt. Diese Gleichgültigkeit entwaffnet alle Gegner; der Dandy macht sich völlig unabhängig. Stendhal erkannte dies:

Da man nur Macht über dich hat, wenn man dir etwas wegnimmt oder dich auf etwas hoffen läßt, was nur durch deine Leidenschaft Wert besitzt, stehen deine Gegner plötzlich ohne Waffen da, wenn es dir gelingt, gleichgültig zu erscheinen.

Die Kaltblütigkeit garantiert dem Dandy  seine Unabhängigkeit und äußert sich nicht zuletzt auch im Sprachverhalten. Stendhal übte sich in Ironie, hinter der er Zeit seines Lebens seine Empfindsamkeit verbarg. Er beherrschte und manipulierte die Gesellschaft durch Sprache.

Stendhal war überzeugt, dass die Konventionen der Gesellschaft eine Lüge sind. Eitelkeit, Maskerade aber auch die Machenschaften der Institutionen waren Teil dieser Lüge. Da jegliches Verhalten durch einen Kodex geregelt war, gab es nur noch stilisiertes, jedoch kein natürliches Verhalten, denn ein wahrer und natürlicher Stil sorgte in der Gesellschaft für Verwirrung und verletzte die Eitelkeit sowie die Wohlanständigkeit. Als Stendhal diesen Konventionen entgegentrat, griff er die Gesellschaft an. Er tat dies jedoch auf subtile Weise und lachend. Sein Angriff erschien auf den ersten Blick nicht feindlich. Er galt zwar manchen als gefährlich, doch sein Esprit und seine Intelligenz wurden nie in Frage gestellt. Es war ihm ein Vergnügen, unmoralisch zu erscheinen. 

Ein gewisses Maß an Aufsehen war recht einfach herbeizuführen, denn offene Kritik und direkte Wahrheiten waren in der französischen Gesellschaft zu Zeiten Stendhals tabu. Die Ursache dafür ist in dem tradierten Konversationsstil zu suchen. Stendhal machte Ludwig XV. dafür verantwortlich, an dessen Hof die Aussagen verschleiert werden mussten, was zu einem komplexen Konversationsstil führte, der erst erlernt werden musste. Dieser Stil prägte die französische Gesellschaft noch zu Stendhals Zeiten und war auch der Grund, warum sowohl seine Äußerungen in den Salons, als auch seine Bücher so provozierten. Sein Stil wurde in den Kritiken beständig angegriffen, da er nicht weitschweifig genug war. Madame de Palfy sagte zu Stendhal:

Ich mag ihr Buch nicht; die Dinge sind zu deutlich und zu roh ausgedrückt.

Stendhal hatte den Anspruch, klar und verständlich zu schreiben. Er zog eine in schlechtem Stil verfasste Wahrheit einem brillanten Satz, der den Leser zu falschen Gedanken führe, vor. Wie radikal Stendhals literarische Arbeit war, zeigt die Bemerkung des Journal de Paris anlässlich der Veröffentlichung von “Racine et Shakespeare” (1823), einer programmatischen Schrift, in der sich Stendhal mit dem Gegensatz zwischen Klassik und Romantik auseinandersetzt, dass dieser darin eine literarische Revolution vorschlage. Stendhal wendet sich darin gegen die traditionelle Konzeption von Raum und Zeit, die den Regeln entsprechend ‘real’ sein sollen, d.h. der Handlungsrahmen eines Stückes entspricht der Aufführungsdauer, was Geschichten, die über Jahre dauern, unmöglich mache. Hier knüpft der große Erfolg des psychologischen Entwicklungsromans an, der von Stendhal realisiert wurde. Sainte-Beuve schrieb es Stendhal später unter anderem zu, die Schranken durchbrochen zu haben, die 1820 noch jegliche Innovation unmöglich machten.

Als kühn erwies sich Stendhal vor allem in seinem bereitwilligen Plagiarismus, worin sich der dandystische Dilettantismus und die Verachtung der Schriftstellerei als Beruf enthüllt. Stendhal kopierte beispielsweise von Goethe und entnahm der Edinburgh Review ganze Seiten. Teile seiner “Histoire de la peinture en Italie” sind nahezu wörtlich von Luigi Lanzis “Storia pittorica dell ? Italia” (1792) übernommen, ebenso wie seine Abhandlung über das Leben von Haydn von Carpanis Haydine.

Ein typisches Merkmal des Dandys ist die Ästhetisierung des Lebens. Stendhal war den Künsten und dem Schönen sehr ergeben. Er schätzte die Natürlichkeit des Menschen jedoch zu sehr, als dass er sein Leben vollkommen ästhetisiert hätte. Unklar ist jedoch, wie er sein Leben gestaltet hätte, wenn ihm ein größeres Vermögen zugefallen wäre, denn ein gewisses Maß an Artifizialität war ihm eigen, wie ein Brief an seine Schwester Pauline belegt:

All das weckt in mir den Gedanken [...], daß die Künste, die uns zu gefallen beginnen, weil sie die Freuden der Leidenschaften gewissermaßen durch Reflexion beschreiben [...] uns letztendlich stärkere Genüsse verschaffen können als die Leidenschaften.

Die Freude am Schönen und Stendhals Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Regeln und Meinungen führte dazu, dass er das Schöne aus dem Kontext der Moral herauslöste. Damit war er einer der ersten Vertreter des L’art pour l’art- Prinzips.

Melanie Grundmann

Dr. Melanie Grundmann ist Kulturwissenschaftlerin und beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem Phänomen des Dandys. Sie hat mehrere Bücher, Aufsätze, Artikel und Vorträge zum Dandyismus und angrenzenden Themen verfasst.

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